Donnerstag, 21. Juli 2016

Welcome back, ungesundes Verhalten!

Meine Therapiestunde gestern hat mich sehr aufgewühlt. Ich habe zwei Themen angesprochen, die mich in der letzten Zeit wieder sehr beschäftigt haben. Und die ich bisher noch niemandem gegenüber erwähnt habe. 

Das eine sind meine unkontrollierten Fressanfälle abends.
Und das andere sind diese kleinen Selbstverletzungen, die ich mir zum Teil voll absichtlich zufüge.
Harte Themen. Und beides gute alte Freunde, die mich immer wieder besuchen.

Ich bin mir bewusst, dass beides absolut ungesundes Verhalten ist. Und doch schaffe ich es oft nicht, diese Gewohnheiten abzustellen oder mich dabei zu stoppen. Ich sitze dann auf der Couch, habe die Hand in der Chipstüte und sage mir immer wieder, dass ich die Tüte weg legen muss. Aus der Hand lege ich sie aber dann erst, wenn sie leer ist. Danach bin ich wütend auf mich – weil ich wieder sinnlos Kalorien in mich rein gestopft habe und nicht stark genug war, damit aufzuhören. Ich fühle mich wie ein Versager – ein fetter Versager.  Die Nächte danach sind sehr unruhig und bringen keine Erholung. Beste Bedingungen für den Selbsthass. Vor allem im Sommer, mit schlanken Frauen in kurzen Röckchen und Shorts vor Augen. 
Und wenn ich lange genug wütend auf mich selbst bin, fange ich an, mich zu kratzen. Manchmal merke ich das gar nicht bzw. erst dann, wenn meine Nägel blutig sind. Aber manchmal kratze ich mich ganz bewusst. Weil ich den Schmerz verdiene. 

Essen war für mich in meiner Teenie-Zeit Trost. Ich hatte so viel zu verarbeiten und niemanden, mit dem ich reden konnte. Also tat ich mir selbst etwas Gutes. Ich aß. Schokolade, Chips, lauter ungesundes Zeug. Im Unverstand. Es half mir dabei, mich besser zu fühlen. Meine innere Leere war gefüllt.
Immer wieder habe ich Phasen, in denen ich diesen Trost nicht brauche. Aber in letzter Zeit ist das Bedürfnis wieder da. Warum auch immer. Einen direkten Auslöser gibt es nicht.

Über eine gewisse Zeit kann ich sehr gut verdrängen, was ich da eigentlich tue. Aber gestern ging das nicht mehr. Ich saß im Büro und kratzte mir den Arm auf. Ganz bewusst. Mitten am Tag. Selbst in dem Wissen, dass mich jemand dabei „erwischen“ könnte. 

Meine Therapeutin hat mir direkt angesehen, dass es mir nicht gut geht und hat sehr sensibel reagiert. Sie will nun versuchen, mit mir zusammen „gesündere“ Strategien zu entwickeln, mit denen ich mich trösten kann, wenn ich das brauche. Wir werden sehen, was da funktionieren kann. Und wir wollen herausfinden, was da noch tief in mir schlummert, dass ich dieses Bedürfnis nach Trost überhaupt habe – jetzt, wo ich nicht mehr alleine bin. Einen lieben Mann und wirklich gute Freundinnen habe. 
Gegen den Selbsthass arbeiten wir ja sowieso schon seit Wochen. Doch immer, wenn ich das Gefühl habe, es geht langsam ein Stückchen aufwärts, holen mich solche Erlebnisse zurück auf den Boden der Tatsachen. Ich habe dann wieder das Gefühl, das alles verdient zu haben. Weil ich schwach bin. Und wertlos. So wie ich schon immer war. Alles andere kommt mir dann wie eine Illusion vor. Und etwas, dass mir nicht zusteht. Und dass mein Umfeld das schon früher oder später merken wird. 

Alles Liebe,
Anni

Kommentare:

  1. In der sozialen Einrichtung, in der ich arbeite, gab es mal einen Artikel, in welchem ein individueller "Notfallkoffer" vorgestellt wurde. Der enthält Gegenstände und Hilfsmittel wie beispielsweise Bilder von schönen Orten, scharfe Kaugummis oder einen Igelball. Diese Dinge können in Krisensituationen kurzfristig helfen, sich nicht selbst zu verletzen.
    Alles Gute und viel Erfolg beim Voranschreiten.

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    1. Vielen lieben Dank für den Tipp! Sowas ähnliches werde ich mir jetzt auch zusammenstellen und schauen, was mir am besten hilft. Und vielen Dank für die guten Wünsche :-)

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  2. Liebe Anni,
    zuerst einmal finde ich es total mutig von dir, dich so offen mitzuteilen. Ich kenne diese destruktiven Verhaltensweisen aus eigener Erfahrung. Gerade Fressanfälle, die meine innere Leere füllen sollen, bekomme ich nur schwer unter Kontrolle. Da bringt mir selbst ein Protokoll von meiner Therapeutin nichts. In dem Moment gibt es für mich keine andere Lösung. Es ist gut sich diesen Situationen bewusst zu werden. Nur dann ist es möglich weiter daran zu arbeiten. Ganz viel Kraft von einer Namensvetterin.
    Annie

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    1. Liebe Annie, vielen lieben Dank für deine Worte. Ich denke auch, man kann gegen das alles nur ankommen, wenn man versucht, sich dem zu stellen, die Muster zu erkennen und vielleicht verändern zu können.
      Dir auch alles Liebe für deinen weiteren Weg! <3

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