Montag, 24. Oktober 2016

Mittelfinger-Montag

Dieser ständige Kreislauf meiner Depression:

Gute Tage -> schöne Erlebnisse -> Zuversicht -> Energiereserven verbrauchen sich -> nicht mehr zur Ruhe kommen -> Resignation -> schlechte Tage -> mich selbst aus dem Sumpf ziehen -> gute Tage -> schöne Erlebnisse …..

So sieht es seit ein paar Wochen aus. Von Stabilität bin ich meilenweit entfernt. Und ganz ehrlich? Es kotzt mich an.
Ich schaue nach mir. Ich gehe ins autogene Training, in die Therapie, nehme meine Tabletten, treffe mich mit Freunden, bewege mich, lese, male, mache Yoga, höre Musik, gönne mir Pausen. Ich arbeite an mir, kämpfe gegen die alten Muster, versuche, den depressiven Gedanken keine Chance zu geben. Ich tue, was ich kann. Und doch scheint es so oft einfach nicht zu reichen.

Ich weiß, dass eine Depression Zeit braucht, um zu heilen (wenn sie überhaupt heilt). Und ich weiß auch, dass die Heilung kein Wettrennen ist, kein Wettbewerb und ich nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder gesund sein muss. Ich habe schon oft mit meiner Therapeutin darüber gesprochen und doch komme ich immer wieder an diesen Punkt: Den Punkt, an dem ich keine Geduld mehr habe, keine Lust mehr. An dem es mich nervt, dass es mich immer wieder zurück ins Dunkel zieht. Ja, ich bin nicht mehr unzufrieden mit mir, weil ich weiß, dass es an mir nicht liegt. Aber ich bin sauer auf diese beschissene Krankheit, weil sie verhindert, dass ich mein Leben als lebenswert empfinden kann. Weil sie mir Dinge kaputt macht, die ich mag. Weil sie immer da ist und auf ihre Chance lauert. Weil sie immer wieder zurück kommt und sich in mir einnistet. Weil ich einfach nicht weiß, wie lang ich mich noch wehren kann. Und was passiert, wenn es immer so bleibt?

Mein Verstand weiß, dass es „nur“ ein Rückschlag ist. Dass es wieder besser wird. Aber wie viel besser ist es denn, wenn ich nach ein paar guten und ausgeglichenen Tagen wieder merke, dass mein Leben auch diese andere Seite hat? Als würde mir jemand ein glitzerndes Bonbon hinhalten, es mir dann wieder wegnehmen und mir stattdessen einen verfaulten Apfel geben. „Hier – du kannst dir das gute Leben ankucken, es vielleicht sogar mal ablecken, aber behalten darfst du es nicht.“  Na, vielen Dank auch – für nix. 

Heute ist ein Tag, an dem ich schimpfen will. Und schimpfen muss. Weil mich die Aggression gegen diese verfickte Krankheit sonst zerreißt. Ein Tag, an dem die Wut darüber, krank zu sein, stärker ist als alle andere. An Tag, an dem ich verdammt noch mal nicht vernünftig sein kann und will. Ein Mittelfinger-Montag.

Alles Liebe
Anni

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