Mittwoch, 4. Januar 2017

Ein Brief an meine Mutter

Mama,

heute hättest du Geburtstag, deinen 61. Du wolltest nie so alt werden. Und zumindest dieser Wunsch an dein Leben hat sich erfüllt.
Im Februar bist du schon zwanzig Jahre nicht mehr bei uns. Ich lebe dann länger ohne dich als mit dir.

Und doch denke ich noch jeden Tag an dich. Du hast mein Leben so stark beeinflusst und geprägt, meine Entwicklung, mein Verhalten.

Nicht nur im Negativen. Du hast mich zu einem sehr toleranten Menschen erzogen, so tolerant wie du selbst warst. Deine Freunde waren Ausländer, Kiffer und Aids-Kranke. Du warst offen für alle. Dafür danke ich dir heute noch. 
Du hast mir deine Liebe zu Büchern und Musik vererbt. Und die Krippenfiguren, die du 1984 für uns aus Fimo gemacht hast, stehen noch immer jedes Jahr unter meinem Weihnachtsbaum.

Doch du hast auch viel in mir kaputt gemacht. Du hast mich überfordert, mich emotional erpresst, mich in eine Verantwortung gedrängt, die ich in dem Alter noch nicht übernehmen konnte. Durch dein Verhalten habe ich Strategien entwickelt, um mit dir klar zu kommen. Strategien, die irgendwann überflüssig waren, die ich aber beibehalten habe und die mich nach und nach in die Depression geführt haben.
Ich habe mich verantwortlich gefühlt, wenn es dir nicht gut ging – und es ging dir oft nicht gut. Ich habe mich verantwortlich gefühlt, dass du dir einen anderen Mann gesucht hast. Ich habe mich verantwortlich gefühlt, dass du ausgezogen bist. Dafür, dass du das Trinken angefangen hast. Ich habe mich verantwortlich gefühlt für deinen Tod, weil ich ihn nicht verhindern konnte, so wie ich davor schon nichts verhindern konnte.

Erst durch die Therapeutin in der psychosomatischen Klinik letztes Jahr habe ich verstanden, dass ich nicht verantwortlich für dich war und für das, was du getan hast. Fast zwanzig Jahre nach deinem Tod. Eine Bürde, die mich in die Knie gezwungen hat. Zusammen mit dem Drang, keine Angriffsfläche zu bieten und von allen gemocht zu werden, weil ich für dich nie gut genug war. All das sind noch Auswirkungen meiner Kindheit und Jugend.

Ich gebe dir nicht mehr die Schuld dafür. Inzwischen bin ich mir sicher, dass auch du psychisch nicht gesund warst und professionelle Hilfe gebraucht hättest. Ich arbeite meine Vergangenheit auf in der Hoffnung, sie irgendwann so annehmen zu können wie sie war und sie nicht mehr als Belastung in die Zukunft schleppen zu müssen.
Aber ich hätte gerne die Chance gehabt, dich zu verstehen. Zu verstehen, warum dir dein Leben so verhasst war, dass du alles darin zerstört hast – am Schluss sogar dich selbst.

Ich wünsche dir, dass du deinen Frieden gefunden hast. Dass du die Freiheit spüren kannst, die du dein Leben lang vermisst hast.

Alles Liebe
Anni

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