Mittwoch, 24. August 2016

Immer diese Muster ...

In meinem Kopf bewegt sich gerade sehr viel. Alte Denkmuster geraten in Bewegung, Probleme treten klar aus dem Nebel hervor und ich kann erste Zusammenhänge erkennen.

Diese Erkenntnisse sind nicht immer schön. Zeigen sie doch, wie tief manche Verletzungen aus der Vergangenheit immer noch sitzen, dass sie bis heute einen so großen Einfluss auf mein Fühlen und Handeln haben.

Meine Mutter war eine sehr unberechenbare Person. Schon immer, aber verstärkt natürlich, nachdem sie in die Sucht abgerutscht war. Sie war schnell beleidigt, aufbrausend und wütend, bediente sich emotionaler Erpressung und konnte auf der anderen Seite großzügig und liebevoll sein, erdrückend liebevoll. Für mich als Kind war das schwierig auszuhalten.

Bis heute kann ich mit unberechenbaren Menschen nur schwer umgehen. Ich versuche, ihre Stimmungen einzufangen und entsprechend zu reagieren. Und mit lauten Ausbrüchen komme ich noch immer gar nicht zurecht. Ich ziehe mich zurück in mein Schneckenhaus und warte bis der Ausbruch vorbei ist. Ich halte nicht dagegen. Meistens suche ich auch die Schuld für den Ausbruch bei mir. Das kleine Mädchen in mir fühlt sich an früher erinnert und erstarrt. Ich brauche Stunden, um mich von solchen Erlebnissen zu erholen.

Meine Schwiegermutter ist ein ähnlicher Typ wie meine Mutter. Auch sie ist schnell beleidigt, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf geht, ist unreflektiert, fühlt sich immer im Recht, geht gedankenlos mit anderen um und erdrückt Menschen, die sie mag, mit Fürsorge und Einmischung. Und ich glaube, dass mir das den Umgang mit ihr so schwer macht. Sie triggert mich, bringt das kleine Mädchen zum Vorschein.

Im Februar habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen, nachdem sie mich böse wegen meiner Krankheit angegangen war. Ohne sie geht es mir besser. Doch für meinen Mann wird die Situation immer belastender, auch wenn er meine Reaktion versteht. Deswegen werde ich mit meiner Therapeutin nach einer Lösung suchen. Und ich hoffe, die Erkenntnisse der letzten Tage helfen mir dabei.

Alles Liebe
Anni

Montag, 15. August 2016

Befreiungsschlag

Eines der vielen Themen, die mich im Rahmen meiner Therapie beschäftigen, ist mein Bedürfnis, so zu sein wie die anderen und dazuzugehören. Ich habe mich aufgerieben dafür, von verschiedensten Gruppen anerkannt zu werden – der Familie, der Schulklasse, den Arbeitskollegen ….. Und doch war ich immer nur am Rand dieser Gruppen, eine Außenseiterin. Das hat mich verletzt, mich traurig gemacht, ich habe mich wieder und wieder infrage gestellt. Mir war klar, dass es an mir lag, wenn die anderen mich ausgrenzten. Meine Selbstzweifel wuchsen und wuchsen.   

Das ist immer wieder Gesprächsthema mit meiner Therapeutin. Und langsam, ganz langsam gehen meine Gedanken in eine andere Richtung. Es liegt nicht zwingend an mir, wenn ich irgendwo nicht reinpasse – sondern daran, dass es nicht das richtige Umfeld für mich ist, in dem ich mich da gerade bewege. Und es gibt ja auch durchaus Gruppen, in denen ich sofort ankomme, angenommen werde und mich wohlfühle – meine Yogagruppe, meine Freundinnen, meine Mitpatienten letztes Jahr in der Klinik. 

Samstagabend hatte ich dazu ein echtes Aha-Erlebnis. Ich war auf einer Taschen- und Tücherparty meiner Schwägerin. Lauter schwäbische Hausfrauen, die den Abend fernab familiärer Verpflichtungen genossen und sich über Handtaschen und Schals gebeugt über ihren Alltag austauschten. Ich saß auf der Couch und beobachtete das Schauspiel. Und mit einem mal war ich froh, nicht so zu sein wie die anderen. Ich war froh, einen weiteren Horizont zu haben. Mich nicht über Schulnozten, Kehrwoche, Sportvereine und Nachbarn aufregen zu müssen und in endlosen Lästereien aufzugehen, weil mein eigenes Leben nicht genug Stoff für einen ganzen Abend bietet. Dieses Korsett des „normalen“ Lebens, dass für diese Frauen erstrebenswert und passend sein mag. Für mich ist es das nicht. Und das für mich selbst festzustellen, kam einem Befreiungsschlag gleich. Die erste Gruppe, bei der ich wirklich wusste, dass ich nicht dazugehören möchte und es mir nichts ausmachte, für zwei Stunden eher abseits zu sitzen. 

Ich muss nicht überall dazu gehören oder dazu passen. Ich habe die Menschen um mich, bei denen ich mich nicht verstellen muss. Es sind nicht viele, aber ich habe gemerkt, dass es nicht mehr sein müssen. Mein Mann, mein Papa und meine Geschwister, zwei richtig gute Freundinnen. Alles andere passt von nun an entweder oder es passt eben nicht. Ich habe das Gefühl, einen der Steine, die ich schon so lange in meinem Rucksack mit mir herumtrage, am Samstag an den Straßenrand geworfen zu haben. Und sich mein Päckchen damit (zumindest im Moment) ein kleines bisschen leichter anfühlt.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 10. August 2016

Stress lass nach

Ich habe vorhin im Büro in einem Newsletter Strategien gegen Stress gelesen:

-       Ausreichend Schlaf
-       Gesunde Ernährung
-       Sport
-       Entspannung

Vielleicht sehe ich es aus der Sicht einer Depressiven etwas anders und „gesunden“ Arbeitnehmern reicht das aus, um Stress abzubauen.

Aber was, wenn ich Schlafstörungen habe? Wenn außerhalb des Jobs kaum Zeit für Sport bleibt? Und das autogene Training nicht mehr ausreicht, um abends runterzukommen? Wenn da noch Kinder, Haushalt, Freunde sind, die ihre Ansprüche erheben?
Es mag ein Schritt in die richtige Richtung sein, mir bewusst zu machen, dass ich mich neben dem Job auch um mich kümmern muss. Und dass ich mir dafür Zeit nehmen sollte. Und zwar, bevor der Stress sich zu mehr auswächst. 

Ich habe meine Work-Life-Balance, wie man das heutzutage ja so schön nennt, vernachlässigt. Der Job und eine berufsbegleitende Fortbildung haben mich 2 Jahre lang fast aufgefressen. Gesunde Ernährung, Schlaf und Yoga haben mir nicht gereicht, um das Auslösen einer Depression durch chronischen Stress zu verhindern. Der Schaden war angerichtet.

Auch wenn unsere Gesellschaft immer wieder davon spricht, Privatleben und Beruf in Einklang zu bringen, besteht sie doch noch immer darauf, dass wir alle unsere Leistung bringen müssen. Wer keine Überstunden macht, im Urlaub seine E-Mails nicht checkt und sich nicht ständig in seiner Freizeit durch Seminare oder das Lesen von Fachliteratur auf dem Laufenden hält, ist raus und gilt als faul und unflexibel. Wir sind nur etwas „wert“, wenn wir unser Soll übererfüllen. Dass ein Teil der Menschen an diesen Anforderungen zerbricht, spielt noch immer keine Rolle. Noch kommt immer jemand nach, der sich ausnutzen lässt.

In diesem Spannungsfeld ist es schwierig, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Sich Auszeiten für sich selbst zu nehmen. Für den Chef mal nicht erreichbar sein, die Fertigstellung eines Auftrags auf den nächsten Tag zu verschieben und sich stattdessen mit der besten Freundin auf einen Kaffee zu treffen. Und doch ist es lebensnotwendig.

Passt auf euch auf. Findet eure eigenen Stressbewältigungsstrategien. Ob es nun Stricken, Zumba, Computerspiele, die Runde mit dem Hund oder Briefmarken sammeln ist. Schafft euch einen Ausgleich und pflegt ihn, wann immer ihr könnt – auch, und vor allem, wenn ihr mal keine Lust darauf habt. Das ist leider oft der Einstieg, den Ausgleich schleichend ganz sein zu lassen. Und holt euch Hilfe, wenn ihr merkt, dass euch überhaupt nichts mehr dabei hilft runterzukommen oder ihr euch zu nichts mehr aufraffen könnt. 

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 2. August 2016

Von Menschen, die mir nicht gut tun

Es gibt Menschen in meinem Leben, die tun mir nicht gut. Menschen, die mich nicht akzeptieren wie ich bin, die mich kleinreden und mir das Gefühl geben, vor ihnen nicht bestehen zu können. 
In meinem Bekanntenkries habe ich es geschafft, mich von ein paar dieser Menschen zu trennen. Es war schwer für mich. Aber es war notwendig und es geht mir ohne sie besser.

Was aber nun, wenn diese Menschen zur Familie gehören? Und man sich irgendwie nicht trennen kann, weil man doch immer irgendwie verbunden bleibt?

Meine Schwiegermutter ist so ein Mensch. Wir haben uns nie wirklich verstanden. Sie hat es mir am Anfang richtig schwer gemacht. Und das kann ich ihr bis heute nicht vergessen. Und seit ich krank bin, hat sie die ein oder andere Bemerkung fallen lassen, die mich verletzt hat. Von „du musst das Leben doch nur positiver sehen“ bis „du strengst dich einfach nicht genug an“ war die ganze Palette an schlechten Klischee-Sprüchen vertreten. In der Zwischenzeit habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen. Das tut mir gut. Und doch sind da immer wieder Berührungspunkte – Geburtstagsfeiern, Hochzeiten ….. Ich werde mir noch eine Strategie zurechtlegen müssen, wie ich bei solchen Anlässen mit ihr umgehen kann. 

Und dann sind da noch meine Großeltern – 92 und 85 Jahre alt. Opa in Kriegsgefangenschaft und nach dem Krieg vor russischen Soldaten in den Westen geflohen. Oma kam etwas später hinterher. Neustart in einem unbekannten Dorf, schnell zwei kleine Kinder. Die beiden haben sich ein gutes Leben erkämpft. Und sind dabei menschlich irgendwo auf der Strecke geblieben. Streng und nicht wirklich warmherzig. So waren sie zu sich, mit ihren Kindern und auch zu uns Enkeln. Sport war wichtig, gutes Benehmen, die Leistungen in der Schule. Wir 5 Enkel wurden immer untereinander verglichen. Mein Bruder hatte einen Stein im Brett, weil er lange der einzige Junge war (bis meine Tante einen Nachzügler bekam, der sowieso immer der Liebling war). Da war es auch nicht schlimm, dass er „nur“ auf der Hauptschule war. Meine Cousinen standen auch von Anfang an immer höher im Kurs als ich – von ihrer Mutter in Rüschenblüschen gesteckt, sagten sie bei Familienfeiern Gedichte auf, spielten Blockflöte und saßen brav auf ihren Plätzen. Später schafften es beide aufs Gymnasium, spielten Tennis, waren schlank. Und dann war da ich – schüchtern, unsportlich, nachdenklich. Und später „nur“ auf der Realschule. Da war es auch egal, dass ich da mit bei den Klassenbesten war. Ich bekam alles ab. Unscheinbar, zu dick, zu unsportlich, zu ängstlich. So viele Sätze kreisen immer noch in meinem Kopf herum.
Am Sonntag habe ich die beiden besucht. Es war furchtbar. Die ganze Wohnung ist ein einziger Trigger für mich. Ich spüre richtig, wie aus mir wieder ein kleines Mädchen wird, wenn ich in die Küche komme und mich dort an den Tisch setze. Alles dort ist unverändert, starr, seit Jahrzehnten. Inklusive meiner Großeltern. Auch sie sind in ihrer eigenen Welt erstarrt.
Ich beginne zu begreifen, dass die beiden zu viel Raum in meinem Leben eingenommen haben. Und ganz langsam verlieren sie etwas von der Macht, die sie mein ganze Leben lang über mich hatten. Diese beiden traurigen alten Menschen, deren Glas immer halb leer ist. Die sich kein anderes Lebensmodell vorstellen können als ihr eigenes. Deren Horizont hinter dem kleinen schwäbischen Dorf endet, in dem sie seit über 60 Jahren leben.

Ich kann ihnen noch nicht vergeben. Auch das habe ich am Sonntag gespürt. Aber sie können mir keine neuen Wunden zufügen. Und vielleicht hilft mir diese Erkenntnis dabei, die alten Wunden irgendwann heilen zu lassen. Ich habe auch verstanden, dass ich noch immer auf ihre Anerkennung warte. Und diese nie kommen wird, festgefahren wie die beiden sind. Es schmerzt, mich von dieser Erwartung zu trennen. Und doch ist das notwendig, um mich zu schützen. Und zu einem gesunden Umgang mit den beiden zu finden. Denn ein Kontaktabbruch mit den beiden könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.  

Alles Liebe
Anni