Montag, 11. Juli 2016

Vom Anpassen

Eins meiner lieben Twitter-Sternchen setzt sich gerade damit auseinander, was schlimm daran ist, anders zu sein. Ein Thema, dass auch mich sehr beschäftigt.

Was ist denn so schlimm daran anders zu sein? Warum muss jeder einer Norm entsprechen? Warum akzeptiert die Gesellschaft nur Menschen, die keine Ecken und Kanten haben, angepasst sind und still ihren Leistungsauftrag erfüllen?
Doch selbst, wer seine Leistung bringt, aber nicht dem Bild entspricht, dass die Gesellschaft von ihm hat, gilt als nicht normal und wird ausgegrenzt.

Ich habe in der Schule immer gute Noten geschrieben, habe immer zu den Besten meiner Klasse gehört. Aber ich war gleichzeitig auch schüchtern, unsportlich und das erste Scheidungskind meiner Klasse. Ich passte nicht in das Bild meiner Mitschüler und *zack* war ich die Streberin, die Außenseiterin, die man immer als letzte in die Mannschaft wählte oder mit der man keine Gruppenarbeit machen wollte.
So geht es mir bis heute. Immer ist etwas an mir nicht so, wie die Gesellschaft es gerne hätte. Ich habe mich gegen Kinder entschieden – meine Großeltern haben mich seit dem abgeschrieben. Ich habe Depressionen und werde dafür von meiner Schwiegermutter beschimpft. Ich trinke keinen Alkohol und gelte deswegen oft als Spaßbremse.

Bisher habe ich immer den „Fehler“ für die Reaktion anderer Menschen bei mir gesucht. Was habe ich falsch gemacht, dass die anderen mich nicht mögen? Aber so langsam verstehe ich, was für ein Quatsch das eigentlich ist. Wieso sollte ich mich einem Umfeld anpassen, in das ich gar nicht passen möchte?
Meine Großeltern zum Beispiel waren nie Bilderbuchgroßeltern, sie waren nicht liebevoll, fürsorglich. Sie waren – und sind es noch – Menschen, die ihre Zuneigung nur über materielles zeigen können. Die nichts akzeptieren können, was in ihre kleine Welt nicht hinein passt. So kalt und engstirnig möchte ich nicht sein, niemals. Und damit ist es für mich inzwischen sogar eher positiv, dass die beiden nichts mit mir anfangen können. Früher fand ich es traurig, aber ich habe mittlerweile verstanden, dass sich das Weltbild der beiden nicht mehr ändern wird – egal, wie sehr ich mich bemühe.

Ich lerne gerade, dass ich mir erlauben darf, anders zu sein. Es gelingt mir noch nicht immer. Aber ich sehe, wie viel besser ich mich mit mir fühle, wenn ich so bin, wie ich sein möchte. Und wenn es nur darum geht, mit blauem Nagellack ins Büro zu gehen. Nur, weil keine meiner Kolleginnen das tut – warum sollte ich es nicht? Warum sollte ich keine weiße Jeans tragen, nur weil ich keine Model-Figur habe? Warum Kinder bekommen, wenn das mich (und damit auch meine Kinder) unglücklich machen würde? Warum meine Depression im Familien- und Freundeskreis verstecken, damit alle in ihrer heilen Welt weiterleben können? Warum Alkohol trinken, nur weil alle anderen das auch tun?

Es wird noch ein langer Weg bis ich mich völlig davon befreien kann, in die Schablonen meiner Umwelt zu passen. Aber ich weiß, dass ich komplett zerbreche, wenn ich mich weiter dafür verbiege. 

Alles Liebe
Anni

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