Samstag, 19. März 2016

Happy Birthday Depression!

Meine Depression hat heute Geburtstag. Na ja, zumindest meine Diagnose ist heute ein Jahr alt geworden. Depressiv war ich vorher sicher schon um einiges länger.

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern - das Wetter war gut und ich hatte direkt morgens um 8 einen Termin bei meiner Hausärztin, damit ich danach ins Büro konnte. Ein paar Tage davor war ich schon einmal dort, wegen meiner diffusen Beschwerden (Müdigkeit, Reizbarkeit, Erschöpfung...) Und heute würde ich das Ergebnis der Blutuntersuchung und hoffentlich eine Diagnose bekommen. Mit meinem Blutbild war alles okay. Und plötzlich sah ich mich der Diagnose "Depression" gegenüber, hatte Zuspruch von meiner Ärztin bekommen, eine Krankmeldung und ein Rezept für Antidepressiva. Ein paar Minuten später saß ich verheult bei meinem Vater auf der Couch ...

Seit diesem Vormittag hat sich in meinem Leben vieles verändert. Der Kampf gegen die Krankheit, der plötzliche Tod meiner geliebten Stiefmutter, die anstrengende Suche nach professioneller Hilfe, die Zeit in der Klinik. Und die große Auseinandersetzung mit mir selbst, meiner Vergangenheit. Alles kam auf einmal auf den Prüfstand. Es war ein hartes Jahr.

Aber ich bin noch hier. Ich habe nicht aufgegeben. Ich habe Hilfe gefunden. Ich habe Unterstützung in meinem Umfeld. Und ich bin fest entschlossen, mich weiter gegen die Depression zu stellen. Auch wenn das noch immer alles andere als einfach ist.

Ich habe heute eine Kerze für meine Depression angezündet. Sie ist ein fester Bestandteil meines Lebens, ja von mir selbst, geworden. Und auch, wenn ich noch sehr oft mit ihr hadere, weiß ich doch, dass ich sie annehmen muss, um irgendwann von ihr loszukommen.

Alles Liebe
Anni

Donnerstag, 10. März 2016

Von der Verantwortung

Meine Depression hat mehrere Ursachen. Eine ist sicherlich die schwierige Beziehung zu meiner Mutter. Dann das mangelnde Selbstwertgefühl. Mein Perfektionismus. Und noch etwas hat zu meiner Krankheit geführt: Das Gefühl, immer für alles und jeden die Verantwortung übernehmen zu wollen.

Und auch das hat seine Wurzeln in meiner Biographie. Meine Mutter war durch ihre Sucht oft nicht in der Lage, sich um sich selbst zu kümmern. Sie brach morgens im Bad zusammen, stand an manchen Tagen gar nicht aus dem Bett auf und musste versorgt werden. Oft blieb das an mir hängen, weil sie dann nur mich sehen wollte. Als das anfing, war ich noch keine zehn Jahre alt. Aber ich sorgte dafür, dass sie zu trinken hatte, etwas aß und sich zumindest ein wenig um ihre Körperpflege kümmerte. Und ich musste mich auch im ihre „Unterhaltung“ kümmern – mit ihr reden, zusammen Radio hören, aber vor allem ihr zuhören. Die Themen waren in der Regel sehr weit weg von allem, womit sich normale Kinder in dem Alter beschäftigen. Aber da möchte ich jetzt nicht zu sehr abschweifen.

Zu dieser Zeit sah ich es als meine Pflicht an, mich um meine Mutter zu kümmern. Sie konnte es ja nur noch eingeschränkt und ich war ihre Tochter. Das war für mich völlig normal und ich stellte das damals nicht infrage. Zudem übte sie einen gewissen Druck auf mich aus. Und nachdem meine Mutter ausgezogen war, machte ich weiter mit dem Verantwortung übernehmen. Für meinen Vater und meinen Bruder – obwohl mich die beiden nie darum gebeten hatten (und das auch gar nicht gebraucht hätten). Und so war da immer jemand – Familie, Freunde, Klassenkameraden, Kollegen …. Immer kümmerte ich mich um jeden, versuchte Probleme zu lösen, hörte mir Sorgen an, half wo ich nur konnte.

Und merkte dabei nicht, wie ich mich selbst dabei vergaß. Für mich übernahm ich keine Verantwortung, vor allem nicht für mein Seelenheil. Ich funktionierte. Und war diesen Modus so gewöhnt, dass er für mich normal war. Bis es dann nicht mehr ging. Bis mein Körper und meine Psyche mich dazu zwangen, mich in erster Linie um mich selbst zu kümmern.

Es fällt mir nicht leicht, gegen diesen Drang anzugehen. Ich fühle mich noch immer verantwortlich – für meinen Vater, meinen Mann, meinen Chef, meine Freundinnen. Selbst jetzt, wo ich weiß, dass ich nur eine Priorität habe – mich selbst – habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich nicht über die Maßen um andere kümmere.

Über Jahrzehnte antrainierte Verhaltensweisen abzulegen erfordert vor allem Geduld und Hartnäckigkeit. Ich werde auch dafür noch einiges an Zeit brauchen.

Alles Liebe 
Anni

Sonntag, 6. März 2016

Notbremse

Ich bin schon eine ganze Weile nicht mehr wirklich auf der Höhe. Immer wieder schlechte Tage. Und doch kam ich immer wieder auf die Beine und habe weiter gekämpft. Habe fleißig Dinge getan, die mir gut tun - Yoga, malen, lesen, meditieren.  Und doch hat es mich nun wieder richtig erwischt - trotz Gegenwehr bin ich zurück in die Depression geschliddert.

Woran ich das merke? All die für mich typischen Zeichen sind wieder da - die Freudlosigkeit, die Überforderung, das Überreagieren bei Kleinigkeiten, dieses stumpfe Gefühl, die Antriebslosigkeit, die Erschöpfung, die Konzentrationsschwäche und die Schlafstörungen. Ich weiß, dass ich die nächste Woche bei der Arbeit nicht überstehen würde, ohne in mich zusammenzufallen.

Und deswegen werde ich die Notbremse ziehen und mich morgen um eine Krankmeldung kümmern. Das ganze Wochenende habe ich hin und her überlegt - ob ich nicht dramatisiere, ob es nicht einfach ein "normales" Tief ist, ob ich mir einfach zu viele Gedanken über meinen Zustand mache. Ob ich nicht einfach weitermachen soll.
Aber tief in mir drin weiß ich, dass das dieses Mal keinen Sinn machen würde. Dass ich eine Auszeit brauche, um mich um mich selbst zu kümmern, um zurück auf ein vernünftiges Level zu kommen. Um mich vor einem kompletten Zusammenbruch zu bewahren. Mit Fieber würde ich mich auch nicht ins Büro schleppen. Und doch schrecke ich als psychisch Kranke doch immer wieder vor dem Schritt der Krankmeldung zurück. Die Unsicherheit überfällt mich immer noch. Und auch, wenn ich weiß, dass das Teil meiner Krankheit ist, fällt es mir schwer, meine Entscheidung nicht im Minutentakt wieder infrage zu stellen.

Aber auch ich darf mir Hilfe holen. Wir Depressiven dürfen das alle. Auch wenn die Gesellschaft und unsere Krankheit uns oft etwas anderes einreden wollen.

Alles Liebe
Anni