Donnerstag, 10. März 2016

Von der Verantwortung

Meine Depression hat mehrere Ursachen. Eine ist sicherlich die schwierige Beziehung zu meiner Mutter. Dann das mangelnde Selbstwertgefühl. Mein Perfektionismus. Und noch etwas hat zu meiner Krankheit geführt: Das Gefühl, immer für alles und jeden die Verantwortung übernehmen zu wollen.

Und auch das hat seine Wurzeln in meiner Biographie. Meine Mutter war durch ihre Sucht oft nicht in der Lage, sich um sich selbst zu kümmern. Sie brach morgens im Bad zusammen, stand an manchen Tagen gar nicht aus dem Bett auf und musste versorgt werden. Oft blieb das an mir hängen, weil sie dann nur mich sehen wollte. Als das anfing, war ich noch keine zehn Jahre alt. Aber ich sorgte dafür, dass sie zu trinken hatte, etwas aß und sich zumindest ein wenig um ihre Körperpflege kümmerte. Und ich musste mich auch im ihre „Unterhaltung“ kümmern – mit ihr reden, zusammen Radio hören, aber vor allem ihr zuhören. Die Themen waren in der Regel sehr weit weg von allem, womit sich normale Kinder in dem Alter beschäftigen. Aber da möchte ich jetzt nicht zu sehr abschweifen.

Zu dieser Zeit sah ich es als meine Pflicht an, mich um meine Mutter zu kümmern. Sie konnte es ja nur noch eingeschränkt und ich war ihre Tochter. Das war für mich völlig normal und ich stellte das damals nicht infrage. Zudem übte sie einen gewissen Druck auf mich aus. Und nachdem meine Mutter ausgezogen war, machte ich weiter mit dem Verantwortung übernehmen. Für meinen Vater und meinen Bruder – obwohl mich die beiden nie darum gebeten hatten (und das auch gar nicht gebraucht hätten). Und so war da immer jemand – Familie, Freunde, Klassenkameraden, Kollegen …. Immer kümmerte ich mich um jeden, versuchte Probleme zu lösen, hörte mir Sorgen an, half wo ich nur konnte.

Und merkte dabei nicht, wie ich mich selbst dabei vergaß. Für mich übernahm ich keine Verantwortung, vor allem nicht für mein Seelenheil. Ich funktionierte. Und war diesen Modus so gewöhnt, dass er für mich normal war. Bis es dann nicht mehr ging. Bis mein Körper und meine Psyche mich dazu zwangen, mich in erster Linie um mich selbst zu kümmern.

Es fällt mir nicht leicht, gegen diesen Drang anzugehen. Ich fühle mich noch immer verantwortlich – für meinen Vater, meinen Mann, meinen Chef, meine Freundinnen. Selbst jetzt, wo ich weiß, dass ich nur eine Priorität habe – mich selbst – habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich nicht über die Maßen um andere kümmere.

Über Jahrzehnte antrainierte Verhaltensweisen abzulegen erfordert vor allem Geduld und Hartnäckigkeit. Ich werde auch dafür noch einiges an Zeit brauchen.

Alles Liebe 
Anni

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