Donnerstag, 21. September 2017

Von Käfern und Gläsern

Habt ihr das früher auch manchmal gemacht? Einen Käfer in einem Glas gefangen, zugesehen, wie er versucht, nach oben zu krabbeln und dann kurz vorher wieder mit den Fingern nach unten geschnippt, damit er wieder von vorne anfängt? 
So fühle ich mich gerade. Immer, wenn ich das Gefühl habe, ich komme endlich oben an, schnippt mich die Depression wieder nach unten. Und ich fange von neuem an, mich nach oben zu arbeiten. 

Und auch wenn „unten“ nicht mehr so tief ist wie vor fast drei Jahren, es fühlt sich noch immer beschissen an, unten zu sein. Unten, wo es dunkel ist und alles Überwindung kostet. Und auch, wenn ich grade ständig für mich selbst sorge und sogar zwischendurch lachen kann, ich spüre, dass es mir nicht wirklich gut geht. Meine Gedanken versuchen mich runterzuziehen, sobald ich nicht auf sie achte. Beschäftigen sich wieder mit längst vergangenen Dingen, führen Gespräche, die es nie geben wird und sagen mir, wie schlecht ich bin.

Dieses ständige Abstrampeln gegen die Depression macht mich müde. Und mürbe. Manchmal sitze ich da und frage mich, ob es nicht einfacher wäre, der Depression wieder nachzugeben. Keine Anstrengung mehr. Die Gedanken das denken lassen, was sie eben denken wollen. Nicht mehr arbeiten gehen, einfach nur liegen bleiben und Tage in einem dumpfen Schwebezustand verbringen. Manchmal ist es zu verlockend.
Und doch mache ich weiter. Mache mich erneut auf, die Wände des Lochs hochzuklettern, in das ich gefallen bin. Weil ich im Sommer gesehen habe, dass es sich lohnt, dort oben zu sein. Da ist es hell, fröhlich und voller lebenswerter Momente. 

Ich will nicht aufgeben. Und darum werde ich mich wieder und wieder aufrappeln. Und ich hoffe auch noch immer auf den Moment, in dem die Depression mich frei lässt. So wie ich damals den Käfer nach ein paar Versuchen wieder aus dem Glas frei gelassen habe. Ich warte auf den Moment, an dem ich meine Flügel wieder ausbreiten und davonfliegen kann. Und den Kampf um den Weg nach oben hinter mir lasse.

Alles Liebe
Anni

Donnerstag, 31. August 2017

Spätsommergedanken

Gestern saß ich noch bei knapp 30 Grad in der Mittagspause im Park. Heute blicke ich aus dem Fenster und schaue den Regentropfen zu.
Der Sommer scheint sich von einem Tag auf den anderen verabschiedet zu haben. Und das, obwohl ich eigentlich noch gar nicht fertig mit ihm war.

Es war für mich ein bunter, erlebnisreicher Sommer. Ein Sommer, den ich nach der Depression der letzten Jahre, endlich wieder mit einer guten und stabilen Stimmung erleben durfte. 
Mittagspausen im Park, Ausflüge nach Ulm und Hamburg, drei Open Air Konzerte, Eis essen in der Stadt, im Kleidchen ins Büro gehen. Ich habe versucht, den Sommer auszukosten. Und doch habe ich das Gefühl, ich hätte noch nicht genug. 

Ich bin kein Freund von großer Hitze, aber ich liebe das Licht. Ich brauche Sonne, um mich wohl zu fühlen. Herbst und Winter haben auch ihre Reize – aber mir fehlt in dieser Zeit die Helligkeit. Ich werde meine Bemühungen, meine Stimmung stabil zu halten, wieder verstärken müssen. Mehr Sport, Vitamin D-Tabletten, Tageslichtlampe. Manchmal fühle ich mich wie eine Solarzelle – wenn das Sonnenlicht fehlt, kann der Akku nicht geladen werden. 

Mir graut es vor Tagen, an denen es um 5 schon wieder dunkel ist. Die so regnerisch und neblig sind, dass es den ganzen Tag nicht hell zu werden scheint. Sie schlagen mir aufs Gemüt, sie verstärken meine depressiven Symptome. Inzwischen weiß ich, wie ich mir zumindest etwas behelfen kann. Aber die Angst, dass das alles nicht ausreicht und ich wieder abrutsche, bleibt.
Und diese Angst wird umso extremer, desto besser es mir zeitweise geht. Weil ich gesehen habe, wie gut es mir gehen kann. Wie schön das Leben sein kann. Und ich einfach nicht wieder apathisch auf der Couch liegen will und es mir zu viel wird, mir die Zähne zu putzen. Ich will leben und das Leben genießen können.

Natürlich kann es anders kommen. Ich nehme eine höhere Dosis Venlafaxin als im letzten Jahr. Ich fange früher mit der Einnahme von Vitamin D an. Ich weiß, dass Bewegung mir hilft und ich habe mit dem Häkeln einen perfekten Skill für mich gefunden. Ich bin wesentlich besser gerüstet für die nächsten Monate. Ich habe immer wieder kurze Auszeiten vom Job eingeplant und der Konzertkalender ist voll. Und doch schleicht sich die Angst ein. Sie sitzt auf meiner Schulter und flüstert mir zu, dass der nächste Absturz nur eine Frage der Zeit ist. Und auch wenn ich ihr nicht glauben will, ist da dieser kleine Teil von mir, der sie nicht überhören kann.

Daher hoffe ich auf viele sonnige Herbsttage. An denen sich das Licht in den bunten Blättern fängt und ich die Chance habe, mein inneres Solarpanel ordentlich aufzuladen. Ich will einfach nicht, dass die dunkle Jahreszeit auch wieder zu meiner dunklen Jahreszeit wird.

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 29. August 2017

Musik und ich

Meine Kindheit war voller Musik. Irgendwo lief immer ein Radio. Und dann gab es die Plattensammlungen meiner Eltern – Beatles, Stones, Eagles, Deep Purple, Genesis, Dire Straits, Westernhagen, Grönemeyer. Ich erinnere mich an ganze Nachmittage, die mein Bruder und ich vor dem Plattenspieler im Wohnzimmer verbrachten, uns die Platten anhörten und uns Mixtapes zusammenstellten. Oder an eine Musik-Quizsendung sonntagabends im Radio, die wir alle zusammen im Bett meiner Eltern hörten und kräftig mitrieten. Später die ersten eigenen Musikkassetten – Genesis und Phil Collins – die erste eigene kleine Anlage. Playback vor dem Kleiderschrankspiegel mit einer Bürste als Mikro in der Hand. Formel Eins und Live Aid im Fernsehen. 

Und auch später lief bei mir immer Musik – während der Hausaufgaben, beim Lesen, mit dem Walkman während langer Autofahrten. Mit 14 kaufte ich mir eine Gitarre und nahm Unterricht. Mit dem Einzug von MTV in unsere Wohnung erschlossen sich mir musikalisch ganz neue Welten. Blur, Oasis, Pulp, Manic Street Preachers, Travis. Meine Jugend stand im Zeichen von Britpop – Musik, die damals in meinem Umfeld außer mir niemand hörte. Ich ging auf erste Konzerte. 

Musik gehörte schon immer zu mir dazu. Sie war Zuflucht und Halt für mich. Ich fand Trost in Texten, fühlte mich verstanden. Beim Musik hören in meinem Zimmer konnte ich einfach ich sein. Ich las mir Wissen an und kannte mich bald gut in Musikgeschichte und den Biografien meiner Lieblingsmusiker aus. Es interessierte mich, woher sie kamen und wie sie zu den Menschen wurden, die sie waren. Ich fühlte mich davon getröstet, dass viele Musiker aus kaputten Familien kamen und Außenseiter waren. Ich war nicht mehr alleine.

Irgendwann verlor ich den Bezug zu „meiner“ Musik. Sie verlor ihre Bedeutung für mich, wurde ein reines Konsumprodukt, ein Hintergrundgeräusch. Ich ging auf keine Konzerte mehr, weil ich niemanden hatte, der die gleiche Musik hörte wie ich. Texte und die Geschichten hinter der Musik interessierten mich nicht mehr. Ich verlor in dieser Zeit einen wichtigen Teil von mir selbst ohne es zu merken.

Im Herbst 2015 kam die Musik mit voller Wucht zurück in mein Leben. Kurz nach meiner Entlassung aus der psychosomatischen Klinik sah ich ein Interview mit Nicholas Müller im Fernsehen und hörte ihn „Lady Angst“ singen. Ich lud mir das Album sofort herunter und hörte es in Dauerschleife. Eine Show von „Von Brücken“ im Februar 2016 war dann auch mein erstes Konzert seit Jahren. Mein Mann hat mich begleitet, obwohl es nicht seine Musik ist. Seit dem sauge ich Musik auf wie ein Schwamm. Wie ein Verdurstender, dem jemand endlich eine Flasche Wasser reicht. Ich entdecke neue Bands, verliere mich wieder in Texten, kaufe Konzertkarten. Ich gröle, klatsche, tanze. Ich schleppe meinen Mann quer durch Deutschland dafür. Die Musik hat mir so sehr gefehlt, dass ich mich noch immer fühle wie ein Junkie auf Entzug. Ich habe es einfach zu lange zu sehr vermisst. Allein 2017 gehe ich auf 11 Konzerte.

Musik ist Lebenselixier für mich. Ein Verbündeter im Kampf gegen die Depression. Mutmacher, Zuflucht, Trost, Energiespender, Medizin. Sie verbindet mich wieder mit meinem Ich, bringt mich zurück zu mir selbst. Musik gibt mir einen Grund, um weiter zu machen. Sie fängt mich auf und hilft mir beim Aufstehen. Ich brauche sie einfach wie die Luft zum Atmen.

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 22. August 2017

Familienbande?

Familie. Der sichere Hafen. Ein Ort der Liebe und Geborgenheit. Wo man sich morgens fröhlich um das Nutellaglas kabbelt und sonst alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Wo man zusammenhält, egal, was passiert. Soweit zumindest das Bild, dass uns Gesellschaft und die Medien gerne vermitteln.

Mir stößt dieses Bild der perfekten, heilen Familie auf. Es mag sie geben, natürlich. Und ich freue mich für jeden, der in einer solchen Familie aufwachsen durfte.
Doch, ganz ehrlich: Wie viele von uns hatten dieses Glück? Und bei wie vielen ist Familie stets etwas, das Schmerz in uns auslöst? Meiner Meinung nach viel zu viele.

Meine eigene Familie zum Beispiel war nie perfekt, nie heil, kein Zufluchtsort für mich. Da war zu viel Streit, zu wenig Verständnis, zu wenig Geborgenheit. Und nicht nur durch meine Mutter, sondern auch durch Großeltern, Onkel, Tanten, Cousinen. (Es geht hier übrigens immer um die Familie mütterlicherseits; der Familienzweig meines Vaters war und ist anders, aber leider weit weg.)
Als Kind hatte ich nie das Gefühl, dass meine Familie aus Menschen besteht, bei denen ich geliebt, anerkannt, willkommen bin. Ich lerne gerade, mich von den alten Strukturen zu lösen und mich nicht mehr von der Meinung und Anerkennung meiner Familie abhängig zu machen.

Der Weg dahin war lang. Und anstrengend. Aber es lohnt sich, ihn zu gehen. Am Samstag hatte ich bei der Geburtstagsfeier meiner Tante zum ersten Mal das Gefühl, nicht mehr mit aller Kraft dazugehören zu wollen und fast sogar froh zu sein, dass ich nicht so bin wie der Rest meiner Familie. Sie verlieren langsam ihre Macht über mich. Und das fühlte sich so befreiend an.

Früher dachte ich immer, ich muss eben mit dieser Familie klarkommen und mich anpassen. Dass Familie wichtig ist und dass man seine Verwandten mögen muss. Diesen Glaubenssatz konnte ich inzwischen fallen lassen. Nur, weil ich mit jemandem blutsverwandt bin, muss ich nicht mit ihm zurechtkommen oder so sein, wie er mich gerne hätte. Natürlich ist es schön, wenn man eine Familie hat, in der man sich wohl fühlt und die zusammenhält, weil sie es wirklich will und nicht aus reinem Pflichtgefühl. Aber ich habe so etwas eben nicht. Zumindest nicht bei allen Familienmitgliedern. Und das ist inzwischen für mich in Ordnung so.

Die Erinnerungen an meine Kindheit schmerzen mich allerdings noch oft. Ich wünsche mir, dass ich darauf den Blickwinkel irgendwann so verändern kann, dass es nicht mehr weh tut.
Und das wünsche ich allen, die keine Bilderbuch-Nutella-Familie hatten und haben.

Alles Liebe
Anni

Freitag, 11. August 2017

Angst vor Ablehnung

Eine Szene, die sicher jeder kennt:
Kinder spielen zusammen auf einem Spielplatz und ein weiteres Kind kommt dazu und fragt, ob es mitspielen darf. Die anderen Kinder lassen es aber nicht.

Eine ganz normale alltägliche Szene. Und doch kann sie das fragende Kind verändern, wenn es solche Szenen einfach zu oft erlebt.
So wie ich als Kind. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann das angefangen hat, dass ich von den anderen Kindern abgelehnt wurde. Aber das wurde ich. Immer und immer wieder. Ich wurde nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen, niemand wollte Gruppenarbeiten mit mir machen, im Sport wurde ich immer als letzte in ein Team gewählt.
Und irgendwann fragte ich dann nicht mehr. Die Antwort war ja eh klar. Warum mir also immer weiter Dämpfer abholen?

Gestern wurde mir klar, dass es mir immer noch so geht. Ich habe Angst davor, Menschen anzusprechen. Weil ich noch immer Angst habe, abgelehnt zu werden.
Und je toller ich jemanden finde, desto schlimmer wird diese Angst. 

Ich erinnere mich daran, wie ich 2009 eine meiner besten Freundinnen kennen lernte. Wir warteten im Flur der Stuttgarter Volkshochschule auf die Dozentin des Kurses. Diese verspätete sich extrem und wir kamen irgendwie ins Gespräch und lagen sofort auf einer Wellenlänge. Der Kurs ging über vier Termine und ich freute mich immer schon drauf, weil ich dann ja auch diese coole Frau wiedersehen würde. Vor dem letzten Termin sprang mein Kopfkino an. Ich wollte sie fragen, ob wir uns nach dem Kurs irgendwann mal treffen wollten, was trinken gehen. Wäre das nicht zu aufdringlich? Mag sie mich überhaupt? Lacht sie mich aus? Und was soll ich denn überhaupt sagen? Ich war total aufgedreht und nervös. Aber ich schaffte es, über meinen Schatten zu springen. Seit dem sind wir befreundet und sie war sogar meine Trauzeugin.

So geht es mir jedes Mal. Ich schrecke davor zurück, auf Menschen zuzugehen. Ich stelle wenig Fragen, weil ich dem anderen nicht zu nahe treten will. Ich kann stundenlang überlegen, ob ich jemandem auf Facebook eine Freundschafts-Anfrage schicke. Ich melde mich nicht, weil ich niemanden nerven möchte und denke, dass der andere mich dann nicht mehr in seinem Leben haben will. Ich habe zu lange zu viel Ablehnung gespürt. Und jetzt fehlt mir oft der Mut, mich über die ganzen schlechten Erfahrungen hinweg zu setzen. Mein Herz schlägt schneller, ich bekomme feuchte Hände und meine Gedanken kreisen stundenlang.

Ich will das nicht mehr. Ich will nicht mehr tagelang Fragen in meinem Kopf hin und her wälzen und sie dann am Ende doch nicht stellen. Ich will keine tollen Menschen mehr aus den Augen verlieren, weil ich mich nicht traue, mich mit ihnen auf einen Kaffee zu verabreden. Ich will, ich muss diese verdammte Angst in den Griff kriegen. Für mich.

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 1. August 2017

Bin ich falsch?

Ich dachte immer, ich bin falsch. Zu still, zu verträumt, zu unsportlich, nicht liebenswert, zu streberhaft, zu uninteressant, keine gute Freundin, Tochter, Enkelin.
Erst durch die Therapie lernte ich, dass das nicht so ist. Dass Autoritäten wie Lehrer oder Großeltern nicht automatisch recht haben oder sich korrekt verhalten. Alle Menschen machen Fehler – egal, welchen Status oder Beruf sie haben. 

Wenn mir eine Lehrerin sagte, ich sei unsportlich, dann glaubte ich ihr das. Warum auch nicht? Sie hatte Sport studiert und unterrichtete schon lange an unserer Schule. Inzwischen liebe ich es, mich zu bewegen – beim Yoga zum Beispiel. Und wo als Kind meine Stärke lag – nämlich im Laufen von Kurzstrecken – da lobte mich nie jemand. Und dabei war ich beim Sprinten sogar schneller als manche Jungs meiner Klasse. Aber Schwaben halten es eben mit dem Motto „Nicht gemeckert ist Lob genug“. Und dabei hätte mir ein wenig Bestärkung damals so gut getan. Aber alles, was ich hörte, war Spott – von meinen Mitschülern und der Lehrerin, teilweise auch in Kombination.

Wie mit dem Sport und dem Handarbeiten (über das Häkeln hatte ich ja kürzlich schon geschrieben), war es mit so vielem. Dabei war nicht ich „falsch“ – aber mein Umfeld war es für mich. Die spießige, kleine, schwäbische Dorfwelt der 80er Jahre war nicht meine. Das ist sie bis heute nicht und sie wird es nie werden. Ich habe dort nie hin gepasst. Das „klassische Familienbild“ dieser Zeit mit Haus, Auto und gepflegtem Vorgarten war kein Ideal für mich – vielleicht auch, weil ich das bei mir zu Hause so nicht erlebte. Oder aber auch, weil meine Eltern beide ebenso wenig in diese Umgebung gepasst haben. Vielleicht gibt es ein Gen, dass manche von uns einfach von etwas anderem träumen lässt. 

Als Kind und auch als Jugendliche konnte ich das allerdings so nicht erfassen. Ich spürte nur, dass ich immer ein Außenseiter war. Und auch noch ein Außenseiter, der sich nicht wehren konnte. Ich hatte nicht gelernt, für mich einzustehen. Und ich ging davon aus, dass sie alle im Recht waren.

Nach und nach fallen mir immer mehr Erlebnisse ein, die ich inzwischen in einem anderen Licht sehe. Und ich erkenne, wie verletzend sich andere mir gegenüber verhalten haben. Gerade meine Lehrer, die damit so vieles für mich in meiner Schulzeit noch schlimmer gemacht haben. Da gab es zwei, die haben mehr in mir gesehen. Aber die beiden haben nicht ausgereicht, um den Rest auszugleichen.

Es tut weh, mich an diese Zeit zu erinnern. Ich denke an den einsamen Teenie von damals – alleine in seinem Zimmer. Wie sie sich dort hin zurückzieht, weil sie dort sein kann, wer sie sein möchte. Sie flieht in Fantasygeschichten und Musik, um den Schmerz und die Einsamkeit nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Ich spüre den Schmerz zurzeit noch einmal. Aber ich hoffe, dass ich ihn nun nutzen kann, um all das endlich loszulassen. Und um zu lernen, dass an mir nichts falsch ist, dass nichts davon meine Schuld war.

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 18. Juli 2017

Von Glaubenssätzen und Häkelnadeln

Es gibt ja Sätze, die wir so oft hören, dass wir ihre Aussage irgendwann für die Wahrheit halten. Auch, wenn das vielleicht gar nicht der Fall ist. So wird etwas zu unserer Überzeugung, zu unserer Realität.  

Mir wurde zum Beispiel oft gesagt, dass ich kein Talent zum Handarbeiten und Basteln habe. Von Lehrern, von meiner Großmutter …. Und natürlich stellte ich mich dann entsprechend ungeschickt an, wenn mir jemand etwas beizubringen versuchte. Ich „wusste“ ja schon, dass ich das nicht kann. Meine Stickarbeiten wurden also schief und ungleichmäßig, meine gehäkelten Topflappen wurden zum Ende hin immer schmäler und von der Zugluftschlange, die ich in der sechsten Klasse genäht habe, fangen wir lieber gar nicht erst an. Als Folge wählte ich Hauswirtschaft nach der sechsten Klasse ab und lernte lieber Französisch. Sprachen lagen mir ja schon immer.

Immer wieder in meinem Leben kam ich an einen Punkt, an dem ich Lust hatte, etwas kreatives zu machen. Zeichnen, stricken, basteln – aber halt. Ich wusste ja, dass ich dafür kein Talent habe. Dass ich es deswegen auch eigentlich gar nicht erst versuchen muss. Es wird ja eh nicht klappen. Wozu also?

Aber stimmt das wirklich? Bin ich wirklich nicht begabt? Waren es nicht vielleicht die falschen Lehrer, der falsche Zeitpunkt in meinem Leben?

Am Samstag hatte ich in einem Buchladen ein Buch mit Häkelvorlagen für kleine Tierchen in der Hand. Ich schaute mir die Bilder an und dachte nur „Schade, dass du sowas nicht kannst.“ Zuhause wartete mein Häkel-Flamingo Fred auf mich, den ein ganz liebes Mädel für mich gehäkelt hat, weil ich es ja nicht kann und ich Fred aber unbedingt haben wollte. Und irgendwie arbeitete das Thema das restliche Wochenende in mir. So lange, bis ich mich entschloss, mir am Montag eine Häkelnadel und ein Knäuel Wolle zu kaufen und es einfach zu probieren.

Und was soll ich sagen? Ich schaute mir ein Tutorial auf Youtube an und häkelte gestern Abend die ersten Maschen seit 30 Jahren. Mir rutsche ständig der Faden von der Nadel und die Maschen sind noch etwas unregelmäßig. Aber es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich total euphorisch und lächelnd ins Bett gegangen bin.

Ich bin stolz auf mich. Stolz darauf, dass ich es geschafft habe, einen Glaubenssatz niederzuringen, der mich über Jahrzehnte begleitet hat. Es ist keine Mount-Everest-Besteigung, aber für mich fühlte es sich gestern so an.

Niemand hat das Recht, uns einzureden, dass wir etwas nicht können. Natürlich werde ich nie all das können, was ich gerne möchte. Für manches fehlt das Geld, die Zeit oder was auch immer. Aber es gibt so vieles, das ich selbst in der Hand habe. Und wenn es „nur“ eine Häkelnadel ist.

Seid mutig, probiert euch aus. Und glaubt nicht alles, was man euch einreden will – hinterfragt es. Es lohnt sich.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 12. Juli 2017

12.07.2015

Der 12.07.205 war ein Sonntag. Ein sonniger, warmer Tag. Mein Mann und ich wollten am Nachmittag ein befreundetes Paar in seinem neuen Haus besuchen. Ein normaler Sonntag im Sommer. 

Bis das Handy meines Mannes klingelte und mein Vater ihn fragte, ob er ihn abholen könne. Er war mit meiner Stiefmutter auf einer Radtour gewesen als sie auf dem Rad zusammengebrochen war. Der Notarzt war alarmiert. 
Wir brachen sofort auf. Sammelten meinen Vater auf einem Waldparkplatz und fuhren ins Krankenhaus. Meine Stiefmutter hatte wohl einen Herzstillstand und war gerade noch im OP. Die Ärzte schickten uns nach Hause – es würde mindestens 2 Stunden dauern, bis sie uns etwas zu ihrem Zustand sagen konnten.

Also brachten wir meinen Vater nach Hause und blieben bei ihm. Telefonierten mit meinen Geschwistern. Sorgten dafür, dass meine Stiefschwester mit ihrer kleinen Tochter nicht alleine war. Dass mein Vater etwas trank. 
Und fuhren dann wieder mit ihm ins Krankenhaus. Dort bat man uns auf die Intensivstation. Und sagte uns, dass sie es nicht geschafft hatte. Durch ihre Diabetes-Erkrankung war ihr Herz porös geworden und konnte seinen Dienst nicht mehr tun. Ihr Tod wäre nicht zu verhindern gewesen. Sie war nach ihrem Zusammenbruch nicht mehr aufgewacht.

Wir waren wie vor den Kopf geschlagen. Diese lebensfrohe, fitte Frau – gerade mal 60 Jahre alt – der Mittelpunkt unserer Patchwork-Familie sollte nicht mehr da sein? Ich ging mit meinem Vater in das Krankenzimmer, in das sie sie gelegt hatten. Sie sah aus als würde sie schlafen. Ich blieb bei meinem Vater, wollte und konnte ihn nicht alleine lassen. Mein Mann ging auf den Flur, um mit meinen Geschwistern zu telefonieren. Später trafen wir uns alle in der Wohnung meiner Stiefschwester. 

Den ganzen Tag über hatte ich das Gefühl, ich sei in Watte gepackt. Alles um mich herum fühlte sich dumpf an. Und falsch. Ganz falsch. Das sollte uns nicht passieren. Vor allem meinem Vater nicht, der so viel durchgemacht hatte in seinem Leben und der das Glück mit meiner Stiefmutter so verdient hatte. Und meinen Stiefgeschwistern nicht, die vor ein paar Jahren schon ihren Vater verloren hatte. Und auch meinem Bruder und mir nicht, die wir schon einmal um eine Mutter getrauert hatten. Über uns alle senkte sich an diesem Tag ein Schleier aus Trauer, Verlust und Schmerz.

Der Schmerz ist in den letzten 2 Jahren erträglicher geworden. Aber sie fehlt noch immer so sehr. Sie, die uns als Familie zusammengehalten hat. Die mich über 20 Jahre meines Lebens begleitet hat. Die so vieles in mir zu heilen versuchte, was andere kaputt gemacht hatten. Wenn ich meine Augen schließe, kann ich ihr Lachen noch hören. Sie wird immer ein Teil von mir, von uns allen bleiben.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 5. Juli 2017

Fremdes Terrain

Stabile Phasen sind angenehm. Die dunklen Gedanken halten sich zurück und ich kann die Energie, die ich sonst für deren Eindämmung brauchen würde, für andere Dinge nutzen.

Neben der Wiederaufnahme meiner kleinen Sporteinheiten ist das im Moment vor allem die Eroberung von neuem Terrain. Ich spüre immer stärker, wie sehr ich mich eingeschränkt habe in den letzten Jahren. Ich weine dem nicht nach – die Einschränkungen waren eine Folge meiner Biographie und der daraus entstandenen Depression. Es ist also kein „Fehler“ von mir gewesen, sondern eine natürliche und für mich früher wichtige Reaktion. Jetzt, nachdem ich die Zusammenhänge und Muster durch die Therapie erkannt habe, kann ich bewusst etwas gegen diese Selbstbeschränkung tun. Gegen den Drang, Dinge, die ich gerne tun würde, aus vorauseilendem Gehorsam einfach direkt sein zu lassen. Ohne zu wissen, ob überhaupt jemals Gegenwind käme. Weil ich einfach immer brav, nett und unauffällig sein wollte.

Und ich gehe gegen die Einschränkungen an. In kleinen Schritten. Denn fremdes Terrain zu erobern ist für mich ungewohnt und kostet mich viel Mut und Anstrengung. Die Fragen nach dem „Darf ich das?“, „Habe ich das verdient?“ oder dem „Was denken denn die anderen von mir?“ sind noch sehr präsent. Sie lassen mich morgens immer noch kritisch in den Spiegel schauen, ob ich das neue Outfit auch so anziehen kann. Oder darüber nachdenken, ob ich beim Mittagessen mal kein Wasser kaufe sondern eine Limonade. Ob ich auf ein HipHop-Konzert gehen kann, obwohl ich sonst ja eher etwas rockiger unterwegs bin. Ob ich das Foto auf Instagram hochlade, obwohl ich darauf ungeschminkt bin oder die Wohnung nicht aufgeräumt ist. Immer noch habe ich das Gefühl, etwas verbotenes zu tun, oder etwas, dass ich einfach nicht verdient habe. Mein eigener Schatten und die Schatten der Vergangenheit stehen mir im Weg.

Das mag für andere Menschen total albern klingen. Sie mögen denken: „Warum macht sie nicht einfach? Ist doch egal, was die anderen denken, wenn sie denn überhaupt darüber nachdenken.“ Es sind Kleinigkeiten. Alltägliches. Nicht der Rede wert. Für andere vielleicht. Für Menschen, die nicht mit permanenter Ablehnung und fehlender Unterstützung zu kämpfen hatten. Die ihr Leben lang ein liebevolleres Umfeld hatten als ich. Ich muss erst noch lernen, dass ich jetzt Menschen um mich habe, die meine neue Haarfarbe mögen, sich über meine Konzertbesuche freuen und Fotos mit Augenringen liken. Diese Anerkennung bzw. dieses respektiert werden ist für mich neu. Es fühlt sich gut an und ermutigt mich, weiterzumachen. Immer neue Dinge zu wagen. Ich probiere aus. Ich taste mich vor. Ich nutze die gute Phase, um neue Muster zu implementieren und in schlechten Phasen damit leichter darauf zugreifen zu können. Denn ich will mich nicht mehr einschränken lassen. Weder von anderen. Noch von mir selbst. 

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 21. Juni 2017

Es mustert und mustert

Ich habe heute an verschiedenen Stellen darüber gelesen, wie schnell man in unvorteilhafte alte Muster rutschen kann, ohne es zu merken bzw. es dann erst zu merken, wenn man schon wieder mitten drin ist. 

In den letzten Tagen ging es mir ähnlich. Durch die Dosiserhöhung meines Antidepressivums bin ich aktuell recht stabil, und das auf einem guten Niveau. Ich bin gut gelaunt, mein Antrieb ist hochgegangen, ich fühle mich unbeschwerter. Ein schöner Zustand.
Doch er hat mich auch dazu verleitet, mir im Büro wieder mehr zuzutrauen. Antrieb ist ja wieder da, ich fühle mich leistungsfähiger – also gleich mal wieder alles auf einmal machen, das Tempo erhöhen, mehr Verantwortung übernehmen. So wie vor der Depression eben.
Und was passiert? Es strengt mich zunehmend an, arbeiten zu gehen. Abends bin ich erschöpft und falle auf die Couch. Weil ich alles zack-zack-zack angegangen bin. Zu viel gleichzeitig erledigt habe und einen Teil von meinen Kollegen gleich mit. 

Wann mir das aufgefallen ist? Gestern Abend als ich beim Tätowierer saß und eine Stunde stillsitzen musste. Kein Smartphone, kein Fernseher, keine Ablenkung. Nur das leise Surren der Nadel und das leichte Kratzen auf der Haut – eine „Zwangspause“. Also erst ein paar Tage, nachdem das alte Muster wieder zu greifen begann.

Heute mache ich wieder langsamer. Der Vertrag geht dann eben erst morgen raus, die Büromaterialbestellung auch. Dafür macht sich die termingebundene Stellungnahme heute auf den Weg. Ich habe mir bewusst wieder Prioritäten gesetzt und nur ein Projekt nach dem anderen auf dem Tisch. Ich habe meine veränderte – für mich gesündere - Arbeitsweise wieder im Fokus.

Ja, ich freue mich, dass ich die Kurve recht schnell wieder bekommen habe, nachdem mir aufgefallen ist, dass ich zurück gerutscht bin. Früher hätte das sicher länger gedauert. Aber natürlich ärgert es mich, dass ich wieder in die gleiche Falle getappt bin wie schon so oft. Und da haben wir das nächste Muster: Eher den eigenen Fehler sehen als den Effekt, rechtzeitig einen Erfolg errungen zu haben. Werde ich sie jemals alle in den Griff bekommen? Ich weiß es nicht. Aber versuchen werde ich es trotzdem. 

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 6. Juni 2017

Vor-Geburtstags-Gedanken

Ich werde bald 39 Jahre alt. Es kommt mir immer noch etwas unwirklich vor, dass ich schon „so alt“ bin. Ich fühle mich einfach nicht wie Ende 30. Und schon gar nicht erwachsen.

Natürlich gehe ich arbeiten, zahle meine Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, habe eine Lebensversicherung und einen Bausparvertrag, ein Auto, zahle meine Miete, halte meine Wohnung (meistens) sauber. Ich übernehme Verantwortung für mich selbst, im Job, in der Familie. Ich gehe regelmäßig zu Vorsorgeterminen beim Arzt, habe meine Finanzen in Ordnung. Machen diese Dinge einen Erwachsenen aus? Und wenn es das nicht ist, was ist es dann? 

Oft sehe ich Menschen an und denke mir „die/der wirkt so erwachsen“. Und dann fange ich an, mich zu vergleichen. Nicht nur, weil ich inzwischen fast nur noch Jeans und Sneaker trage oder mir rosa Strähnen in die Haare mache. Oder kaum Falten im Gesicht habe. Ich fühle mich einfach nicht, als würde ich in die Welt der Erwachsenen gehören, als würde ich nur so tun. Es ist ein bisschen so wie früher auf dem Schulhof, wenn man als Fünftklässler den Schülern aus den höheren Klassen zugeschaut hat und versucht hat, ihr Verhalten zu imitieren.

Ich liebe bunten Schnickschnack, Zeichentrickfilme und Plüschtiere. Von meinem Mann habe ich mir ein Paar Schuhe mit Snoopy-Aufdruck zum Geburtstag gewünscht. Ich spiele bei Familienfeiern lieber mit meinem Neffen Lego als mich mit den anderen zu unterhalten. Ich male Katzen und Einhörner aus und wenn irgendwo Flamingos drauf sind, muss ich es sofort haben. Mich begeistern Seifenblasen und Luftballons und Wunderkerzen. Über eine Star Wars-Tasse freue ich mich immer noch mehr als über ein Schmuckstück oder Parfüm. Ich kann mich (wenn ich nicht gerade eine depressive Episode habe) wie ein Kind für Dinge begeistern, die mir gefallen.

Ich habe immer auf den Moment gewartet, an dem ich mich erwachsen, vernünftig fühle. Vor ein paar Tagen ist mir aber klar geworden, dass dieser Moment wahrscheinlich nicht kommt. Und dass ich das auch gar nicht will. Ich will das Kind in mir behalten. Es bringt Farbe in mein Leben. Farbe, die das grau des Alltags ausgleicht und aufhellt. Ich liebe es einfach zu sehr, abends auf der Couch mit einem Plüsch-Flamingo im Arm unter meine Snoopy-Kuscheldecke zu kriechen und Tee aus meiner Sheepworld-Tasse. Mir sonntags „Die Sendung mit der Maus“ anzusehen. Ich schaue mir lieber Street-Art an als Kunst in einem Museum. Ich verfolge im Netz, was meine Lieblingsmusiker so anstellen. Ich trage einen Krümelmonster-Schal im Büro. Ich genieße es inzwischen sogar ganz bewusst, mal unvernünftig zu sein.

Ich werde immer etwas flippiger sein als andere in meinem Alter. Als der Rest meiner Familie. Das hat mich belastet – ich wollte nicht anders sein. Anders sein bedeutet, Angriffsflächen zu bieten, nicht dazu zu gehören. Aber seit ein paar Tagen habe ich das zum ersten Mal das Gefühl, dass es okay für mich ist. Ich bin einfach so. Ich war schon immer eine Träumerin, konnte mich in Büchern und fremden Welten verlieren. Warum sollte ich das aufgeben? Ich habe diesen fantasievollen bunten Anteil in mir jahrelang unterdrückt. In dieser Zeit bin ich krank geworden, fühlte mich verloren. Ich habe mir gefehlt.  

Sollen doch die anderen so Leben wie es ihrem Wesen entspricht. Ich tue das jetzt nämlich auch.

Alles Liebe
Anni

Donnerstag, 1. Juni 2017

Mein Aussehen und ich - immer und immer wieder

Manchmal gibt es Tage, da schaue ich in den Spiegel und finde mich hübsch. Da sehe ich zwar, dass ich nicht schlank bin und dass ich Pickel habe, aber es ist okay für mich. Sehe meine schmalen Schultern und die Kurven an meiner Taille und mag meine Figur.

Und dann gibt es Tage, da schaue ich mich an und finde mich hässlich. Zu fett. Mag meine Nase nicht und dass meine Oberlippe weiter heraussteht als die Unterlippe. Möchte mir die Pickel aus dem Gesicht kratzen. Meine großen Brüste, den Bauch und die Oberschenkel verfluche ich. An solchen Tage ist es egal, was ich anziehe – ich fühle mich in nichts wohl. Fühle mich wie ein großer fetter Trampel. An diesen Tagen fasse ich regelmäßig den Entschluss abzunehmen. Auf Süßigkeiten zu verzichten. Ich bin wütend auf mich, meinen Körper. Frage mich, warum mein Mann mich geheiratet hat – wo er doch regelmäßig von viel hübscheren Frauen umgeben ist. Und diese Tage überwiegen die guten. Bei weitem. Seit Jahrzehnten.

Aussehen ist nicht alles. Ich weiß das. Und ich will mich auch nicht über mein Aussehen definieren – ich weiß, dass ich so viel mehr bin. Es nervt mich, dass ich immer wieder an diesen Punkt komme, an dem mich mein Aussehen so sehr beschäftigt. Ich weiß, dass ich mich nicht automatisch wohler fühlen würde, wäre ich schlanker. Aber es nagt zwischendurch so sehr an mir. Es zermürbt mich – auch, dass mir die Konsequenz fehlt, wirklich etwas an meinem Gewicht ändern zu können. Der Mechanismus Essen = Trost greift dafür einfach noch viel zu oft.  

Im Sommer ist es immer besonders stark – dieses Gefühl, hässlich zu sein. Wenn meine starken Waden unter den Röcken und Kleidern hervorschauen. Die T-Shirts über den Brüsten spannen oder so locker sitzen, dass ich noch massiver wirke. Meine Haare sich vom Schwitzen kräuseln. Wenn da keine Jacken sind, in denen ich mich verstecken kann. Und doch kaufe ich inzwischen Kleidung, in denen man meine Figur sieht. Schmale Hosen, knielange Kleider, figurbetonte Shirts. Ein Versuch, Frieden mit mir zu machen. 

Und wer jetzt fragt, warum ich auf Instagram immer wieder Bilder von mir veröffentliche – es geht mir dabei nicht um Komplimente, nicht um „du siehst doch toll aus“. Es geht mir darum, dass ich es irgendwann schaffen will, Frieden mit meinem Aussehen zu machen. Jahrelang gab es kaum Fotos von mir. Weil ich sie mir nicht anschauen konnte. Es tat mir zu weh, mich zu sehen wie ich eben nunmal bin. Aber das hat mein Selbstbild nur noch weiter verschlimmert. Vielleicht schaffe ich mit diesen Bildern zumindest einen kleinen weiteren Schritt in die richtige Richtung.

Ich will mich doch einfach nur wohl fühlen in meiner Haut. So wie ich bin. In den Spiegel schauen und das mögen, was ich sehe. Trotz Pickeln, störrischer Haare, Körbchengröße E und den gut 20 Kilo zu viel. Will mich so annehmen können wie ich bin. 

Alles Liebe
Anni

Freitag, 26. Mai 2017

Ist perfekt wirklich perfekt?

Ich habe einen Verdacht. Ich fürchte, ich bin mir im Kampf gegen die Depression selbst in die Falle gegangen. In die Perfektionismus-Falle. Und seit dem ich diesen Gedanken hatte, frage ich mich, ob ich mich damit mal wieder selbst blockiert habe. 

Perfektionismus war für mich als Kind/Teenie eine Strategie, mit meinen damaligen Lebensumständen zurecht zu kommen. Und auch, als ich dieses Verhalten nicht mehr nötig gehabt hätte, habe ich es beibehalten. Bis es, zusammen mit anderen Dingen, in die Depression geführt hat. Ich versuche, seit dem ich das weiß, weniger perfekt sein zu wollen. Fehler auszuhalten. Bewusst nicht 100% zu geben, wenn es das Ergebnis nicht wert ist. Es fällt mir oft noch sehr schwer. Aber nach über 30 Jahren lassen sich Gewohnheiten eben leider nicht so schnell aufgeben.

Natürlich habe ich alles, was ich an Energie aufbringen kann, in meinen Kampf gegen die Depression gesteckt. Mein Alltag dreht sich eigentlich fast nur noch darum. Klar, diese Krankheit beeinflusst das Fühlen und Denken, bestimmt meinen Antrieb, meine Motivation. Sie hat mich im Kern dessen getroffen, was mir am wichtigsten war – perfekt zu funktionieren. Und natürlich will mein Unterbewusstsein da auch wieder hin. Es hat noch nicht verstanden, dass es die perfekt funktionierende Anni nicht mehr geben wird. Weil ich nicht mehr perfekt funktionieren will.

Aber mein Unterbewusstsein drängt mich noch immer zu, perfekt zu sein. Ich bin eine „Muster-Patientin“ – höre auf die Tipps von Psychiater und Therapeutin. Kaufe nicht nur ein Ausmalbuch sondern gleich zehn. Mache meinen Mittagspausen-Spaziergang auch wenn es regnet und ich keine Lust drauf habe. Drehe mein Leben an allen möglichen Punkten von oben nach unten, um gegen alte Verhaltensweisen anzugehen. Von null auf hundert, entweder ganz oder gar nicht. 
Doch tue ich mir damit wirklich etwas Gutes? Wäre es nicht sinnvoller für mich, die „Hausaufgaben“, die mir die Depression mitgibt, eine nach der anderen zu lösen? Verheddere ich mich in zu vielen offenen Themen, in zu viel Veränderung auf einmal? Überfordere ich mich damit nicht wieder selbst?

Vielleicht sollte ich ab und zu auf die Depressions-Arbeit pfeifen. Auch einfach mal fünfe grade sein lassen. Auf der Couch rumgammeln, wenn mir danach ist und das Malbuch Malbuch sein lassen. Nach Feierabend mal durch die Stadt bummeln, anstatt nach Hause zum Sport zu hetzen. Wieder lernen, zwischen wirklichem Bedürfnis und reinem Pflichtgefühl zu unterscheiden. Nicht alles, was mir gut tut, muss mir zu jedem Zeitpunkt gut tun und hilfreich für mich sein. Und vielleicht verstehe ich das nun auch endlich, da ich es schwarz auf weiß vor mir sehe.

Alles Liebe
Anni

Freitag, 12. Mai 2017

Bestandsaufnahme

Schon lange habe ich mir vorgenommen, wieder einen Beitrag zu schreiben. Und doch schaffe ich es irgendwie nur schwer, passende Worte zu finden.  

Also erstmal zu den Fakten:
Vor gut zwei Wochen war ich routinemäßig bei meinem Psychiater. Wir haben darüber gesprochen, was ich alles gegen die Depression tue, wie meine Therapie läuft und wie es mir geht. Was der Knackpunkt war. Meine Stimmung ist einfach alles andere als stabil. Und dazu kommt diese ständige Erschöpfung. Das strengt mich wahnsinnig an und laugt mich zusätzlich aus.
Wir haben daher beschlossen, die Dosierung meines AD hochzusetzen – ich nehme nun 150 mg Venlafaxin. Dazu hat er mich ein paar Tage krankgeschrieben, damit ich mich etwas erholen kann. 
Bisher warte ich noch darauf, dass mein Körper auf die höhere Dosierung anspricht. Ich hoffe, dass es bald soweit ist.

Seit Montag gehe ich nun wieder ins Büro. Mal klappt es besser, mal weniger gut. Am meisten macht mir dabei zu schaffen, dass ich mich einfach nicht über längere Zeit konzentrieren kann. Mit allem, was über Routine hinausgeht, komme ich nicht gut zurecht. Und abends bin ich extrem müdeund kaum noch aufnahmefähig, wenn ich nach Hause komme.
Aber ich versuche, mir deswegen keinen Druck zu machen. Ich nehme zwischendurch meine Auszeiten und verbringe meine Stunde Mittagspause im Freien. Ich mache pünktlich Feierabend. Mein Chef weiß, wie es mir geht und nimmt glücklicherweise entsprechend Rücksicht.

Von einem lebenswerten Leben, wie ich es die letzten Monate zwischendurch immer wieder auch über längere Phasen spüren konnte, bin ich gerade jedoch sehr weit weg. Die Lebensfreude scheint einfach verpufft zu sein. In kurzen Momenten leuchtet so etwas wie Freude auf – aber der Effekt hält nicht lange an.
Und ja, ich habe mich nach diesem Rückschlag gefragt, wofür ich eigentlich kämpfe, wenn es mich doch immer wieder erwischt. Ich nehme seit über zwei Jahren Antidepressiva. Ich war sechs Wochen in einer psychosomatischen Klinik. Ich gehe seit über einem Jahr zur Therapie. Ich mache Yoga und habe angefangen, Sport zu machen. Bin viel an der frischen Luft. Achte auf ausreichend Pausen. Treffe mich mit Freunden. Setze mich mit mir auseinander und bekämpfe alte Gedankenmuster. Tue Dinge, die mir gut tun und entdecke mein altes Ich wieder. Das alles ist nicht immer leicht und macht oft keinen Spaß. Aber ich tue es, weil ich aus dieser Krankheit heraus will.
Und ja, ich werde auch mit all dem weiter machen. Auch wenn ich zwischendurch zweifle und hinterfrage. Weil es keinen anderen Weg aus der Depression heraus gibt.

Alles Liebe
Anni



Montag, 3. April 2017

Und ich zweifle ... und zweifle ...

In den letzten Wochen hat sich vieles bei mir in Bewegung gesetzt. Ich befreie mich mehr und mehr von Einschränkungen, die mir aufgezwungen wurden und die ich mir über die Jahre selbst auferlegt habe. Das gilt für mein Äußeres genauso wie für mein Verhalten.

Und all diese kleinen Veränderungen fühlen sich richtig an. Ich werde zu dem Menschen, der ich irgendwie schon immer war, aber nicht sein konnte oder durfte. Bunt, neugierig, kreativ, offen, lebenshungrig.

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht trotzdem an all diesen Veränderungen zweifeln würde. Mein Kopf findet an allem etwas auszusetzen: Dass ich zu alt bin für meine Tattoos, den neuen Parka, die Sneaker, das Casper-Konzert, die rosa Strähnen im Haar. Wie albern das alles ist, und dass es mich nicht über Nacht zu einem anderen Menschen macht. Dass ich so verzweifelt anders werden will, dass es einfach nur eine weitere Maskerade ist.

Ich bin diese Selbstzweifel so satt. Egal, was ich tue, mein Kopf findet was auszusetzen. Stellt etwas infrage. Zerpflückt es bis ins noch so kleinste Detail. Er verhindert, dass ich meine Veränderungen genießen, auf sie stolz sein kann.

Es erschöpft mich. Macht mich müde. Dieser ständige Kampf gegen meine eigenen Gedanken. Werde ich diesen inneren Zweifler irgendwann los? Oder bekomme ihn zumindest so weit in den Griff, dass er nicht mehr so viel zu sagen hat in meinem Kopf? Ich hoffe es. Sehr.

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 14. März 2017

Wenn nichts mehr passt

Kennt ihr das auch, wenn nichts im Leben richtig zusammen zu passen scheint? Wenn ihr euch verändert und nicht mehr in eure Umgebung passt, in das Leben, das ihr euch geschaffen habt?

So geht es mir gerade. Ich verändere mich – durch die Therapie, durch das Aufbrechen alter Muster. Und so wichtig und spannend das alles ist – es bringt andere neue Baustellen mit sich. 

Zum einen im Job: Wo ich bisher immer recht brav zu allem Ja und Amen sagte, sehe ich inzwischen vieles kritischer und traue mich auch, meine Meinung zu sagen. Damit ecke ich natürlich bei vielen Kollegen jetzt an. Und ich habe das Gefühl, dass ich meinem Arbeitgeber, bei dem einiges nicht rund läuft zurzeit, irgendwie entwachse. Bisher war ich immer der Meinung, mein Arbeitgeber sei im Recht und ich im Unrecht (ja, ja, die guten alten Selbstzweifel), doch meine Sichtweise dazu verschiebt sich. Ich wünsche mir auf der einen Seite ein professionelleres Umfeld, auf der anderen Seite traue ich mich noch nicht wirklich, eine neue Herausforderung anzunehmen.

Zum anderen mein Äußeres: In den letzten Jahren habe ich mich zwar immer gut, aber auch sehr langweilig angezogen. Alles musste miteinander kombinierbar sein, keine Muster, wenig Farben, alles praktisch. Aber das passt nicht mehr zu mir. Ich will das Bunte, das ich wieder in mir trage, nach außen zeigen. Am liebsten würde ich den kompletten Inhalt meines Kleiderschranks weggeben und ganz von vorne anfangen.

Und dann ist da noch die Wohnung: Auch hier würde ich am liebsten alles radikal umschmeißen und neu einrichten. Auch viel von der Musik, die ich in den letzten Jahren gehört habe und den Büchern, die ich gelesen habe, würde ich mir heute nicht mehr anschaffen.

Ich erkenne an all diesen Dingen, wie schmerzhaft ich versucht habe, ein Teil des Mainstreams zu sein, den ich eigentlich ablehne. Natürlich sind diese Veränderungen nicht von heute auf morgen möglich. Mein Verstand sieht das auch ein. Aber ich spüre eine gewisse Ungeduld. Und ich habe Angst, dieses bunte Mädchen mit dem wachsenden Mut wieder zu verlieren, wenn es in einer Welt leben muss, die es immer an ihr altes braves Ich erinnert. 
Meine alten Hüllen, meine Komfortzonen passen nicht mehr zu mir. Sie jucken und fühlen sich unbequem an. Am liebsten würde ich sie mir komplett vom Leib reißen, heute, sofort. Ich will mich nicht mehr einengen lassen. Ich will den Rahmen sprengen, aus der Reihe tanzen und gegen den Strom schwimmen. Ich will ich sein – mit allem, was dazugehört.  

Alles Liebe
Anni

Donnerstag, 23. Februar 2017

Veränderungen

Meine Gedanken und Gefühle fahren in den letzten Tagen Achterbahn mit mir. Mal geht es mir gut – dann wieder schlecht – dann wieder gut … Und zwischendurch habe ich immer wieder das Gefühl, ich funktioniere nur und alles läuft auf Autopilot. Dieses Hin und Her ist irgendwie anstrengend und zermürbend.

Zum einen spielt sicher die Situation bei meinem Job eine Rolle. Durch eine interne Umstrukturierung soll ich demnächst eine Stelle bekommen, die ich nicht möchte. Es wird zwar noch weitere Gespräche geben, aber inzwischen weiß ich, dass ich mir einen neuen Job suchen werde, wenn ich meinen aktuellen nicht behalten kann. Auch wenn mich das sehr anstrengen wird – mein Selbstwert lässt diese (in meinen Augen sinnlose) Verschiebung und Abwertung nicht mit sich machen. Darauf bin ich schon ein wenig Stolz – früher hätte ich das einfach so hingenommen und mich im Stillen geärgert. Eine erste Bewerbung habe ich sogar schon geschrieben. Aber natürlich belastet mich diese Unsicherheit sehr.

Auf der anderen Seite ist da ein extremer Hunger nach Leben, Lebensfreude, nach Spaß, Abenteuer. Ich habe dieses Jahr Karten für acht Konzerte gekauft – Musik war schon immer etwas, bei dem ich mich so richtig spüren konnte, ganz ich war. Deswegen habe ich auch gestern einen neuen Satz Saiten gekauft und nach fast zwanzig Jahren Pause meine Gitarre wieder in die Hand genommen. Und es fühlte sich einfach nur richtig an. Für drei der Konzerte fahren mein Mann und ich sogar in andere Städte und übernachten dort – etwas, das wir für ein Konzert noch nie gemacht haben. Und auch wenn das für die meisten nicht spektakulär klingen mag – Heidelberg, Ulm und Hamburg sind schließlich nicht New York oder Tokyo – für mich sind es Abenteuer, die mich aus meiner jahrelang gehüteten Routine herausholen.

Dieser Umbruch macht mir natürlich auch Angst. Meine schöne, bequeme Komfortzone zu verlassen beunruhigt mich. Obwohl in mir gleichzeitig alles danach schreit, sie endlich hinter mir zu lassen. Und auch wenn dieser Spruch so abgedroschen scheint – aber das Leben, mein Leben, beginnt wohl irgendwo außerhalb dieser Komfortzone. Für die guten Veränderungen fühle ich mich bereit und kann kaum erwarten, sie zu erleben. Ich bin fest entschlossen, dem Positiven mehr Raum zu geben. 
Aber was ist mit den Veränderungen, die mir aufgedrängt werden? Wie gehe ich mit einem möglichen, erzwungenen Jobwechsel um? Kann ich auch diese Veränderung von einer guten Seite sehen? Kann ich, trotz Depression, in eine neue Herausforderung hineinwachsen? Wird mir ein Wechsel am Ende vielleicht sogar gut tun? Ich kann es im Moment noch nicht abschätzen. Ich kann nur versuchen, die Horrorszenarien, die mein Kopf sich ausmalt, zu unterbrechen. Und dem zu harren, was 2017 noch so für mich bereithält. 

Alles Liebe
Anni

Montag, 6. Februar 2017

Alte Muster

Alte Gedankenmuster. Sie können einfach so wahnsinnig lästig sein.

Wer meinen Blog regelmäßiger verfolgt, hat sicherlich schon gelesen, dass meine Kindheit und Jugend von Hänseleien, Ausgrenzung und Einsamkeit geprägt waren. Zu dieser Zeit habe ich mir angewöhnt, fehlende Zuwendung durch Essen zu kompensieren. Essen hat mich getröstet, Essen hat die Leere in mir gefüllt. Schokolade, Chips, Gummibärchen – immer weiter essen, so lange, bis die Tüte leer war.

Dieses Muster hat sich dermaßen eingebrannt, dass ich es auch heute noch immer noch verfolge. Wenn ich mich ungeliebt, alleine oder traurig fühle, verspüre ich Appetit. Auf Fett und Zucker. 
Sobald wir zu Hause etwas passendes in unserem Vorratsschrank haben, quengeln meine Gedanken so lange, bis ich aufstehe und mir das Zeug geholt habe. Und es ist erst genug, wenn die Packung leer ist. Außer, mein Mann nimmt mir die Sachen vorher weg. 
(Und ja, er kauft schon kaum noch etwas ein. Aber irgendwas ist halt trotzdem immer da. Und nein, Obst oder Gemüse funktionieren leider nicht.)

Ich hasse es, mich dann nicht unter Kontrolle zu haben; ich bereue es schon während des Essens, sinnlos Dinge in mich hineingestopft zu haben. Es nervt mich, dass ich das Muster zwar erkennen, aber nicht durchbrechen kann.
Aber was mich noch viel mehr stört: Dieses Gefühl des Ungeliebt-Seins. Es will einfach nicht weggehen. Obwohl ich weiß, dass es Menschen gibt, die mich mögen. Die gerne Zeit mit mir verbringen. Wieso nur kommt das nicht an bei mir? Wieso gaukelt mir mein Kopf noch immer vor, das wäre alles nur Schein, die Menschen tun nur so und ich verdiene das alles gar nicht wirklich? Selbst mir ist inzwischen klar, dass sich nicht alle Menschen in meinem Umfeld in mir täuschen können. Irgendwas muss da sein, dass mich liebenswert macht. Aber ich lasse mich davon nicht überzeugen. Ich habe einfach zu lange, zu oft das Gegenteil zu spüren bekommen.

Und dann esse ich wieder. Tröste mich. Wegen eines Problems, das gar nicht mehr da ist. Das ich aber (noch?) nicht loslassen kann.

Alles Liebe
Anni

Freitag, 3. Februar 2017

Heilung ist individuell

Ich habe heute verschiedene Blogbeiträge von Erkrankten über ihren Umgang mit psychischen Erkrankungen gelesen. Die Beiträge waren so unterschiedlich wie die Verfasser – jeder hat seinen eigenen Weg im Umgang mit den Symptomen. Und das ist auch gut so. 

Warum? Weil unsere Krankheiten so verschieden sind wie wir Menschen, die wir sie haben – und damit unterscheiden sich auch die Dinge, die uns helfen können. Was am besten ist, muss jeder für sich herausfinden. 
Das kann mit Hilfe von Ärzten, Therapeuten, Gesprächen mit anderen Patienten, Freunden oder auch durch Recherchen im Internet oder das Lesen von Büchern geschehen. Aber vor allem muss es – meiner Erfahrung nach – in uns selbst passieren. 

Denn nur ich kann spüren, was mir gut tut. Ich muss mich auf die Dinge einlassen können, die mir helfen sollen. Nur weil die Klinik, in der ich war, Ergotherapie für sinnvoll hält, heißt das nicht, dass sie es für mich auch ist (und in diesem Fall war sie es tatsächlich nicht).
Mir hat dagegen z. B. die Musiktherapie sehr viele hilfreiche Erkenntnisse gebracht – andere Patienten haben sie bereits während ihres Aufenthalts abgebrochen.

Ich habe das Glück, eine Therapeutin zu haben, die mich nicht nach Schema F behandelt, sondern die sich mit mir auf die Dinge konzentriert, die für mich funktionieren.
Aber auch als Therapeutin kann sie mir nur Denkanstöße geben, versuchen, mich in eine Richtung zu lenken. Ob mir etwas tatsächlich hilft, muss ich für mich ausprobieren und bewerten. 

Mir hilft es zum Beispiel unter anderem, mich mit meinem Äußeren zu beschäftigen. Dass ich mich in meiner Art zu kleiden und mich zurecht zu machen selbst eingeschränkt habe, war eine Folge von Hänseleien in Kindheit und Jugend (heute würde man das wahrscheinlich Mobbing nennen). Es mag oberflächlich erscheinen, aber roter Nagellack, ein Blouson mit Leo-Muster oder ein neues Tattoo helfen mir dabei, meinen Selbstwert zu erkennen und zu stärken, mich von alten Mustern zu lösen. 

Lasst euch von keinem einreden, dass euch etwas helfen muss. Das muss es nicht. Für den einen ist der Gang in die Klinik das richtige, für den anderen nicht. Und auch die Art der Klinik, der Therapien, ob wir Medikamente nehmen oder nicht – das alles kann nur funktionieren, wenn es zu uns passt. Dieses Ausprobieren kann sehr mühsam sein. Aber es ist und bleibt der einzig wirklich richtige Weg.

Und bitte vergesst nicht: Wenn euch etwas nicht hilft, nicht gut tut – sagt es. Ich weiß, dass das schwer ist. Aber: Tut es für euch. Alles andere wird auf Dauer nicht helfen.  

Alles Liebe
Anni

Donnerstag, 26. Januar 2017

Grau vs. bunt

Seit ich depressiv bin, ist meine Welt irgendwie grau geworden. Die Dinge, die Farbe in mein Leben gebracht hatten, sind alle mehr und mehr verblasst, bis auch sie in dieser grauen Masse verschwunden sind. 
Natürlich waren manche Tage heller als andere – aber grau bleibt nun mal grau. Trist, trostlos, leer.

Seit einiger Zeit kommen die Farben zurück in mein Leben.
Ich empfinde wieder Freude, Neugier und Dankbarkeit. Musik schafft es wieder, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Bücher und Filme können mich wieder fesseln. Ich spüre wieder dieses schöne warme Gefühl, wenn ich mit den richtigen Menschen zusammen bin. Ich finde es sogar toll, Wut zu spüren oder weinen zu können. Ich habe Spaß an Kreativität und Bewegung.  

Und auch ich selbst bin mit der Zeit grau geworden. Ich sah nur noch ordentlich aus, um die Fassade aufrecht zu halten. Anziehen machte keinen Spaß mehr, Schminken wurde zur Pflicht – alles für die Maske. Inzwischen spüre ich, dass auch in mich die Farbe zurück kommt. Ich genieße es wieder, mir schöne Sachen zu kaufen, mich anzuziehen, mir die Haare zu machen, mich zu schminken.

Manchmal überwältigt mich diese Farbenpracht. Ich habe mich so sehr an diese endlosen grauen Tage gewöhnt, dass mir das bunt manchmal fast unwirklich erscheint. Wie eine Illusion.
Aber zu oft sind da noch diese Tage, an denen das grau mächtig genug ist, die Farben zu verwischen. Tage, an denen das Fehlen von Farbe fast körperlich schmerzt.

Ich weiß, dass ich noch Geduld brauche, bis die bunten Tage die grauen überwiegen. Dass ich dafür arbeiten muss, auch wenn es an manchen Tagen so viel leichter wäre, mich dem grau zu überlassen. Aber ich will nicht mehr grau sein. Ich will ein Leben voller Regenbögen und Konfetti. Innen und außen.

Alles Liebe
Anni