Freitag, 16. September 2016

Klinik-Jahrestag

Am 16.09.2015 wurde ich nach 6 Wochen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik nach Hause entlassen.
Es war komisch, nach so langer Zeit wieder in der eigenen Wohnung zu sein, kein strukturiertes Programm mehr zu haben, keine Therapien, keine Mitpatienten mehr. Ich weiß noch, dass ich ein paar Tage brauchte, um wieder richtig anzukommen in der Realität. Die Klinik war wie eine geschützte Seifenblase gewesen, fernab von Verpflichtungen und der rauen Außenwelt.

Ich erinnere mich noch gut an meine Ankunft in der Klink Anfang August. Mit einem Koffer, einer Reisetasche und meinem Mann im Schlepptau stand ich im Flur der Klinik und wartete darauf, dass ich mich anmelden konnte. Schaute mich verstohlen um. Ich war total ängstlich, verunsichert und nervös – weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Und dann ging der Aufnahme-Marathon los – Verwaltung, Stationsschwester, Psychologin, Ärztin. Abends war ich total platt und fühlte mich einsam in meinem kleinen Zimmerchen – kein Fernseher, miese Internetverbindung, noch kein Kontakt zu den anderen. Viel Zeit für mich und meine Gedanken.

Nach ein paar Tagen kam ich langsam an. Die Therapeuten, Schwestern und die anderen Patienten machten es mir leicht. Vor allem die anderen Patienten – ging es ihnen doch mehr oder weniger wie mir. Ich erkundete die Umgebung, machte in den therapiefreien Zeiten lange Spaziergänge im Wald. Nahm an, was mir vermittelt wurde. Fuhr an den Wochenenden zur „Belastungserprobung“ nach Hause. Mein Vater kam einmal die Woche und besuchte mich. Das Klinikleben wurde Alltag. Ein für mich erholsamer und wohltuender Alltag.
Manche Gespräche mit der Psychologin waren schmerzhaft. Aber damit auf ihre Art heilsam. In mir platzte ein großer Knoten aus der Vergangenheit. Ich erinnere mich noch genau an den sonnigen Nachmittag, den ich heulend im Wald auf einer Holzbrücke über einem kleinen Bach verbrachte und der etwas in mir veränderte.

Von meinen Mitpatienten lernte ich, dass ich nicht alleine bin. Dass es gut tut, wenn man sich anderen gegenüber öffnen kann. Aber auch, dass es wichtig ist, eine gewisse innere Distanz zu den Problemen der anderen zu wahren, um nicht selbst wieder in den Strudel nach unten gezogen zu werden. Ich töpferte, bemalte Seidentücher, machte Musik, Qi Gong, Muskelentspannung und lernte in der Achtsamkeitsgruppe, mich wieder selbst zu spüren. Ich überwand meine Ängste und beteiligte mich aktiv an den Gesprächen in der Gruppentherapie.

Und was ist davon übrig, ein Jahr danach? Ich habe weder einen Töpferkurs besucht noch mich einer Trommelgruppe angeschlossen. Ich bin noch weit weg davon, die Antidepressiva abzusetzen oder gar geheilt zu sein. Aber die Zeit in der Klinik hat mir wieder etwas Kraft gegeben, die Kraft etwa, wieder aktiv nach einer ambulanten Therapie zu suchen. Das Bewusstsein, dass Depressionen eine Krankheit sind. Dass ich mit ihr nicht alleine bin. Dass ich selbst keine Schuld daran trage, krank zu sein. Ich habe gespürt, was mir helfen kann und was nicht. Und ich weiß, dass da ein Ort ist, an den ich guten Gewissens zurück kann, wenn wieder alles über mir zusammenbrechen sollte.

Ich hatte das Glück, in eine Klinik zu kommen, die für mich damals genau richtig war. Meine Erfahrung war fast durchweg positiv. Ich möchte diese Zeit nicht missen, so hart sie manchmal auch war. Nach den 6 Wochen fühlte ich mich nach langer Zeit endlich wieder wie ich selbst. Und seit dieser Zeit habe ich Hoffnung, dass ich es aus der Depression schaffen kann. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann.

Alles Liebe
Anni

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