Dienstag, 18. Juli 2017

Von Glaubenssätzen und Häkelnadeln

Es gibt ja Sätze, die wir so oft hören, dass wir ihre Aussage irgendwann für die Wahrheit halten. Auch, wenn das vielleicht gar nicht der Fall ist. So wird etwas zu unserer Überzeugung, zu unserer Realität.  

Mir wurde zum Beispiel oft gesagt, dass ich kein Talent zum Handarbeiten und Basteln habe. Von Lehrern, von meiner Großmutter …. Und natürlich stellte ich mich dann entsprechend ungeschickt an, wenn mir jemand etwas beizubringen versuchte. Ich „wusste“ ja schon, dass ich das nicht kann. Meine Stickarbeiten wurden also schief und ungleichmäßig, meine gehäkelten Topflappen wurden zum Ende hin immer schmäler und von der Zugluftschlange, die ich in der sechsten Klasse genäht habe, fangen wir lieber gar nicht erst an. Als Folge wählte ich Hauswirtschaft nach der sechsten Klasse ab und lernte lieber Französisch. Sprachen lagen mir ja schon immer.

Immer wieder in meinem Leben kam ich an einen Punkt, an dem ich Lust hatte, etwas kreatives zu machen. Zeichnen, stricken, basteln – aber halt. Ich wusste ja, dass ich dafür kein Talent habe. Dass ich es deswegen auch eigentlich gar nicht erst versuchen muss. Es wird ja eh nicht klappen. Wozu also?

Aber stimmt das wirklich? Bin ich wirklich nicht begabt? Waren es nicht vielleicht die falschen Lehrer, der falsche Zeitpunkt in meinem Leben?

Am Samstag hatte ich in einem Buchladen ein Buch mit Häkelvorlagen für kleine Tierchen in der Hand. Ich schaute mir die Bilder an und dachte nur „Schade, dass du sowas nicht kannst.“ Zuhause wartete mein Häkel-Flamingo Fred auf mich, den ein ganz liebes Mädel für mich gehäkelt hat, weil ich es ja nicht kann und ich Fred aber unbedingt haben wollte. Und irgendwie arbeitete das Thema das restliche Wochenende in mir. So lange, bis ich mich entschloss, mir am Montag eine Häkelnadel und ein Knäuel Wolle zu kaufen und es einfach zu probieren.

Und was soll ich sagen? Ich schaute mir ein Tutorial auf Youtube an und häkelte gestern Abend die ersten Maschen seit 30 Jahren. Mir rutsche ständig der Faden von der Nadel und die Maschen sind noch etwas unregelmäßig. Aber es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich total euphorisch und lächelnd ins Bett gegangen bin.

Ich bin stolz auf mich. Stolz darauf, dass ich es geschafft habe, einen Glaubenssatz niederzuringen, der mich über Jahrzehnte begleitet hat. Es ist keine Mount-Everest-Besteigung, aber für mich fühlte es sich gestern so an.

Niemand hat das Recht, uns einzureden, dass wir etwas nicht können. Natürlich werde ich nie all das können, was ich gerne möchte. Für manches fehlt das Geld, die Zeit oder was auch immer. Aber es gibt so vieles, das ich selbst in der Hand habe. Und wenn es „nur“ eine Häkelnadel ist.

Seid mutig, probiert euch aus. Und glaubt nicht alles, was man euch einreden will – hinterfragt es. Es lohnt sich.

Alles Liebe
Anni

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