Mittwoch, 5. Juli 2017

Fremdes Terrain

Stabile Phasen sind angenehm. Die dunklen Gedanken halten sich zurück und ich kann die Energie, die ich sonst für deren Eindämmung brauchen würde, für andere Dinge nutzen.

Neben der Wiederaufnahme meiner kleinen Sporteinheiten ist das im Moment vor allem die Eroberung von neuem Terrain. Ich spüre immer stärker, wie sehr ich mich eingeschränkt habe in den letzten Jahren. Ich weine dem nicht nach – die Einschränkungen waren eine Folge meiner Biographie und der daraus entstandenen Depression. Es ist also kein „Fehler“ von mir gewesen, sondern eine natürliche und für mich früher wichtige Reaktion. Jetzt, nachdem ich die Zusammenhänge und Muster durch die Therapie erkannt habe, kann ich bewusst etwas gegen diese Selbstbeschränkung tun. Gegen den Drang, Dinge, die ich gerne tun würde, aus vorauseilendem Gehorsam einfach direkt sein zu lassen. Ohne zu wissen, ob überhaupt jemals Gegenwind käme. Weil ich einfach immer brav, nett und unauffällig sein wollte.

Und ich gehe gegen die Einschränkungen an. In kleinen Schritten. Denn fremdes Terrain zu erobern ist für mich ungewohnt und kostet mich viel Mut und Anstrengung. Die Fragen nach dem „Darf ich das?“, „Habe ich das verdient?“ oder dem „Was denken denn die anderen von mir?“ sind noch sehr präsent. Sie lassen mich morgens immer noch kritisch in den Spiegel schauen, ob ich das neue Outfit auch so anziehen kann. Oder darüber nachdenken, ob ich beim Mittagessen mal kein Wasser kaufe sondern eine Limonade. Ob ich auf ein HipHop-Konzert gehen kann, obwohl ich sonst ja eher etwas rockiger unterwegs bin. Ob ich das Foto auf Instagram hochlade, obwohl ich darauf ungeschminkt bin oder die Wohnung nicht aufgeräumt ist. Immer noch habe ich das Gefühl, etwas verbotenes zu tun, oder etwas, dass ich einfach nicht verdient habe. Mein eigener Schatten und die Schatten der Vergangenheit stehen mir im Weg.

Das mag für andere Menschen total albern klingen. Sie mögen denken: „Warum macht sie nicht einfach? Ist doch egal, was die anderen denken, wenn sie denn überhaupt darüber nachdenken.“ Es sind Kleinigkeiten. Alltägliches. Nicht der Rede wert. Für andere vielleicht. Für Menschen, die nicht mit permanenter Ablehnung und fehlender Unterstützung zu kämpfen hatten. Die ihr Leben lang ein liebevolleres Umfeld hatten als ich. Ich muss erst noch lernen, dass ich jetzt Menschen um mich habe, die meine neue Haarfarbe mögen, sich über meine Konzertbesuche freuen und Fotos mit Augenringen liken. Diese Anerkennung bzw. dieses respektiert werden ist für mich neu. Es fühlt sich gut an und ermutigt mich, weiterzumachen. Immer neue Dinge zu wagen. Ich probiere aus. Ich taste mich vor. Ich nutze die gute Phase, um neue Muster zu implementieren und in schlechten Phasen damit leichter darauf zugreifen zu können. Denn ich will mich nicht mehr einschränken lassen. Weder von anderen. Noch von mir selbst. 

Alles Liebe
Anni

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