Sonntag, 28. Februar 2016

Die Angst davor, ich selbst zu sein

Eine meiner größten Ängste? Ich selbst zu sein. Das mag ein bisschen merkwürdig klingen, aber leider ist es so. 

Mein Leben lang bin ich immer irgendwo angeeckt. Mit meinen Hobbys, meinen Klamotten, meinen Meinungen, meinen Talenten, meinen Vorstellungen, meinen Wünschen und Träumen. Immer war da jemand, den etwas an mir störte. In der Familie, der Schule, den Freunden, bei der Arbeit ... Es war immer Gegenwind da. So stark, dass ich irgendwann glaubte, es stimme tatsächlich etwas nicht mit mit. Und so passte ich mich an, um dem Gegenwind auszuweichen. 
Und der wurde tatsächlich weniger. Aber es wurde noch etwas anderes weniger: Ich selbst. Ich habe den Kontakt dazu verloren, zu mir zu stehen. Zu den Dingen, die ich mag, die mir gut tun, die ich will, hinter denen ich stehe. 

Gemerkt habe ich das erst als ich krank wurde und ich mich behandeln ließ. Seit meinem Klinikaufenthalt im September 2015 versuche ich nun, wieder den Mut zu finden, zu dem zu stehen, was mich ausmacht. Es ist mühsam, ungewohnt und manchmal macht es mir Angst. Die Selbstzweifel kriechen beim kleinsten Anlass zurück in meine Gedanken. 
  • Du hast Fotos von einem Konzert auf Facebook gepostet - von 120 Freunden hat die nur einer geliket - die finden deinen Musikgeschmack scheiße - und dich gleich mit! 
  • Du trägst ins Büro einen Blazer und ein Kollege findet die Farbe nicht gut - du hast dich beim Einkaufen echt wieder total vergriffen und gut aussehen tust du eh nicht!
  • Du hast deiner Freundin gesagt, du willst nicht mit ins Kino - die hält dich jetzt für eine langweilige Spielverderberin - was du auch bist!
So geht das in meinem Kopf den lieben langen Tag. Es strengt mich an, Macht mich mürbe. Und manchmal will ich das nicht mehr. Dann will ich mich wieder anpassen. Nicht nur wegen den anderen, sondern auch wegen mir. Weil ich es immer noch scheue, zu dem zu stehen, was meins ist. Aber ich weiß auch, dass der Weg aus der Depression unter anderem nur gelingen kann, wenn ich mich selbst nicht mehr unterdrücke. Also versuche ich, mir eine dicke Jacke anzuziehen und wieder hinaus in den Gegenwind zu gehen. Für mehr Ich. 

Alles Liebe
Anni

Sonntag, 21. Februar 2016

Therapie-Zwischenbilanz

Inzwischen habe ich schon 5 Sitzungen bei meiner Therapeutin hinter mir. Und ich kann nun mit Sicherheit sagen, dass ich mich nach den Erstgesprächen richtig entschieden habe.

Frau B. ist gerade mal 2 Jahre älter als ich. Auch sie hat sich bewusst gegen Kinder entschieden, was die endlose Diskussion über meine biologische Uhr außen vor lässt (die ich bisher mit jedem Therapeuten führen musste). Und sie macht genauso gerne Yoga wie ich.
Die Gespräche mit ihr sind sehr entspannt. Ich fühle mich wohl und relaxt dort. Ich bin so dankbar dafür, dass es mit dem Platz bei ihr geklappt hat.

Und so arbeiten wir nun an den verschiedenen Baustellen meines Lebens. Um mich zu stabilisieren lerne ich im Moment vor allem, auf mich selbst und meine Bedürfnisse zu hören, Grenzen zu setzen und nicht immer alles perfekt machen zu wollen.
Die Therapie setzt in mir vieles in Gang. Mein Gehirn fühlt sich manchmal an als würde es in meinem Kopf rotieren und heiß laufen. Fast als würde es versuchen, neue Verknüpfungen zu schaffen, alte zu kappen und andere Reaktionsmuster zu finden.

Ich weiß, dass 5 Sitzungen nicht viel ist. Ich weiß auch, dass noch viele weitere nötig sein werden bis es mir dauerhaft besser geht.
Am Freitag hat es mir mal wieder vollkommen den Boden unten den Füßen weggezogen. Ich bin früher aus dem Büro nach Hause, weil einfach nichts mehr ging. Als würde sich die Depression aufbäumen um mir zu zeigen, dass sie sich so schnell nicht geschlagen gibt.
Sie hat mich wieder richtig erwischt. Aus dem Nichts heraus. So schnell, dass ich noch nicht mal versuchen konnte, etwas gegen sie zu unternehmen. Also nach Hause, Decke über den Kopf und schlafen. Und gestern dann aktive Selbstfürsorge. Yoga, lesen, Musik hören - Zeit für mich. Ruhe. Wieder zu Kräften kommen. Heute geht es mir auch schon wieder besser. Und um Kraft für die nächste Woche zu sammeln, war noch einmal Selbstfürsorge angesagt.

Was ich in meinem Kampf gegen die Krankheit aber schon gelernt habe: Ich komme aus diesen schlechten Tagen/Phasen wieder raus. Ich weiß, was ich für mich tun kann, um die Depression zurückzudrängen. Und ich schaffe es auch, den nötigen Antrieb für diese Dinge zu finden.

Auch, wenn ich ihr vielleicht noch nicht kräftig in den Hintern treten kann - die Zunge rausstrecken klappt schon ganz gut.

Alles Liebe
Anni


Donnerstag, 11. Februar 2016

Donnerstags-Gedanken


Bald jährt sich der Tag meiner Diagnose „Depression“ zum ersten Mal. Doch die Symptome meiner Krankheit begleiten mich schon viel länger. Unmerklich haben Stress, eine schwierige Vergangenheit und ungute Gewohnheiten mich in einem Strudel nach unten gezogen. 

Ich habe es geschafft, meinen Kopf aus dem Strudel herauszustrecken und um Hilfe zu rufen. Habe meine Hand ausgestreckt und Hilfe bekommen. Zögerlich zwar, aber die Hilfe war da. Und das ist sie immer noch. Hilfe von meinem Mann, meiner Familie, Freundinnen und letztendlich auch von meiner Hausärztin. Ihr verständnisvoller Umgang mit mir hat mir den Mut gegeben, weitere Hilfe anzunehmen.

Inzwischen nehme ich Antidepressiva, war 6 Wochen in einer Klinik, habe einen guten Psychiater und eine Therapeutin, die zu mir passt. Ich habe mich in Büchern und im Internet über meine Krankheit informiert und mir Wege zur ergänzenden Selbsthilfe gesucht. Ich bin ein gutes Stück im Strudel nach oben geschwommen. Ich schaffe es, jeden Tag aufzustehen, mich ordentlich fertigzumachen und zur Arbeit zu gehen. Ich stemme meinen Haushalt soweit, dass ich mich wohl damit fühle. Ich treffe mich mit meinen Freunden, meiner Familie, besorge Geburtstagsgeschenke, bringe mein Auto zum TÜV, gehe ins Yoga …. So vieles, was ich in meinen schlechtesten Zeiten nicht mehr geschafft habe; in denen manchmal das abendliche Zähneputzen zur größten Herausforderung wurde.

Ich sehe, dass es mir besser geht. Ich sehe, dass ich nicht mehr da bin, wo ich angefangen habe. Aber im Moment geht es mir nicht schnell genug. Immer noch so viele schlechte Tage, so viele dunkle Gedanken, so viel leere Gefühle. Meine Geduld mit mir selber ist aufgebraucht. Die Geduld, die ich mit anderen habe, greift bei mir selbst nicht. Mein Leben lang haben die äußeren Umstände und auch ich selbst mich dazu erzogen, mit anderen nachsichtig zu sein und mir selbst gegenüber nicht. Ich habe zu funktionieren, schnell, unkompliziert, ohne Theater oder Widerworte. Nur keine Angriffsfläche bieten.

Diese über Jahrzehnte eingeschliffenen Denk- und Verhaltensweisen muss ich ändern. Und mein Kopf weiß auch, dass ich dafür Zeit brauche. Aber gleichzeitig will er in die bequemen alten Muster zurückfallen, weil diese Veränderungen eben nicht über Nacht passieren. Und so kämpfe ich gegen mich selbst, kämpfe dafür, mich nicht selbst im Strudel wieder nach unten zu ziehen, wo ich doch eigentlich nur nach oben will.

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 2. Februar 2016

Anni - du hast Post


Liebe Anni,

du bist gerade wieder auf einem schwierigen Stück Weg unterwegs. Du hast eine neue Therapeutin – die gut zu dir passt und bei der du dich wohl und gut angenommen fühlst. Und doch werden durch die Gespräche wieder viele Themen offensichtlich, die du lange tief in dir vergraben hast. Du weißt, dass das sein muss, damit es dir besser geht.
Und doch haderst du mit dir. Mit deiner Vergangenheit und mit dem, was sie mit dir gemacht hat. Die Verletzungen sind wieder da, die Zurückweisungen, dein Wunsch danach, einfach nur angenommen und respektiert zu werden. Von deiner Familie, in der Schule. Du hast es nie leicht gehabt. Dein Umfeld hat es dir schwer gemacht. Und du hast dich angepasst, um es allen recht zu machen, keine Angriffsfläche mehr zu bieten, deine Ruhe zu haben. Bist unsichtbar geworden – leider auch für dich selbst. Du hast auf dem Weg in die Anpassung dich selbst und dein Profil verloren. Du weißt manchmal nicht mehr, wer du hinter der ganzen Fassade, hinter der Maske eigentlich bist. Was du eigentlich willst. Was dich glücklich macht.

Als Teenie warst du anders. Hast Musik gehört, die außer dir keiner gehört hat. Hast Bücher gelesen, die außer dir keiner gelesen hat. Hast Kleidung getragen, die außer dir keiner getragen hat. Du warst du selbst. Aber so warst du nicht gut – nicht für deine Klassenkameraden, nicht für deine Großeltern, nicht für deine Mutter. Schritt für Schritt bist du den Weg in die Selbstaufgabe gegangen, hast das streiten verlernt, hast alles aus dir getilgt, was anderen nicht gepasst hat. Bist konturlos geworden. Der Lohn war ein äußerer Frieden. Keine Anfeindungen mehr von anderen. Aber auch keine Freundschaft. Du bist zu austauschbar geworden.

Und jetzt holt dich das ein. Du fragst dich, wer du bist. Ob das Mädchen mit den Fantasy-Büchern, das in schwarzen Klamotten zu Britpop durch sein Zimmer getanzt ist und Geschichten geschrieben hat, noch irgendwo in dir drin ist. Ob dein Mann, deine Familie und deine Freunde dich noch lieben werden, wenn sie merken, dass du in Wirklichkeit gar nicht so bist wie du es seit dem all die Jahre warst.

Du fühlst dich orientierungslos und verloren. Aber hab den Mut, deinen Weg weiterzugehen. Irgendwo unterwegs wartet die junge Anni auf dich, um mit dir gemeinsam weiterzugehen. Dann habt ihr die Chance auf eine gemeinsame, glückliche Zukunft.

Alles Liebe
Anni