Dienstag, 12. April 2016

Vom Wunsch nach einer Metamorphose

Seit ich vor ein paar Wochen mit meiner Therapeutin über mein Selbstbild gesprochen habe, spukt mir das Thema im Kopf rum.

Ich meine, ich habe mich immer angepasst. Lange habe ich mir das schön geredet. Ich war stolz darauf, mich auf jeden einstellen zu können. Du gehst gerne shoppen? Ich auch! Du begeisterst dich für's Kochen? Cool, lass uns zusammen einen Kochkurs machen. Du hast einen Hamster? Ich hätte ja auch sooo gerne ein Haustier ...
Egal, wem ich gegenüberstehe - seine Interessen werden zu meinen. Auch, wenn es gar nicht so ist. Was habe ich in meinem Leben schon alles getan, weil ich damit meinem Gegenüber gefallen wollte? Und was habe ich verschwiegen, um nicht belächelt oder auf's Abstellgleis geschoben zu werden?

Ich bin ein Alkoholiker-Kind. Es gehörte schon immer zu meiner Überlebens-Strategie, mich anzupassen und auf die Launen meiner Mutter einzustellen. Meine Antennen sind in dieser Zeit sehr fein geworden. Ich spüre die Stimmung von anderen um mich herum extrem intensiv. Und ich versuche immer noch, mich auf die Stimmung des anderen einzustellen, seine Bedürfnisse zu erraten.

Und wo bleibe ich da selbst? Wo bleiben meine Bedürfnisse? Wer geht auf mich ein? Wen kümmert es, was ich will? Mich hat es bisher ja noch nicht einmal selbst gekümmert. Die anderen waren mir immer wichtiger. Und wenn ich nie zeige, was ich will und brauche - woher sollen die anderen es dann wissen?
Und noch etwas anderes spielte mit rein: nur nicht so launisch und egoistisch werden wie meine Mutter. Immer lieb, nett und berechenbar bleiben. Verlässlich. Stabil. Selbst, wenn ich das alles in mir drin nicht war, nach außen hin zeigen wollte ich das nie.

Und so bin ich geworden wie ich jetzt bin - immer nett, immer lächelnd, immer für die anderen da. Habe dabei aber kein eigenes Profil. Und wie soll ich mich dafür denn selbst mögen? Abgesehen, von den ganzen dummen Sprüchen, die ich mir von außen schon immer anhören musste und noch muss?

So gerne will ich Kontra geben können, wenn mich jemand blöd anmacht. Doch dafür bin ich immer noch zu nett. Mit fast 38 Jahren habe ich es noch nicht gelernt, die Krallen auszufahren und für mich einzustehen. Ich will mir erlauben dürfen, zu meinen Vorlieben und Abneigungen zu stehen, meine Stimmungen auszuleben und auch mal Ecken und Kanten zu zeigen. Das muss doch auch mir möglich sein. Ich habe doch nur dieses eine Leben - und das möchte ich nicht mehr als Kopie oder Spiegelbild meiner Mitmenschen verbringen. Sondern als ich selbst - als Anni.

Es wird Zeit, dass aus dem lieben Schmetterlingssternchen ein Piratensternchen wird. Der zwar immer noch warmherzig leuchtet, aber im richtigen Moment auch mal den Säbel ziehen und kämpfen kann - für sich und das, was ihn zum Leuchten bringt.

Alles Liebe
Anni

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