Dienstag, 6. Juni 2017

Vor-Geburtstags-Gedanken

Ich werde bald 39 Jahre alt. Es kommt mir immer noch etwas unwirklich vor, dass ich schon „so alt“ bin. Ich fühle mich einfach nicht wie Ende 30. Und schon gar nicht erwachsen.

Natürlich gehe ich arbeiten, zahle meine Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, habe eine Lebensversicherung und einen Bausparvertrag, ein Auto, zahle meine Miete, halte meine Wohnung (meistens) sauber. Ich übernehme Verantwortung für mich selbst, im Job, in der Familie. Ich gehe regelmäßig zu Vorsorgeterminen beim Arzt, habe meine Finanzen in Ordnung. Machen diese Dinge einen Erwachsenen aus? Und wenn es das nicht ist, was ist es dann? 

Oft sehe ich Menschen an und denke mir „die/der wirkt so erwachsen“. Und dann fange ich an, mich zu vergleichen. Nicht nur, weil ich inzwischen fast nur noch Jeans und Sneaker trage oder mir rosa Strähnen in die Haare mache. Oder kaum Falten im Gesicht habe. Ich fühle mich einfach nicht, als würde ich in die Welt der Erwachsenen gehören, als würde ich nur so tun. Es ist ein bisschen so wie früher auf dem Schulhof, wenn man als Fünftklässler den Schülern aus den höheren Klassen zugeschaut hat und versucht hat, ihr Verhalten zu imitieren.

Ich liebe bunten Schnickschnack, Zeichentrickfilme und Plüschtiere. Von meinem Mann habe ich mir ein Paar Schuhe mit Snoopy-Aufdruck zum Geburtstag gewünscht. Ich spiele bei Familienfeiern lieber mit meinem Neffen Lego als mich mit den anderen zu unterhalten. Ich male Katzen und Einhörner aus und wenn irgendwo Flamingos drauf sind, muss ich es sofort haben. Mich begeistern Seifenblasen und Luftballons und Wunderkerzen. Über eine Star Wars-Tasse freue ich mich immer noch mehr als über ein Schmuckstück oder Parfüm. Ich kann mich (wenn ich nicht gerade eine depressive Episode habe) wie ein Kind für Dinge begeistern, die mir gefallen.

Ich habe immer auf den Moment gewartet, an dem ich mich erwachsen, vernünftig fühle. Vor ein paar Tagen ist mir aber klar geworden, dass dieser Moment wahrscheinlich nicht kommt. Und dass ich das auch gar nicht will. Ich will das Kind in mir behalten. Es bringt Farbe in mein Leben. Farbe, die das grau des Alltags ausgleicht und aufhellt. Ich liebe es einfach zu sehr, abends auf der Couch mit einem Plüsch-Flamingo im Arm unter meine Snoopy-Kuscheldecke zu kriechen und Tee aus meiner Sheepworld-Tasse. Mir sonntags „Die Sendung mit der Maus“ anzusehen. Ich schaue mir lieber Street-Art an als Kunst in einem Museum. Ich verfolge im Netz, was meine Lieblingsmusiker so anstellen. Ich trage einen Krümelmonster-Schal im Büro. Ich genieße es inzwischen sogar ganz bewusst, mal unvernünftig zu sein.

Ich werde immer etwas flippiger sein als andere in meinem Alter. Als der Rest meiner Familie. Das hat mich belastet – ich wollte nicht anders sein. Anders sein bedeutet, Angriffsflächen zu bieten, nicht dazu zu gehören. Aber seit ein paar Tagen habe ich das zum ersten Mal das Gefühl, dass es okay für mich ist. Ich bin einfach so. Ich war schon immer eine Träumerin, konnte mich in Büchern und fremden Welten verlieren. Warum sollte ich das aufgeben? Ich habe diesen fantasievollen bunten Anteil in mir jahrelang unterdrückt. In dieser Zeit bin ich krank geworden, fühlte mich verloren. Ich habe mir gefehlt.  

Sollen doch die anderen so Leben wie es ihrem Wesen entspricht. Ich tue das jetzt nämlich auch.

Alles Liebe
Anni

1 Kommentar:

  1. Aber das macht doch nichts. Auch ich bin in dieser Hinsicht ein "Alien".
    Ich bin Kind und werde wohl immer Kind bleiben.
    Damit haben wir beide etwas, was andere längst verloren haben... LG

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