Dienstag, 2. August 2016

Von Menschen, die mir nicht gut tun

Es gibt Menschen in meinem Leben, die tun mir nicht gut. Menschen, die mich nicht akzeptieren wie ich bin, die mich kleinreden und mir das Gefühl geben, vor ihnen nicht bestehen zu können. 
In meinem Bekanntenkries habe ich es geschafft, mich von ein paar dieser Menschen zu trennen. Es war schwer für mich. Aber es war notwendig und es geht mir ohne sie besser.

Was aber nun, wenn diese Menschen zur Familie gehören? Und man sich irgendwie nicht trennen kann, weil man doch immer irgendwie verbunden bleibt?

Meine Schwiegermutter ist so ein Mensch. Wir haben uns nie wirklich verstanden. Sie hat es mir am Anfang richtig schwer gemacht. Und das kann ich ihr bis heute nicht vergessen. Und seit ich krank bin, hat sie die ein oder andere Bemerkung fallen lassen, die mich verletzt hat. Von „du musst das Leben doch nur positiver sehen“ bis „du strengst dich einfach nicht genug an“ war die ganze Palette an schlechten Klischee-Sprüchen vertreten. In der Zwischenzeit habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen. Das tut mir gut. Und doch sind da immer wieder Berührungspunkte – Geburtstagsfeiern, Hochzeiten ….. Ich werde mir noch eine Strategie zurechtlegen müssen, wie ich bei solchen Anlässen mit ihr umgehen kann. 

Und dann sind da noch meine Großeltern – 92 und 85 Jahre alt. Opa in Kriegsgefangenschaft und nach dem Krieg vor russischen Soldaten in den Westen geflohen. Oma kam etwas später hinterher. Neustart in einem unbekannten Dorf, schnell zwei kleine Kinder. Die beiden haben sich ein gutes Leben erkämpft. Und sind dabei menschlich irgendwo auf der Strecke geblieben. Streng und nicht wirklich warmherzig. So waren sie zu sich, mit ihren Kindern und auch zu uns Enkeln. Sport war wichtig, gutes Benehmen, die Leistungen in der Schule. Wir 5 Enkel wurden immer untereinander verglichen. Mein Bruder hatte einen Stein im Brett, weil er lange der einzige Junge war (bis meine Tante einen Nachzügler bekam, der sowieso immer der Liebling war). Da war es auch nicht schlimm, dass er „nur“ auf der Hauptschule war. Meine Cousinen standen auch von Anfang an immer höher im Kurs als ich – von ihrer Mutter in Rüschenblüschen gesteckt, sagten sie bei Familienfeiern Gedichte auf, spielten Blockflöte und saßen brav auf ihren Plätzen. Später schafften es beide aufs Gymnasium, spielten Tennis, waren schlank. Und dann war da ich – schüchtern, unsportlich, nachdenklich. Und später „nur“ auf der Realschule. Da war es auch egal, dass ich da mit bei den Klassenbesten war. Ich bekam alles ab. Unscheinbar, zu dick, zu unsportlich, zu ängstlich. So viele Sätze kreisen immer noch in meinem Kopf herum.
Am Sonntag habe ich die beiden besucht. Es war furchtbar. Die ganze Wohnung ist ein einziger Trigger für mich. Ich spüre richtig, wie aus mir wieder ein kleines Mädchen wird, wenn ich in die Küche komme und mich dort an den Tisch setze. Alles dort ist unverändert, starr, seit Jahrzehnten. Inklusive meiner Großeltern. Auch sie sind in ihrer eigenen Welt erstarrt.
Ich beginne zu begreifen, dass die beiden zu viel Raum in meinem Leben eingenommen haben. Und ganz langsam verlieren sie etwas von der Macht, die sie mein ganze Leben lang über mich hatten. Diese beiden traurigen alten Menschen, deren Glas immer halb leer ist. Die sich kein anderes Lebensmodell vorstellen können als ihr eigenes. Deren Horizont hinter dem kleinen schwäbischen Dorf endet, in dem sie seit über 60 Jahren leben.

Ich kann ihnen noch nicht vergeben. Auch das habe ich am Sonntag gespürt. Aber sie können mir keine neuen Wunden zufügen. Und vielleicht hilft mir diese Erkenntnis dabei, die alten Wunden irgendwann heilen zu lassen. Ich habe auch verstanden, dass ich noch immer auf ihre Anerkennung warte. Und diese nie kommen wird, festgefahren wie die beiden sind. Es schmerzt, mich von dieser Erwartung zu trennen. Und doch ist das notwendig, um mich zu schützen. Und zu einem gesunden Umgang mit den beiden zu finden. Denn ein Kontaktabbruch mit den beiden könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.  

Alles Liebe
Anni

Kommentare:

  1. Liebe Anni, es ist schön mal wieder bei Dir zu lesen und deine Fortschritte zu beobachten.
    Kontaktabbrüche und distanzierung habe ich auch einige hinter mir sie haben mir wirklich gut getan, ich bereue sie nicht, auch wenn es meine Mutter und eine fast 20 jähre Freundschaft war.
    Leider zog der Kontaktabbruch zu meiner Mutter auch den zu meiner Oma nach sich, da sie sehr unter dem Einfluss meiner Mutter steht.
    Akzeptanz, hat geholfen, und in deinen Worten lese ich schon so viel davon.
    Fühl dich umarmt, im nächsten Frühjahr treffen wir uns im Cafe le Theatre ;-)

    LG Isaril

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    1. Liebe Isaril,
      ich freu mich immer, wenn du bei mir vorbei schaust :) Manchmal ist es wirklich schwer, sich von Menschen loszusagen, vor allem, wenn sie zur Familie gehören oder einen schon lange begleiten. Aber oft ist es leider die einzige Option, um sich zu schützen.
      Und ich würde mich riesig freuen, wenn wir uns auf einen Kaffee treffen :)
      Alles Liebe
      Anni

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