Montag, 15. August 2016

Befreiungsschlag

Eines der vielen Themen, die mich im Rahmen meiner Therapie beschäftigen, ist mein Bedürfnis, so zu sein wie die anderen und dazuzugehören. Ich habe mich aufgerieben dafür, von verschiedensten Gruppen anerkannt zu werden – der Familie, der Schulklasse, den Arbeitskollegen ….. Und doch war ich immer nur am Rand dieser Gruppen, eine Außenseiterin. Das hat mich verletzt, mich traurig gemacht, ich habe mich wieder und wieder infrage gestellt. Mir war klar, dass es an mir lag, wenn die anderen mich ausgrenzten. Meine Selbstzweifel wuchsen und wuchsen.   

Das ist immer wieder Gesprächsthema mit meiner Therapeutin. Und langsam, ganz langsam gehen meine Gedanken in eine andere Richtung. Es liegt nicht zwingend an mir, wenn ich irgendwo nicht reinpasse – sondern daran, dass es nicht das richtige Umfeld für mich ist, in dem ich mich da gerade bewege. Und es gibt ja auch durchaus Gruppen, in denen ich sofort ankomme, angenommen werde und mich wohlfühle – meine Yogagruppe, meine Freundinnen, meine Mitpatienten letztes Jahr in der Klinik. 

Samstagabend hatte ich dazu ein echtes Aha-Erlebnis. Ich war auf einer Taschen- und Tücherparty meiner Schwägerin. Lauter schwäbische Hausfrauen, die den Abend fernab familiärer Verpflichtungen genossen und sich über Handtaschen und Schals gebeugt über ihren Alltag austauschten. Ich saß auf der Couch und beobachtete das Schauspiel. Und mit einem mal war ich froh, nicht so zu sein wie die anderen. Ich war froh, einen weiteren Horizont zu haben. Mich nicht über Schulnozten, Kehrwoche, Sportvereine und Nachbarn aufregen zu müssen und in endlosen Lästereien aufzugehen, weil mein eigenes Leben nicht genug Stoff für einen ganzen Abend bietet. Dieses Korsett des „normalen“ Lebens, dass für diese Frauen erstrebenswert und passend sein mag. Für mich ist es das nicht. Und das für mich selbst festzustellen, kam einem Befreiungsschlag gleich. Die erste Gruppe, bei der ich wirklich wusste, dass ich nicht dazugehören möchte und es mir nichts ausmachte, für zwei Stunden eher abseits zu sitzen. 

Ich muss nicht überall dazu gehören oder dazu passen. Ich habe die Menschen um mich, bei denen ich mich nicht verstellen muss. Es sind nicht viele, aber ich habe gemerkt, dass es nicht mehr sein müssen. Mein Mann, mein Papa und meine Geschwister, zwei richtig gute Freundinnen. Alles andere passt von nun an entweder oder es passt eben nicht. Ich habe das Gefühl, einen der Steine, die ich schon so lange in meinem Rucksack mit mir herumtrage, am Samstag an den Straßenrand geworfen zu haben. Und sich mein Päckchen damit (zumindest im Moment) ein kleines bisschen leichter anfühlt.

Alles Liebe
Anni

1 Kommentar:

  1. Ein toller Aha-Effect, den hatte ich vor wenigen Wochen auch.
    Wir führen nun mal ein anderes Leben, für uns haben andere Dinge priorität, wenn einem das bewußt wird, ist es ein Stein der nun nicht mehr im Weg liegt, sondern auf dem Weg den wir gehen verbaut wird :-)

    LG Isaril

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