Montag, 25. Juli 2016

Depressionen sind Arschlöcher - Achtung: evtl. Trigger!


Ja, Depressionen sind Arschlöcher. Ganz miese, gemeine Arschlöcher, die das Leben der Erkrankten und das ihrer Lieben kaputt machen (können).

Depressionen lügen dich an. Sie gaukeln dir Dinge vor, die in Wirklichkeit ganz anders sind.

Sie sagen dir, dass du nichts kannst, dass du nichts wert bist, dass du alleine bist und dich niemand versteht. Sie ziehen dich in einen tiefen Strudel aus Hilflosigkeit, Selbsthass und Verzweiflung.
Sie machen vor nichts Halt. Sie sagen dir, dass dein Mann dich gar nicht liebt sondern nur aus Mitleid geheiratet hat. Dass deine Großeltern, die dich nie geliebt haben, zu Recht erkannt haben, dass da nichts liebenswertes an dir ist. Sie sagen dir bei jedem kleinen Fehler, dass du zu dumm bist für deinen Job. Dass du eine Last bist. Dass alle anderen besser dran wären ohne dich.
Sie lachen dir ins Gesicht, wenn du in den Spiegel schaust und sagen, du bist fett, hässlich, abstoßend. Sie machen dich klein, wo sie nur können. Immer und immer wieder. Und du glaubst ihnen. Du kannst nicht anders als ihnen zu glauben. Du spürst ganz tief in dir drin, dass sie recht haben. Du ziehst dich zurück. Glaubst ihnen mehr als deinen Freunden, deiner Familie. Die heucheln ja alle nur.

Du gehst nicht mehr arbeiten, nicht mehr einkaufen, nicht mehr spazieren. Du bleibst zu Hause, im Bett oder auf der Couch. Du schaffst es nicht mehr, zu kochen, zu putzen oder zu duschen. Wozu auch?Dir ist alles zu viel, nichts macht mehr Sinn. Du lebst nicht mehr, du existierst nur noch. Und dann wünschst du dir, du würdest nicht einmal mehr das. Du findest Gefallen an dem Gedanken, dass alles bald ein Ende hat. Die Last, die du mit dir herumträgst, wird einfach zu groß. Du sehnst dich nach Freiheit. Willst den anderen nicht mehr zu Last fallen, die sind ohne dich eh besser dran.
Und keiner versteht dich. Du gehst einen Weg, auf dem dir keiner folgen kann. Sie wissen nicht, wie sich das anfühlt. Wie es sich anfühlt, wenn deine Gedanken gegen dich kämpfen, dich fertigmachen, klein reden, dich auslachen.
Sie können es nicht wissen. Das können nur Menschen, die ähnliches durchmachen.

Ich war so weit unten. Es war grauenvoll. Und ich will da nicht wieder hin, nie wieder. Ich will nie mehr darüber nachdenken, dass die Welt ohne mich besser dran wäre. Und ja, ich bin gerade wieder tief in die Depression hineingerutscht. Aber da sind keine Suizidgedanken. Und auch wenn ich heute nicht viel anderes empfinden kann, dafür empfinde ich Dankbarkeit.


Alles Liebe und passt auf euch auf
Anni

Donnerstag, 21. Juli 2016

Welcome back, ungesundes Verhalten!

Meine Therapiestunde gestern hat mich sehr aufgewühlt. Ich habe zwei Themen angesprochen, die mich in der letzten Zeit wieder sehr beschäftigt haben. Und die ich bisher noch niemandem gegenüber erwähnt habe. 

Das eine sind meine unkontrollierten Fressanfälle abends.
Und das andere sind diese kleinen Selbstverletzungen, die ich mir zum Teil voll absichtlich zufüge.
Harte Themen. Und beides gute alte Freunde, die mich immer wieder besuchen.

Ich bin mir bewusst, dass beides absolut ungesundes Verhalten ist. Und doch schaffe ich es oft nicht, diese Gewohnheiten abzustellen oder mich dabei zu stoppen. Ich sitze dann auf der Couch, habe die Hand in der Chipstüte und sage mir immer wieder, dass ich die Tüte weg legen muss. Aus der Hand lege ich sie aber dann erst, wenn sie leer ist. Danach bin ich wütend auf mich – weil ich wieder sinnlos Kalorien in mich rein gestopft habe und nicht stark genug war, damit aufzuhören. Ich fühle mich wie ein Versager – ein fetter Versager.  Die Nächte danach sind sehr unruhig und bringen keine Erholung. Beste Bedingungen für den Selbsthass. Vor allem im Sommer, mit schlanken Frauen in kurzen Röckchen und Shorts vor Augen. 
Und wenn ich lange genug wütend auf mich selbst bin, fange ich an, mich zu kratzen. Manchmal merke ich das gar nicht bzw. erst dann, wenn meine Nägel blutig sind. Aber manchmal kratze ich mich ganz bewusst. Weil ich den Schmerz verdiene. 

Essen war für mich in meiner Teenie-Zeit Trost. Ich hatte so viel zu verarbeiten und niemanden, mit dem ich reden konnte. Also tat ich mir selbst etwas Gutes. Ich aß. Schokolade, Chips, lauter ungesundes Zeug. Im Unverstand. Es half mir dabei, mich besser zu fühlen. Meine innere Leere war gefüllt.
Immer wieder habe ich Phasen, in denen ich diesen Trost nicht brauche. Aber in letzter Zeit ist das Bedürfnis wieder da. Warum auch immer. Einen direkten Auslöser gibt es nicht.

Über eine gewisse Zeit kann ich sehr gut verdrängen, was ich da eigentlich tue. Aber gestern ging das nicht mehr. Ich saß im Büro und kratzte mir den Arm auf. Ganz bewusst. Mitten am Tag. Selbst in dem Wissen, dass mich jemand dabei „erwischen“ könnte. 

Meine Therapeutin hat mir direkt angesehen, dass es mir nicht gut geht und hat sehr sensibel reagiert. Sie will nun versuchen, mit mir zusammen „gesündere“ Strategien zu entwickeln, mit denen ich mich trösten kann, wenn ich das brauche. Wir werden sehen, was da funktionieren kann. Und wir wollen herausfinden, was da noch tief in mir schlummert, dass ich dieses Bedürfnis nach Trost überhaupt habe – jetzt, wo ich nicht mehr alleine bin. Einen lieben Mann und wirklich gute Freundinnen habe. 
Gegen den Selbsthass arbeiten wir ja sowieso schon seit Wochen. Doch immer, wenn ich das Gefühl habe, es geht langsam ein Stückchen aufwärts, holen mich solche Erlebnisse zurück auf den Boden der Tatsachen. Ich habe dann wieder das Gefühl, das alles verdient zu haben. Weil ich schwach bin. Und wertlos. So wie ich schon immer war. Alles andere kommt mir dann wie eine Illusion vor. Und etwas, dass mir nicht zusteht. Und dass mein Umfeld das schon früher oder später merken wird. 

Alles Liebe,
Anni

Dienstag, 12. Juli 2016

Ein Brief an U

Liebe U.,

heute ist der 12.07.2016 – dein erster Todestag.
Ich kann kaum glauben, dass du schon so lange weg bist. Manchmal, wenn ich mir deine Reaktion auf etwas vorstelle, kann ich sogar noch dein Lachen hören. Und doch werde ich es nie wieder hören können. 

Du hast mir in unserer gemeinsamen Zeit so unglaublich viel gegeben. Du warst immer da. Pragmatisch, loyal, respektvoll. Nie hast du mich oder meine Entscheidungen kritisiert – hast nachgefragt, wenn du etwas nicht nachvollziehen konntest, aber immer warst du voller Akzeptanz. Du hast nie versucht, meine Mutter zu ersetzen. Du warst einfach da – immer als das, was ich gebraucht habe. Wir konnten Geheimnisse teilen, gemeinsam lästern, lachen, weinen und auch du hast dir immer mal wieder einen Rat bei mir geholt. Ich hatte bei dir immer das Gefühl, auf Augenhöhe und der gleichen Wellenlänge zu sein.

Patchwork funktioniert nicht immer. Aber du hast es geschafft. Du hast aus 2 halben Familien mit Geduld eine ganze gemacht. Aus 2 x 2 Geschwistern sind 4 geworden – die sich zwar nicht täglich sehen, aber immer zusammenstehen, wenn es nötig ist. Ohne Diskussion – einer für alle.

Wir haben so vieles gemeinsam erlebt. Mamas Tod, meine erste Trennung, meine Hochzeit, den Beginn meiner Depression. Bei allem konnte ich auf dich zählen. Bedingungslos.
Ich danke dir für diese wunderbaren Jahre. Du hast mir in dieser Zeit ein Fundament gegeben, auf das ich immer bauen konnte. Du hast mir vertraut und mich nie infrage gestellt. Ein Rückhalt, wie ihn mir nur die wenigsten Menschen gegeben haben. Du warst wie Balsam für meine verwundete Seele. Und es schmerzt noch immer, dich nicht mehr hier zu haben.

Mein, unser Leben, geht ohne dich weiter - weil es das muss. Du fehlst. Schmerzlich.
Ich hoffe, du kannst sehen, wie ich mich jeden Tag ein Stückchen weiter aus der Depression kämpfe. Ich weiß, dass du stolz auf mich wärst. Und ich wünschte, du könntest sehen, wie sehr wir alle füreinander da sind, für Papa, für die Kleinen. Ich weiß, dir würde das gefallen.

Wir werden dich nie vergessen. Deine Liebe in unseren Herzen behalten. Für immer.

Alles Liebe
Anni

Montag, 11. Juli 2016

Vom Anpassen

Eins meiner lieben Twitter-Sternchen setzt sich gerade damit auseinander, was schlimm daran ist, anders zu sein. Ein Thema, dass auch mich sehr beschäftigt.

Was ist denn so schlimm daran anders zu sein? Warum muss jeder einer Norm entsprechen? Warum akzeptiert die Gesellschaft nur Menschen, die keine Ecken und Kanten haben, angepasst sind und still ihren Leistungsauftrag erfüllen?
Doch selbst, wer seine Leistung bringt, aber nicht dem Bild entspricht, dass die Gesellschaft von ihm hat, gilt als nicht normal und wird ausgegrenzt.

Ich habe in der Schule immer gute Noten geschrieben, habe immer zu den Besten meiner Klasse gehört. Aber ich war gleichzeitig auch schüchtern, unsportlich und das erste Scheidungskind meiner Klasse. Ich passte nicht in das Bild meiner Mitschüler und *zack* war ich die Streberin, die Außenseiterin, die man immer als letzte in die Mannschaft wählte oder mit der man keine Gruppenarbeit machen wollte.
So geht es mir bis heute. Immer ist etwas an mir nicht so, wie die Gesellschaft es gerne hätte. Ich habe mich gegen Kinder entschieden – meine Großeltern haben mich seit dem abgeschrieben. Ich habe Depressionen und werde dafür von meiner Schwiegermutter beschimpft. Ich trinke keinen Alkohol und gelte deswegen oft als Spaßbremse.

Bisher habe ich immer den „Fehler“ für die Reaktion anderer Menschen bei mir gesucht. Was habe ich falsch gemacht, dass die anderen mich nicht mögen? Aber so langsam verstehe ich, was für ein Quatsch das eigentlich ist. Wieso sollte ich mich einem Umfeld anpassen, in das ich gar nicht passen möchte?
Meine Großeltern zum Beispiel waren nie Bilderbuchgroßeltern, sie waren nicht liebevoll, fürsorglich. Sie waren – und sind es noch – Menschen, die ihre Zuneigung nur über materielles zeigen können. Die nichts akzeptieren können, was in ihre kleine Welt nicht hinein passt. So kalt und engstirnig möchte ich nicht sein, niemals. Und damit ist es für mich inzwischen sogar eher positiv, dass die beiden nichts mit mir anfangen können. Früher fand ich es traurig, aber ich habe mittlerweile verstanden, dass sich das Weltbild der beiden nicht mehr ändern wird – egal, wie sehr ich mich bemühe.

Ich lerne gerade, dass ich mir erlauben darf, anders zu sein. Es gelingt mir noch nicht immer. Aber ich sehe, wie viel besser ich mich mit mir fühle, wenn ich so bin, wie ich sein möchte. Und wenn es nur darum geht, mit blauem Nagellack ins Büro zu gehen. Nur, weil keine meiner Kolleginnen das tut – warum sollte ich es nicht? Warum sollte ich keine weiße Jeans tragen, nur weil ich keine Model-Figur habe? Warum Kinder bekommen, wenn das mich (und damit auch meine Kinder) unglücklich machen würde? Warum meine Depression im Familien- und Freundeskreis verstecken, damit alle in ihrer heilen Welt weiterleben können? Warum Alkohol trinken, nur weil alle anderen das auch tun?

Es wird noch ein langer Weg bis ich mich völlig davon befreien kann, in die Schablonen meiner Umwelt zu passen. Aber ich weiß, dass ich komplett zerbreche, wenn ich mich weiter dafür verbiege. 

Alles Liebe
Anni

Montag, 4. Juli 2016

Schritt halten?

Heute Morgen kam mir in der Bahn ein Gedanke, der mich seit dem beschäftigt.

Es ging ums Schritt halten mit anderen, mit technischen Entwicklungen. Immer auf dem neuesten Stand sein bei Nachrichten, Trends, wissen wie die neueste Version von Windows funktioniert. Ein Kribbeln in den Fingern haben, wenn das neue iPhone rauskommt, neue Serien gesehen haben müssen, neue Beststeller gelesen haben, up to Date sein, was die Song-Charts angeht.
Das war mir bisher immer wichtig. Zu vielen Themen wusste ich immer sofort Bescheid. Konnte helfen, wenn Outlook rumzickte, konnte eine Meinung zu einem neuen Roman abgeben oder wusste, welcher Fußballer grade zu welchem Verein wechselte. Aber wieso eigentlich? Steckt da wirklich mein eigenes Interesse dahinter? Oder beschäftige ich mich mit diesen Dingen nur, damit ich vor anderen gut dastehen kann? Steckt da wieder mein alter Wunsch nach Akzeptanz dahinter?

Inzwischen habe ich oft das Gefühl, dass ich mich verzettle in diesem Wust von Informationen und Neuerungen. Dass meine wirklichen, eigenen Interessen dabei auf der Strecke bleiben. Ja, ich finde technische Entwicklungen spannend. Ja, ich lese gerne und höre gerne Musik. Aber muss es denn immer das neueste sein? Was ist denn so schlimm daran, mich auf die Dinge zu besinnen, die funktionieren und mir schon immer gefallen haben? Lieblingsbücher wieder heraus zu kramen und wieder zu lesen? Mal bewusst eine neue Serie verpassen und dafür einen Abend lang uralte Folgen von SATC zu schauen?

Ich will mich nicht mehr selbst überfordern. Mich einem Druck aussetzen, der durch Medien und Gesellschaft künstlich aufgebaut wird. Ich will Dinge in meinem eigenen Tempo und zu meiner eigenen Zeit entdecken. Nicht mehr Bücher, Musik vorbestellen, immer Nachrichten schauen, Modetrends für den nächsten Sommer schon vorab kennen und vielleicht schon shoppen. Ich will mehr im Jetzt leben, den Weg genießen. Nicht immer nur nach vorne schauen, sondern auch mal anhalten, mir die Blumen am Wegesrand ansehen, durchatmen.

Das gilt auch für den Job. Immer habe ich versucht, mit sämtlichen Entwicklungen im Office-Bereich auf dem Laufenden zu sein. Ich habe privat Seminare besucht, Fachzeitschriften gelesen, versucht, meinen Arbeitsplatz immer weiter zu optimieren. Auch hier will ich langsamer machen. Mein Arbeitgeber erwartet natürlich ein gewisses Engagement von mir – dafür bekomme ich schließlich mein Gehalt. Aber wir sind kein mega-innovatives hippes Unternehmen. Wir sind bodenständig, ja sogar etwas behäbig. Wieso soll ich mich selbst mit etwas stressen, was von mir dort nicht erwartet, gefordert und auch in keinster Weise honoriert wird?

Dazu fällt mir ein Erlebnis aus der Klinik im letzten Jahr ein. Ich war in der Musiktherapie und hatte eine Bongo vor mir stehen. Das Stück, dass meine Mit-Patienten und ich anstimmten, begann sehr gemütlich, mit einem stabilen gleichbleibenden Rhythmus. Im Laufe der Improvisation wurden die anderen immer schneller. Ich versuchte zuerst, den Rhythmus meiner Trommelschläge an das neue Tempo anzupassen. Aber ich fühlte mich damit nicht wohl. Also kehrte ich zu meinem ursprünglichen langsamen Rhythmus zurück. Trommelte ihn weiter bis zum Ende der Improvisation, fast wie in Trance. Nach dem Stück war ich entspannt und zufrieden wie selten. Ich war bei mir geblieben, in meinem Tempo.
Ich will versuchen, dieses Gefühl mit in meinen Alltag zu nehmen. Entschleunigung und Konzentration auf das, was mir für mich wichtig ist und mir gut tut. Achtsam sein.

Alles Liebe
Anni