Montag, 4. Juli 2016

Schritt halten?

Heute Morgen kam mir in der Bahn ein Gedanke, der mich seit dem beschäftigt.

Es ging ums Schritt halten mit anderen, mit technischen Entwicklungen. Immer auf dem neuesten Stand sein bei Nachrichten, Trends, wissen wie die neueste Version von Windows funktioniert. Ein Kribbeln in den Fingern haben, wenn das neue iPhone rauskommt, neue Serien gesehen haben müssen, neue Beststeller gelesen haben, up to Date sein, was die Song-Charts angeht.
Das war mir bisher immer wichtig. Zu vielen Themen wusste ich immer sofort Bescheid. Konnte helfen, wenn Outlook rumzickte, konnte eine Meinung zu einem neuen Roman abgeben oder wusste, welcher Fußballer grade zu welchem Verein wechselte. Aber wieso eigentlich? Steckt da wirklich mein eigenes Interesse dahinter? Oder beschäftige ich mich mit diesen Dingen nur, damit ich vor anderen gut dastehen kann? Steckt da wieder mein alter Wunsch nach Akzeptanz dahinter?

Inzwischen habe ich oft das Gefühl, dass ich mich verzettle in diesem Wust von Informationen und Neuerungen. Dass meine wirklichen, eigenen Interessen dabei auf der Strecke bleiben. Ja, ich finde technische Entwicklungen spannend. Ja, ich lese gerne und höre gerne Musik. Aber muss es denn immer das neueste sein? Was ist denn so schlimm daran, mich auf die Dinge zu besinnen, die funktionieren und mir schon immer gefallen haben? Lieblingsbücher wieder heraus zu kramen und wieder zu lesen? Mal bewusst eine neue Serie verpassen und dafür einen Abend lang uralte Folgen von SATC zu schauen?

Ich will mich nicht mehr selbst überfordern. Mich einem Druck aussetzen, der durch Medien und Gesellschaft künstlich aufgebaut wird. Ich will Dinge in meinem eigenen Tempo und zu meiner eigenen Zeit entdecken. Nicht mehr Bücher, Musik vorbestellen, immer Nachrichten schauen, Modetrends für den nächsten Sommer schon vorab kennen und vielleicht schon shoppen. Ich will mehr im Jetzt leben, den Weg genießen. Nicht immer nur nach vorne schauen, sondern auch mal anhalten, mir die Blumen am Wegesrand ansehen, durchatmen.

Das gilt auch für den Job. Immer habe ich versucht, mit sämtlichen Entwicklungen im Office-Bereich auf dem Laufenden zu sein. Ich habe privat Seminare besucht, Fachzeitschriften gelesen, versucht, meinen Arbeitsplatz immer weiter zu optimieren. Auch hier will ich langsamer machen. Mein Arbeitgeber erwartet natürlich ein gewisses Engagement von mir – dafür bekomme ich schließlich mein Gehalt. Aber wir sind kein mega-innovatives hippes Unternehmen. Wir sind bodenständig, ja sogar etwas behäbig. Wieso soll ich mich selbst mit etwas stressen, was von mir dort nicht erwartet, gefordert und auch in keinster Weise honoriert wird?

Dazu fällt mir ein Erlebnis aus der Klinik im letzten Jahr ein. Ich war in der Musiktherapie und hatte eine Bongo vor mir stehen. Das Stück, dass meine Mit-Patienten und ich anstimmten, begann sehr gemütlich, mit einem stabilen gleichbleibenden Rhythmus. Im Laufe der Improvisation wurden die anderen immer schneller. Ich versuchte zuerst, den Rhythmus meiner Trommelschläge an das neue Tempo anzupassen. Aber ich fühlte mich damit nicht wohl. Also kehrte ich zu meinem ursprünglichen langsamen Rhythmus zurück. Trommelte ihn weiter bis zum Ende der Improvisation, fast wie in Trance. Nach dem Stück war ich entspannt und zufrieden wie selten. Ich war bei mir geblieben, in meinem Tempo.
Ich will versuchen, dieses Gefühl mit in meinen Alltag zu nehmen. Entschleunigung und Konzentration auf das, was mir für mich wichtig ist und mir gut tut. Achtsam sein.

Alles Liebe
Anni

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