Montag, 28. November 2016

Was ich mir wünsche? Respekt!

In den letzten Tagen habe ich im Netz viele Kommentare über Depressive gelesen. Ich weiß, dass ich das eigentlich nicht sollte, weil es mir nicht gut tut. Und doch kann ich mich dem manchmal einfach nicht entziehen. 

Ich lese dann davon, wie Depressive zu sein haben. Was sie können oder nicht können. Dass sie faul sind, wenn sie nicht arbeiten gehen können, man ihnen auf der anderen Seite ihre Krankheit aber abspricht, wenn sie es tun. Dass sie sich nicht die Haare färben können, nicht krank genug aussehen, sich produzieren und der Welt aufzwingen wollen, dass man sie zu verstehen hat. Man stellt unsere Aussagen infrage. Man meint, es besser zu wissen. Und dass man, wenn man einen Depressiven kennt, alle kennt. Dass wir nicht sagen dürfen, Depressionen seien genauso schlimm wie körperliche Krankheiten. Dass wir uns aufgrund unserer Krankheit für bessere Menschen halten. Und das sind nur die harmlosen Sätze, die ich aktuell lese. 

Ich kann hier nur für mich sprechen, denn jeder Depressive ist anders. Jeder hat seine eigene Geschichte, eigene Ursachen, die ihn krank gemacht haben. Jeder ist auf einem anderen Stück seines Wegs mit und gegen die Krankheit unterwegs. 
Mich ärgern so viele der Aussagen, die wir uns anhören müssen. Von Menschen, die noch nicht mit psychischen Erkrankungen konfrontiert waren. Die wirklich nicht wissen können, wie sich eine Depression anfühlt. Ich wusste es ja, bis ich selbst daran erkrankte, auch nicht. Woher auch? Ich hätte mir nie vorstellen können, dass Zähneputzen für mich zu einer kaum zu bewältigenden Herausforderung wird, dass ich gar darüber nachdenken würde, mich umzubringen, weil das ja alles eh keinen Sinn mehr hat. 

Ich erwarte von meinen Mitmenschen kein Verständnis. Aber ich erwarte Respekt. Respekt für meine Krankheit und die Herausforderungen, vor die sie mich stellt.
Ich habe glücklicherweise ein Umfeld, dass meine Krankheit respektiert. Meine Familie verurteilt mich nicht, sie versucht zu helfen, auch wenn meine Krankheit für sie fremd ist. Meine Freundinnen sind für mich da. Nicht aufdringlich, sie fragen nach und lassen mir Raum, wenn ich ihn brauche. Am schwersten ist es sicher für meinen Mann, aber auch er ist da und tut, was er kann, immer.
Natürlich habe ich auch schon anderes gehört. Ich solle mich zusammenreißen, alles positiver sehen, eine schlechte Phase haben wir doch alle mal. Und warum ich noch nicht gesund sei, nachdem ich ja extra in einer Klinik war und Tabletten nehme. Ich habe doch ein schönes Leben, ich hätte doch keinen Grund, einen auf depressiv zu machen. Zu manchen Menschen haben ich nach solchen Gesprächen den Kontakt abgebrochen. Aus Selbstschutz. Und ich würde es wieder tun. 

Ich halte mich aufgrund meiner Krankheit nicht für einen besseren Menschen. Und ich kenne auch keinen Depressiven, der das tut. Wir neigen eher dazu, uns klein und unwichtig zu machen. Ich bin keine Gefahr für andere, nur für mich selbst. Das Beispiel des Germanwings-Piloten zeigt dabei für mich nicht, dass alle Depressiven potenziell gefährlich sind. Sondern meiner Meinung nach, dass es auch unter Depressiven Idioten und Arschlöcher gibt. Wie in allen anderen Gesellschaftsschichten auch. 
Depressive sollen tun, was ihnen gut tut. Weil sie das verlernen und keinen Sinn darin sehen, es sich selbst nicht wert sind. Darum lasst uns unsere Haare färben, zum Tätowierer gehen, bunte Klamotten tragen, Selfies ins Netz stellen, zum Sport gehen, Yoga machen oder auf Konzerten die Sau raus lassen. Diese Dinge können uns helfen.

Wenn ihr keine Ahnung habt, bitte ich euch, einfach still zu sein. Aus Respekt. Wir suchen uns diese Krankheit nicht aus. Ebenso wenig wie es Asthmatiker, Diabetiker und Krebskranke tun. 
Und wenn ihr etwas nicht versteht, fragt nach. Wir sind nicht ansteckend. Wir sind nicht faul. Wir sind nicht gefährlich. Und wir sind viele. Und wir wollen uns nicht mehr verstecken müssen. 

Alles Liebe
Anni

Sonntag, 13. November 2016

Anni - wo steckst du?

Im Lauf meines Lebens hab ich mich verloren. Habe Dinge aufgegeben, die mir wichtig waren, die mich ausgemacht haben, weil sie von anderen nicht anerkannt und akzeptiert wurden. Und ich bekomme immer stärker das Gefühl, dass ich das Mädchen, das ich einmal war, wieder finden muss. Es fehlt mir. Sehr.

Ich habe mich immer sehr für Musik begeistert, stundenlang Radio gehört, neue Bands entdeckt, mich abseits vom Mainstream bewegt, selbst Gitarre gespielt. Ich habe gelesen, am liebsten Fantasy, und selbst Geschichten geschrieben. Ich habe die Türen meines Kleiderschranks mit allem möglichen beklebt - Postkarten, Zeichnungen, Konzertkarten, Sticker - alles, was mir gefallen und mich inspiriert hat. 
Doch diese Kreativität, die ich damals ausdrückte, wurde weder gefördert, noch in irgendeiner Weise unterstützt oder anerkannt. Und so hörte ich nach und nach mit all dem auf. Meine Gitarre steht verstaubt in der Ecke. Meine Geschichten landeten im Altpapier, genau wie all die Schnipsel von meiner  Schrankwand. Mein Musikgeschmack wurde immer chartlastiger. Meine Klamotten wurden eintönig. Ich hörte auf, mich und das, was in mir steckte, nach außen auszudrücken. Fing an, meine Kreativität zu unterbinden. 

Inzwischen frage ich mich, warum ich all das aufgegeben habe. Warum sollte ich nicht wieder zeichnen, stundenlang unbekannte Musik entdecken, basteln, mich mit Dingen beschäftigen, die mich inspirieren? Nur, weil andere es nicht interessiert oder sie es doof finden? Wieso schränke ich meine Persönlichkeit nur immer noch so ein, obwohl ich das nicht muss und ich selbst darunter leide? 

Alte Gedankenmuster sind Arschlöcher. Sie halten uns von Dingen ab, die uns gut tun. Sie sagen uns, dass wir so sein müssen, wie andere uns haben wollen, um gemocht zu werden. Sie halten uns davon ab, unser Potenzial zu entdecken, es auszuschöpfen. Sie halten eine Angst am Leben, die uns ausbremst. 

Ich will das nicht mehr. Ich will zu mir zurückfinden. Zu dem Lebenshunger, den ich früher gespürt habe, zu der Neugier, der Begeisterungsfähigkeit, zu den Albernheiten, zur Kreativität, dieser positiven Energie. Ich will die Gelegenheiten ergreifen können, die sich mir bieten, ohne nachzudenken, wie andere das wohl finden. Ich will mich nicht mehr fremdbestimmen lassen. Es ist an der Zeit dafür. 

Alles Liebe
Anni

Sonntag, 6. November 2016

Wer bin ich?

Ich bin die, die ein Spitzenunterhemd unter dem Hoodie trägt.
Ich bin die, die ihre Nichten und Neffen abgöttisch liebt, aber keine eigenen Kinder will.
Ich bin die, die heute einen blutrünstigen Thriller liest und morgen eine kitschige Schnulze.
Ich bin die, die im Büro immer peinlichst Ordnung hält, zu Hause aber ein riesiges Durcheinander in ihren Unterlagen hat.
Ich bin die, die in einem Moment zu Rage against the Machine abgeht und sich danach das neue Album von Tailor Swift runterlädt.
Ich bin die, die sich die Fingernägel lackiert und mit frisch lackierten Nägeln den Garten einer Freundin umgräbt.
Ich bin die, die den Kopf in den Wolken hat und gleichzeitig mit beiden Beinen auf dem Boden steht.
Ich bin die, die über Oberflächlichkeit schimpft und sich danach RTL Exklusiv anschaut.
Ich bin die, die bei Konzerten in lauten Menschenmengen singt und tanzt, aber der die Unruhe in der S-Bahn zu viel ist.
Ich bin die, die neugierig auf das Leben ist und doch an den meisten Tagen nicht vor die Tür will.
Ich bin die, die Nutella am liebsten auf salzigen Laugenbrötchen isst.
Ich bin die, die zu Hause nur wenig Licht macht, aber von trübem Wetter unheimlich genervt ist.
Ich bin die, die mit ihrer Figur unzufrieden ist, aber ihr Essverhalten nicht umstellt.
Ich bin die, die am liebsten immer noch alles alleine meistert, obwohl sie weiß, dass sie das nicht muss.
Ich bin die, die den Sommer liebt, aber sich über die Hitze beschwert.
Ich bin die, die sich Stirb langsam genauso gerne anschaut wie Schlaflos in Seattle.
Ich bin die, die sich für das Weltgeschehen interessiert, aber keine Lust hat, mit anderen darüber zu diskutieren.
Ich bin die, die wahnsinnig viel Liebe für Menschen empfindet, es ihnen aber nicht sagen kann.
Ich bin die, die als Kind im Sandkasten Tunnel für Matchbox-Autos gegraben hat und danach mit ihrer Braut-Barbie gespielt hat.
Ich bin die, die sich in der Öffentlichkeit immer zu benehmen weiß und zu Hause flucht und die Füße auf den Tisch legt.
Ich bin die, die immer dann am aufgedrehtesten ist, wenn ihr am wenigsten danach ist.

Ich bin die, die noch lernen muss, dass es diese vermeintlichen Widersprüche sind, die sie ausmachen.
Ich bin ich.

Alles Liebe,
Anni