Donnerstag, 26. Januar 2017

Grau vs. bunt

Seit ich depressiv bin, ist meine Welt irgendwie grau geworden. Die Dinge, die Farbe in mein Leben gebracht hatten, sind alle mehr und mehr verblasst, bis auch sie in dieser grauen Masse verschwunden sind. 
Natürlich waren manche Tage heller als andere – aber grau bleibt nun mal grau. Trist, trostlos, leer.

Seit einiger Zeit kommen die Farben zurück in mein Leben.
Ich empfinde wieder Freude, Neugier und Dankbarkeit. Musik schafft es wieder, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Bücher und Filme können mich wieder fesseln. Ich spüre wieder dieses schöne warme Gefühl, wenn ich mit den richtigen Menschen zusammen bin. Ich finde es sogar toll, Wut zu spüren oder weinen zu können. Ich habe Spaß an Kreativität und Bewegung.  

Und auch ich selbst bin mit der Zeit grau geworden. Ich sah nur noch ordentlich aus, um die Fassade aufrecht zu halten. Anziehen machte keinen Spaß mehr, Schminken wurde zur Pflicht – alles für die Maske. Inzwischen spüre ich, dass auch in mich die Farbe zurück kommt. Ich genieße es wieder, mir schöne Sachen zu kaufen, mich anzuziehen, mir die Haare zu machen, mich zu schminken.

Manchmal überwältigt mich diese Farbenpracht. Ich habe mich so sehr an diese endlosen grauen Tage gewöhnt, dass mir das bunt manchmal fast unwirklich erscheint. Wie eine Illusion.
Aber zu oft sind da noch diese Tage, an denen das grau mächtig genug ist, die Farben zu verwischen. Tage, an denen das Fehlen von Farbe fast körperlich schmerzt.

Ich weiß, dass ich noch Geduld brauche, bis die bunten Tage die grauen überwiegen. Dass ich dafür arbeiten muss, auch wenn es an manchen Tagen so viel leichter wäre, mich dem grau zu überlassen. Aber ich will nicht mehr grau sein. Ich will ein Leben voller Regenbögen und Konfetti. Innen und außen.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 4. Januar 2017

Ein Brief an meine Mutter

Mama,

heute hättest du Geburtstag, deinen 61. Du wolltest nie so alt werden. Und zumindest dieser Wunsch an dein Leben hat sich erfüllt.
Im Februar bist du schon zwanzig Jahre nicht mehr bei uns. Ich lebe dann länger ohne dich als mit dir.

Und doch denke ich noch jeden Tag an dich. Du hast mein Leben so stark beeinflusst und geprägt, meine Entwicklung, mein Verhalten.

Nicht nur im Negativen. Du hast mich zu einem sehr toleranten Menschen erzogen, so tolerant wie du selbst warst. Deine Freunde waren Ausländer, Kiffer und Aids-Kranke. Du warst offen für alle. Dafür danke ich dir heute noch. 
Du hast mir deine Liebe zu Büchern und Musik vererbt. Und die Krippenfiguren, die du 1984 für uns aus Fimo gemacht hast, stehen noch immer jedes Jahr unter meinem Weihnachtsbaum.

Doch du hast auch viel in mir kaputt gemacht. Du hast mich überfordert, mich emotional erpresst, mich in eine Verantwortung gedrängt, die ich in dem Alter noch nicht übernehmen konnte. Durch dein Verhalten habe ich Strategien entwickelt, um mit dir klar zu kommen. Strategien, die irgendwann überflüssig waren, die ich aber beibehalten habe und die mich nach und nach in die Depression geführt haben.
Ich habe mich verantwortlich gefühlt, wenn es dir nicht gut ging – und es ging dir oft nicht gut. Ich habe mich verantwortlich gefühlt, dass du dir einen anderen Mann gesucht hast. Ich habe mich verantwortlich gefühlt, dass du ausgezogen bist. Dafür, dass du das Trinken angefangen hast. Ich habe mich verantwortlich gefühlt für deinen Tod, weil ich ihn nicht verhindern konnte, so wie ich davor schon nichts verhindern konnte.

Erst durch die Therapeutin in der psychosomatischen Klinik letztes Jahr habe ich verstanden, dass ich nicht verantwortlich für dich war und für das, was du getan hast. Fast zwanzig Jahre nach deinem Tod. Eine Bürde, die mich in die Knie gezwungen hat. Zusammen mit dem Drang, keine Angriffsfläche zu bieten und von allen gemocht zu werden, weil ich für dich nie gut genug war. All das sind noch Auswirkungen meiner Kindheit und Jugend.

Ich gebe dir nicht mehr die Schuld dafür. Inzwischen bin ich mir sicher, dass auch du psychisch nicht gesund warst und professionelle Hilfe gebraucht hättest. Ich arbeite meine Vergangenheit auf in der Hoffnung, sie irgendwann so annehmen zu können wie sie war und sie nicht mehr als Belastung in die Zukunft schleppen zu müssen.
Aber ich hätte gerne die Chance gehabt, dich zu verstehen. Zu verstehen, warum dir dein Leben so verhasst war, dass du alles darin zerstört hast – am Schluss sogar dich selbst.

Ich wünsche dir, dass du deinen Frieden gefunden hast. Dass du die Freiheit spüren kannst, die du dein Leben lang vermisst hast.

Alles Liebe
Anni