Dienstag, 1. August 2017

Bin ich falsch?

Ich dachte immer, ich bin falsch. Zu still, zu verträumt, zu unsportlich, nicht liebenswert, zu streberhaft, zu uninteressant, keine gute Freundin, Tochter, Enkelin.
Erst durch die Therapie lernte ich, dass das nicht so ist. Dass Autoritäten wie Lehrer oder Großeltern nicht automatisch recht haben oder sich korrekt verhalten. Alle Menschen machen Fehler – egal, welchen Status oder Beruf sie haben. 

Wenn mir eine Lehrerin sagte, ich sei unsportlich, dann glaubte ich ihr das. Warum auch nicht? Sie hatte Sport studiert und unterrichtete schon lange an unserer Schule. Inzwischen liebe ich es, mich zu bewegen – beim Yoga zum Beispiel. Und wo als Kind meine Stärke lag – nämlich im Laufen von Kurzstrecken – da lobte mich nie jemand. Und dabei war ich beim Sprinten sogar schneller als manche Jungs meiner Klasse. Aber Schwaben halten es eben mit dem Motto „Nicht gemeckert ist Lob genug“. Und dabei hätte mir ein wenig Bestärkung damals so gut getan. Aber alles, was ich hörte, war Spott – von meinen Mitschülern und der Lehrerin, teilweise auch in Kombination.

Wie mit dem Sport und dem Handarbeiten (über das Häkeln hatte ich ja kürzlich schon geschrieben), war es mit so vielem. Dabei war nicht ich „falsch“ – aber mein Umfeld war es für mich. Die spießige, kleine, schwäbische Dorfwelt der 80er Jahre war nicht meine. Das ist sie bis heute nicht und sie wird es nie werden. Ich habe dort nie hin gepasst. Das „klassische Familienbild“ dieser Zeit mit Haus, Auto und gepflegtem Vorgarten war kein Ideal für mich – vielleicht auch, weil ich das bei mir zu Hause so nicht erlebte. Oder aber auch, weil meine Eltern beide ebenso wenig in diese Umgebung gepasst haben. Vielleicht gibt es ein Gen, dass manche von uns einfach von etwas anderem träumen lässt. 

Als Kind und auch als Jugendliche konnte ich das allerdings so nicht erfassen. Ich spürte nur, dass ich immer ein Außenseiter war. Und auch noch ein Außenseiter, der sich nicht wehren konnte. Ich hatte nicht gelernt, für mich einzustehen. Und ich ging davon aus, dass sie alle im Recht waren.

Nach und nach fallen mir immer mehr Erlebnisse ein, die ich inzwischen in einem anderen Licht sehe. Und ich erkenne, wie verletzend sich andere mir gegenüber verhalten haben. Gerade meine Lehrer, die damit so vieles für mich in meiner Schulzeit noch schlimmer gemacht haben. Da gab es zwei, die haben mehr in mir gesehen. Aber die beiden haben nicht ausgereicht, um den Rest auszugleichen.

Es tut weh, mich an diese Zeit zu erinnern. Ich denke an den einsamen Teenie von damals – alleine in seinem Zimmer. Wie sie sich dort hin zurückzieht, weil sie dort sein kann, wer sie sein möchte. Sie flieht in Fantasygeschichten und Musik, um den Schmerz und die Einsamkeit nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Ich spüre den Schmerz zurzeit noch einmal. Aber ich hoffe, dass ich ihn nun nutzen kann, um all das endlich loszulassen. Und um zu lernen, dass an mir nichts falsch ist, dass nichts davon meine Schuld war.

Alles Liebe
Anni

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