Donnerstag, 23. Februar 2017

Veränderungen

Meine Gedanken und Gefühle fahren in den letzten Tagen Achterbahn mit mir. Mal geht es mir gut – dann wieder schlecht – dann wieder gut … Und zwischendurch habe ich immer wieder das Gefühl, ich funktioniere nur und alles läuft auf Autopilot. Dieses Hin und Her ist irgendwie anstrengend und zermürbend.

Zum einen spielt sicher die Situation bei meinem Job eine Rolle. Durch eine interne Umstrukturierung soll ich demnächst eine Stelle bekommen, die ich nicht möchte. Es wird zwar noch weitere Gespräche geben, aber inzwischen weiß ich, dass ich mir einen neuen Job suchen werde, wenn ich meinen aktuellen nicht behalten kann. Auch wenn mich das sehr anstrengen wird – mein Selbstwert lässt diese (in meinen Augen sinnlose) Verschiebung und Abwertung nicht mit sich machen. Darauf bin ich schon ein wenig Stolz – früher hätte ich das einfach so hingenommen und mich im Stillen geärgert. Eine erste Bewerbung habe ich sogar schon geschrieben. Aber natürlich belastet mich diese Unsicherheit sehr.

Auf der anderen Seite ist da ein extremer Hunger nach Leben, Lebensfreude, nach Spaß, Abenteuer. Ich habe dieses Jahr Karten für acht Konzerte gekauft – Musik war schon immer etwas, bei dem ich mich so richtig spüren konnte, ganz ich war. Deswegen habe ich auch gestern einen neuen Satz Saiten gekauft und nach fast zwanzig Jahren Pause meine Gitarre wieder in die Hand genommen. Und es fühlte sich einfach nur richtig an. Für drei der Konzerte fahren mein Mann und ich sogar in andere Städte und übernachten dort – etwas, das wir für ein Konzert noch nie gemacht haben. Und auch wenn das für die meisten nicht spektakulär klingen mag – Heidelberg, Ulm und Hamburg sind schließlich nicht New York oder Tokyo – für mich sind es Abenteuer, die mich aus meiner jahrelang gehüteten Routine herausholen.

Dieser Umbruch macht mir natürlich auch Angst. Meine schöne, bequeme Komfortzone zu verlassen beunruhigt mich. Obwohl in mir gleichzeitig alles danach schreit, sie endlich hinter mir zu lassen. Und auch wenn dieser Spruch so abgedroschen scheint – aber das Leben, mein Leben, beginnt wohl irgendwo außerhalb dieser Komfortzone. Für die guten Veränderungen fühle ich mich bereit und kann kaum erwarten, sie zu erleben. Ich bin fest entschlossen, dem Positiven mehr Raum zu geben. 
Aber was ist mit den Veränderungen, die mir aufgedrängt werden? Wie gehe ich mit einem möglichen, erzwungenen Jobwechsel um? Kann ich auch diese Veränderung von einer guten Seite sehen? Kann ich, trotz Depression, in eine neue Herausforderung hineinwachsen? Wird mir ein Wechsel am Ende vielleicht sogar gut tun? Ich kann es im Moment noch nicht abschätzen. Ich kann nur versuchen, die Horrorszenarien, die mein Kopf sich ausmalt, zu unterbrechen. Und dem zu harren, was 2017 noch so für mich bereithält. 

Alles Liebe
Anni

Montag, 6. Februar 2017

Alte Muster

Alte Gedankenmuster. Sie können einfach so wahnsinnig lästig sein.

Wer meinen Blog regelmäßiger verfolgt, hat sicherlich schon gelesen, dass meine Kindheit und Jugend von Hänseleien, Ausgrenzung und Einsamkeit geprägt waren. Zu dieser Zeit habe ich mir angewöhnt, fehlende Zuwendung durch Essen zu kompensieren. Essen hat mich getröstet, Essen hat die Leere in mir gefüllt. Schokolade, Chips, Gummibärchen – immer weiter essen, so lange, bis die Tüte leer war.

Dieses Muster hat sich dermaßen eingebrannt, dass ich es auch heute noch immer noch verfolge. Wenn ich mich ungeliebt, alleine oder traurig fühle, verspüre ich Appetit. Auf Fett und Zucker. 
Sobald wir zu Hause etwas passendes in unserem Vorratsschrank haben, quengeln meine Gedanken so lange, bis ich aufstehe und mir das Zeug geholt habe. Und es ist erst genug, wenn die Packung leer ist. Außer, mein Mann nimmt mir die Sachen vorher weg. 
(Und ja, er kauft schon kaum noch etwas ein. Aber irgendwas ist halt trotzdem immer da. Und nein, Obst oder Gemüse funktionieren leider nicht.)

Ich hasse es, mich dann nicht unter Kontrolle zu haben; ich bereue es schon während des Essens, sinnlos Dinge in mich hineingestopft zu haben. Es nervt mich, dass ich das Muster zwar erkennen, aber nicht durchbrechen kann.
Aber was mich noch viel mehr stört: Dieses Gefühl des Ungeliebt-Seins. Es will einfach nicht weggehen. Obwohl ich weiß, dass es Menschen gibt, die mich mögen. Die gerne Zeit mit mir verbringen. Wieso nur kommt das nicht an bei mir? Wieso gaukelt mir mein Kopf noch immer vor, das wäre alles nur Schein, die Menschen tun nur so und ich verdiene das alles gar nicht wirklich? Selbst mir ist inzwischen klar, dass sich nicht alle Menschen in meinem Umfeld in mir täuschen können. Irgendwas muss da sein, dass mich liebenswert macht. Aber ich lasse mich davon nicht überzeugen. Ich habe einfach zu lange, zu oft das Gegenteil zu spüren bekommen.

Und dann esse ich wieder. Tröste mich. Wegen eines Problems, das gar nicht mehr da ist. Das ich aber (noch?) nicht loslassen kann.

Alles Liebe
Anni

Freitag, 3. Februar 2017

Heilung ist individuell

Ich habe heute verschiedene Blogbeiträge von Erkrankten über ihren Umgang mit psychischen Erkrankungen gelesen. Die Beiträge waren so unterschiedlich wie die Verfasser – jeder hat seinen eigenen Weg im Umgang mit den Symptomen. Und das ist auch gut so. 

Warum? Weil unsere Krankheiten so verschieden sind wie wir Menschen, die wir sie haben – und damit unterscheiden sich auch die Dinge, die uns helfen können. Was am besten ist, muss jeder für sich herausfinden. 
Das kann mit Hilfe von Ärzten, Therapeuten, Gesprächen mit anderen Patienten, Freunden oder auch durch Recherchen im Internet oder das Lesen von Büchern geschehen. Aber vor allem muss es – meiner Erfahrung nach – in uns selbst passieren. 

Denn nur ich kann spüren, was mir gut tut. Ich muss mich auf die Dinge einlassen können, die mir helfen sollen. Nur weil die Klinik, in der ich war, Ergotherapie für sinnvoll hält, heißt das nicht, dass sie es für mich auch ist (und in diesem Fall war sie es tatsächlich nicht).
Mir hat dagegen z. B. die Musiktherapie sehr viele hilfreiche Erkenntnisse gebracht – andere Patienten haben sie bereits während ihres Aufenthalts abgebrochen.

Ich habe das Glück, eine Therapeutin zu haben, die mich nicht nach Schema F behandelt, sondern die sich mit mir auf die Dinge konzentriert, die für mich funktionieren.
Aber auch als Therapeutin kann sie mir nur Denkanstöße geben, versuchen, mich in eine Richtung zu lenken. Ob mir etwas tatsächlich hilft, muss ich für mich ausprobieren und bewerten. 

Mir hilft es zum Beispiel unter anderem, mich mit meinem Äußeren zu beschäftigen. Dass ich mich in meiner Art zu kleiden und mich zurecht zu machen selbst eingeschränkt habe, war eine Folge von Hänseleien in Kindheit und Jugend (heute würde man das wahrscheinlich Mobbing nennen). Es mag oberflächlich erscheinen, aber roter Nagellack, ein Blouson mit Leo-Muster oder ein neues Tattoo helfen mir dabei, meinen Selbstwert zu erkennen und zu stärken, mich von alten Mustern zu lösen. 

Lasst euch von keinem einreden, dass euch etwas helfen muss. Das muss es nicht. Für den einen ist der Gang in die Klinik das richtige, für den anderen nicht. Und auch die Art der Klinik, der Therapien, ob wir Medikamente nehmen oder nicht – das alles kann nur funktionieren, wenn es zu uns passt. Dieses Ausprobieren kann sehr mühsam sein. Aber es ist und bleibt der einzig wirklich richtige Weg.

Und bitte vergesst nicht: Wenn euch etwas nicht hilft, nicht gut tut – sagt es. Ich weiß, dass das schwer ist. Aber: Tut es für euch. Alles andere wird auf Dauer nicht helfen.  

Alles Liebe
Anni