Freitag, 26. Mai 2017

Ist perfekt wirklich perfekt?

Ich habe einen Verdacht. Ich fürchte, ich bin mir im Kampf gegen die Depression selbst in die Falle gegangen. In die Perfektionismus-Falle. Und seit dem ich diesen Gedanken hatte, frage ich mich, ob ich mich damit mal wieder selbst blockiert habe. 

Perfektionismus war für mich als Kind/Teenie eine Strategie, mit meinen damaligen Lebensumständen zurecht zu kommen. Und auch, als ich dieses Verhalten nicht mehr nötig gehabt hätte, habe ich es beibehalten. Bis es, zusammen mit anderen Dingen, in die Depression geführt hat. Ich versuche, seit dem ich das weiß, weniger perfekt sein zu wollen. Fehler auszuhalten. Bewusst nicht 100% zu geben, wenn es das Ergebnis nicht wert ist. Es fällt mir oft noch sehr schwer. Aber nach über 30 Jahren lassen sich Gewohnheiten eben leider nicht so schnell aufgeben.

Natürlich habe ich alles, was ich an Energie aufbringen kann, in meinen Kampf gegen die Depression gesteckt. Mein Alltag dreht sich eigentlich fast nur noch darum. Klar, diese Krankheit beeinflusst das Fühlen und Denken, bestimmt meinen Antrieb, meine Motivation. Sie hat mich im Kern dessen getroffen, was mir am wichtigsten war – perfekt zu funktionieren. Und natürlich will mein Unterbewusstsein da auch wieder hin. Es hat noch nicht verstanden, dass es die perfekt funktionierende Anni nicht mehr geben wird. Weil ich nicht mehr perfekt funktionieren will.

Aber mein Unterbewusstsein drängt mich noch immer zu, perfekt zu sein. Ich bin eine „Muster-Patientin“ – höre auf die Tipps von Psychiater und Therapeutin. Kaufe nicht nur ein Ausmalbuch sondern gleich zehn. Mache meinen Mittagspausen-Spaziergang auch wenn es regnet und ich keine Lust drauf habe. Drehe mein Leben an allen möglichen Punkten von oben nach unten, um gegen alte Verhaltensweisen anzugehen. Von null auf hundert, entweder ganz oder gar nicht. 
Doch tue ich mir damit wirklich etwas Gutes? Wäre es nicht sinnvoller für mich, die „Hausaufgaben“, die mir die Depression mitgibt, eine nach der anderen zu lösen? Verheddere ich mich in zu vielen offenen Themen, in zu viel Veränderung auf einmal? Überfordere ich mich damit nicht wieder selbst?

Vielleicht sollte ich ab und zu auf die Depressions-Arbeit pfeifen. Auch einfach mal fünfe grade sein lassen. Auf der Couch rumgammeln, wenn mir danach ist und das Malbuch Malbuch sein lassen. Nach Feierabend mal durch die Stadt bummeln, anstatt nach Hause zum Sport zu hetzen. Wieder lernen, zwischen wirklichem Bedürfnis und reinem Pflichtgefühl zu unterscheiden. Nicht alles, was mir gut tut, muss mir zu jedem Zeitpunkt gut tun und hilfreich für mich sein. Und vielleicht verstehe ich das nun auch endlich, da ich es schwarz auf weiß vor mir sehe.

Alles Liebe
Anni

1 Kommentar:

  1. Sehr "treffend" analysiert !Bitte in dieser Richtung weiterkämpfen ,es wird ,könnte sich lohnen !
    Viel Glück & Kraft dazu ich wünsche !
    Spät "Lenz" Grüße,
    p

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