Montag, 17. Oktober 2016

Mein Weg - dein Weg?

Depressionen sind eine komplexe Erkrankung. Jeder Depressive hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Probleme, seine eigenen Symptome. Jeder empfindet seine Erkrankung anders. Wir sind, auch in unserer Krankheit, weiter Individuen. Das gilt für die Ausprägung der Erkrankung ebenso wie für den Weg der „Heilung“.

Wir gehen alle anders damit um. Wir können uns gegenseitig unterstützen, uns Halt geben und auch den ein oder anderen Ratschlag, wenn uns etwas geholfen hat. Ich habe gerade zu Beginn meiner Erkrankung von anderen Depressiven einige Tipps bekommen, die mir sehr geholfen haben.

Was wir nicht können, ist unseren Weg mit dem der anderen vergleichen. Wir sind alle immer auf einem anderen Stück Weg unterwegs, mit einem anderen Ziel. Wir erleiden Rückschläge, Verluste, Stressfaktoren kommen und gehen, wir machen Fortschritte. Wir sind in Therapie oder nicht. Waren vielleicht in einer Klinik, haben davon profitiert oder nicht. Wir nehmen Antidepressiva oder nicht, aus welchen Gründen auch immer.

Wir können uns untereinander nicht vergleichen. Ich kann nicht sagen, dass es mir besser oder schlechter geht als anderen Depressiven. Wir haben unsere eigene Vergangenheit, unsere eigene Hölle und so schwer das auch zu verstehen sein mag, alle unseren eigenen Weg, um diese Hölle zu verlassen.

Ich bin der Meinung, dass gerade andere Depressive das am besten verstehen müssten. Und doch gibt es sie auch hier: Die Besserwisser, die meinen, ihr Weg sei der einzig richtige. Die einem erklären wollen, warum alles andere nicht funktionieren kann. Weil ihnen die Medikamente nicht geholfen haben, können sie auch allen anderen nicht helfen. Weil sie am liebsten grünen Tee trinken und seit dem auf Kaffee verzichten, dürfen auch alle anderen Depressiven keinen Kaffee mehr trinken. Und natürlich alles nur in Verbindung mit viel Sport an der frischen Luft.
Ich kann mit diesen Missionaren nichts anfangen. Mit ihren Behauptungen bauen sie auf Menschen Druck auf, die eines zur Heilung am wenigsten gebrauchen können: Druck.

Ich freue mich für jeden, der es aus der Depression herausschafft. Und ich wünsche jedem, dass dieser Erfolg von Dauer ist. Ich habe bisher noch keinen Depressiven kennengelernt, der nicht gesund werden wollte. Manche brauchen dafür länger, manche schaffen es vielleicht nie. Auch das muss man sich offen eingestehen. Aber auch hier gilt: Lasst uns Kranken unsere Art, mit der Krankheit umzugehen und sie bewältigen zu wollen. Lasst uns unser Tempo. Vor allem ihr, die ihr es selbst schon geschafft habt. Reicht uns eine Hand, wenn wir sie brauchen, aber erklärt uns nicht, was wir für die Heilung zu tun und zu lassen haben. Das können wir nur für uns selbst herausfinden.

Alles Liebe
Anni

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für deinen mutmachenden Artikel. Oft kommt man sich so undankbar vor, wenn man die zunächst gut gemeinten Ratschläge in den Wind schlägt. Ich war zu Anfang meines Weges aus der Depression schon verwirrt, wenn ich nur mitbekam, auf welchem Wege sich andere Kranke befanden. Wäre eine Klinik doch besser, eine andere Therapieform, denn der und der macht ja so und so gute Erfahrung. Diese Gedanken kommen also oft schon von selbst.
    Wenn man erkannt hat, dass man den eigenen Weg selbst bestimmen kann und muss, ist bereits ein wesentlicher Schritt getan.
    Liebe Grüße,
    Leif

    AntwortenLöschen