Freitag, 30. Dezember 2016

Ein Jahr Selbstfürsorge - meine Bilanz

Im Januar hatte ich auf einem Mindmap zusammengetragen, was ich in 2016 für meine Selbstfürsorge tun wollte. Das sah so aus:


Einiges davon schaffe ich nicht so regelmäßig wie ich es gerne möchte. Mein Blog gehört dazu. Und Tagebuch schreibe ich noch viel seltener. Auch weniger zu shoppen fällt mir schwer - ist es doch wie meine Fressanfälle und die Selbstverletzung ein Stress-/Kompensations-/Belohnungsmuster, mit dem ich besonders in schwierigen Phasen zu kämpfen habe. Doch da ich es geschafft habe, die beiden anderen Themen stark einzuschränken, will ich da aktuell nicht zu hart zu mir selbst sein. Aber weniger zu shoppen bleibt damit definitiv auf der Liste für 2017. 
Mich weniger im Internet herumzutreiben gelingt mir auch nicht immer. Es lenkt mich einfach ab, wenn in meinem Kopf das Gedankenkarussell den Turbogang eingeschaltet hat. Ein weiteres To Do für nächstes Jahr. 

Aber vieles konnte ich in meinen Alltag integrieren. Ich habe einen Therapieplatz bei einer Therapeutin gefunden, die perfekt zu mir passt. Ich habe einem Kurs in autogenem Training besucht und setze es recht erfolgreich ein, wenn ich nicht einschlafen kann. Ich lese wieder mehr, höre oft laut Musik und gehe auch wieder auf Konzerte. Ich nehme mir Auszeiten für mich, in denen ich manchmal gar nichts tue, meditiere, bade oder kreativ bin. Ich mache regelmäßig Yoga, gehe fast in jeder Mittagspause spazieren. Ich gönne mir Zeit für meine Körperpflege und genieße es, mir damit etwas Gutes zu tun. Und ich habe ausgemistet - in meinem Kleiderschrank, in meinen sozialen Kontakten und in meinem Kopf. Ich trenne mich nach und nach von verschiedenstem Ballast und spüre, wie ich leichter werde. 

Ich denke, ich bin zurzeit auf einem guten Weg. Und ich werde ihn weitergehen. Weiter tun, was mir gut tut. Auch wenn es oft Disziplin erfordert. Aber ich habe gespürt, dass sich die Anstrengung lohnt. Also auf in ein neues Selbstfürsorge-Jahr 2017. 

Alles Liebe - auf in ein hoffnungsvolles neues Jahr
Anni


Mittwoch, 28. Dezember 2016

Raus aus der Komfortzone

Seit einigen Wochen geht es mir gut. Es fühlt sich an, als wäre ein Knoten geplatzt. Mir ist klar geworden, dass ich mich selbst einschränke. In allem. Ich habe mir aus Selbstschutz eine Komfortzone geschaffen, die nach und nach zu einem Gefängnis wurde. Ein sehr bequemes, sicheres und wohl bekanntes Gefängnis. Aber auch eines, das mir die Lebensfreude raubte. Und alles in mir nach und nach erstickte.

Seit dem versuche ich mich frei zu machen. Von den Beschränkungen, die ich mir selbst setzte. Ich weite die Grenzen meiner Komfortzone Stück für Stück aus. Und ich habe Spaß dabei. Viel Spaß. Ich habe wieder Flausen im Kopf, mache Pläne. Ich fühle mich teilweise wie ein Kind, das neue Dinge entdeckt. Das etwas ausprobiert. Und sich keine Gedanken um die eventuellen Vorbehalte seiner Umwelt macht.

Und das ist neu. Es kümmert mich nur noch sehr wenig, was andere von dem halten, das ich tue. Ich trage die Kleidung, die mir gefällt. Ich höre die Musik, die mir gefällt. Ich sage meine Meinung offen. Ich like auf Facebook Beiträge und Seiten, die ich gut finde. Und auch wenn das albern erscheinen mag, all das habe ich unterlassen, weil ich mich vor negativen Reaktionen fürchtete. Ein sehr altes Muster, das aus mir etwas gemacht hat, was ich nie sein wollte. Langweilig, konform, angepasst - eine, die mit jedem Strom schwimmt - nur, um Teil von etwas zu sein, zu dem ich nie gepasst habe und mich vor Leuten zu schützen, die ich eigentlich gar nicht mag.

Ich bin mehr bei mir. Finde das Mädchen wieder, das ich früher war. Fantasievoll, neugierig, wissbegierig, lebenshungrig. Und ich traue mich mehr und mehr, das auch zu zeigen. Ich lerne, dass nichts schlimmes passiert, wenn ich so bin, dass die Menschen, die mich mögen, mich auch so mögen - vielleicht sogar noch etwas mehr, weil ich authentischer bin.

Ich befreie mich gerade aus meinem selbstgewählten Gefängnis, bahne mir einen Weg in die Freiheit und damit zu mir selbst. Ich will nicht mehr dorthin zurück. Ich will wieder raus ins Leben.

Alles Liebe
Anni

Montag, 28. November 2016

Was ich mir wünsche? Respekt!

In den letzten Tagen habe ich im Netz viele Kommentare über Depressive gelesen. Ich weiß, dass ich das eigentlich nicht sollte, weil es mir nicht gut tut. Und doch kann ich mich dem manchmal einfach nicht entziehen. 

Ich lese dann davon, wie Depressive zu sein haben. Was sie können oder nicht können. Dass sie faul sind, wenn sie nicht arbeiten gehen können, man ihnen auf der anderen Seite ihre Krankheit aber abspricht, wenn sie es tun. Dass sie sich nicht die Haare färben können, nicht krank genug aussehen, sich produzieren und der Welt aufzwingen wollen, dass man sie zu verstehen hat. Man stellt unsere Aussagen infrage. Man meint, es besser zu wissen. Und dass man, wenn man einen Depressiven kennt, alle kennt. Dass wir nicht sagen dürfen, Depressionen seien genauso schlimm wie körperliche Krankheiten. Dass wir uns aufgrund unserer Krankheit für bessere Menschen halten. Und das sind nur die harmlosen Sätze, die ich aktuell lese. 

Ich kann hier nur für mich sprechen, denn jeder Depressive ist anders. Jeder hat seine eigene Geschichte, eigene Ursachen, die ihn krank gemacht haben. Jeder ist auf einem anderen Stück seines Wegs mit und gegen die Krankheit unterwegs. 
Mich ärgern so viele der Aussagen, die wir uns anhören müssen. Von Menschen, die noch nicht mit psychischen Erkrankungen konfrontiert waren. Die wirklich nicht wissen können, wie sich eine Depression anfühlt. Ich wusste es ja, bis ich selbst daran erkrankte, auch nicht. Woher auch? Ich hätte mir nie vorstellen können, dass Zähneputzen für mich zu einer kaum zu bewältigenden Herausforderung wird, dass ich gar darüber nachdenken würde, mich umzubringen, weil das ja alles eh keinen Sinn mehr hat. 

Ich erwarte von meinen Mitmenschen kein Verständnis. Aber ich erwarte Respekt. Respekt für meine Krankheit und die Herausforderungen, vor die sie mich stellt.
Ich habe glücklicherweise ein Umfeld, dass meine Krankheit respektiert. Meine Familie verurteilt mich nicht, sie versucht zu helfen, auch wenn meine Krankheit für sie fremd ist. Meine Freundinnen sind für mich da. Nicht aufdringlich, sie fragen nach und lassen mir Raum, wenn ich ihn brauche. Am schwersten ist es sicher für meinen Mann, aber auch er ist da und tut, was er kann, immer.
Natürlich habe ich auch schon anderes gehört. Ich solle mich zusammenreißen, alles positiver sehen, eine schlechte Phase haben wir doch alle mal. Und warum ich noch nicht gesund sei, nachdem ich ja extra in einer Klinik war und Tabletten nehme. Ich habe doch ein schönes Leben, ich hätte doch keinen Grund, einen auf depressiv zu machen. Zu manchen Menschen haben ich nach solchen Gesprächen den Kontakt abgebrochen. Aus Selbstschutz. Und ich würde es wieder tun. 

Ich halte mich aufgrund meiner Krankheit nicht für einen besseren Menschen. Und ich kenne auch keinen Depressiven, der das tut. Wir neigen eher dazu, uns klein und unwichtig zu machen. Ich bin keine Gefahr für andere, nur für mich selbst. Das Beispiel des Germanwings-Piloten zeigt dabei für mich nicht, dass alle Depressiven potenziell gefährlich sind. Sondern meiner Meinung nach, dass es auch unter Depressiven Idioten und Arschlöcher gibt. Wie in allen anderen Gesellschaftsschichten auch. 
Depressive sollen tun, was ihnen gut tut. Weil sie das verlernen und keinen Sinn darin sehen, es sich selbst nicht wert sind. Darum lasst uns unsere Haare färben, zum Tätowierer gehen, bunte Klamotten tragen, Selfies ins Netz stellen, zum Sport gehen, Yoga machen oder auf Konzerten die Sau raus lassen. Diese Dinge können uns helfen.

Wenn ihr keine Ahnung habt, bitte ich euch, einfach still zu sein. Aus Respekt. Wir suchen uns diese Krankheit nicht aus. Ebenso wenig wie es Asthmatiker, Diabetiker und Krebskranke tun. 
Und wenn ihr etwas nicht versteht, fragt nach. Wir sind nicht ansteckend. Wir sind nicht faul. Wir sind nicht gefährlich. Und wir sind viele. Und wir wollen uns nicht mehr verstecken müssen. 

Alles Liebe
Anni

Sonntag, 13. November 2016

Anni - wo steckst du?

Im Lauf meines Lebens hab ich mich verloren. Habe Dinge aufgegeben, die mir wichtig waren, die mich ausgemacht haben, weil sie von anderen nicht anerkannt und akzeptiert wurden. Und ich bekomme immer stärker das Gefühl, dass ich das Mädchen, das ich einmal war, wieder finden muss. Es fehlt mir. Sehr.

Ich habe mich immer sehr für Musik begeistert, stundenlang Radio gehört, neue Bands entdeckt, mich abseits vom Mainstream bewegt, selbst Gitarre gespielt. Ich habe gelesen, am liebsten Fantasy, und selbst Geschichten geschrieben. Ich habe die Türen meines Kleiderschranks mit allem möglichen beklebt - Postkarten, Zeichnungen, Konzertkarten, Sticker - alles, was mir gefallen und mich inspiriert hat. 
Doch diese Kreativität, die ich damals ausdrückte, wurde weder gefördert, noch in irgendeiner Weise unterstützt oder anerkannt. Und so hörte ich nach und nach mit all dem auf. Meine Gitarre steht verstaubt in der Ecke. Meine Geschichten landeten im Altpapier, genau wie all die Schnipsel von meiner  Schrankwand. Mein Musikgeschmack wurde immer chartlastiger. Meine Klamotten wurden eintönig. Ich hörte auf, mich und das, was in mir steckte, nach außen auszudrücken. Fing an, meine Kreativität zu unterbinden. 

Inzwischen frage ich mich, warum ich all das aufgegeben habe. Warum sollte ich nicht wieder zeichnen, stundenlang unbekannte Musik entdecken, basteln, mich mit Dingen beschäftigen, die mich inspirieren? Nur, weil andere es nicht interessiert oder sie es doof finden? Wieso schränke ich meine Persönlichkeit nur immer noch so ein, obwohl ich das nicht muss und ich selbst darunter leide? 

Alte Gedankenmuster sind Arschlöcher. Sie halten uns von Dingen ab, die uns gut tun. Sie sagen uns, dass wir so sein müssen, wie andere uns haben wollen, um gemocht zu werden. Sie halten uns davon ab, unser Potenzial zu entdecken, es auszuschöpfen. Sie halten eine Angst am Leben, die uns ausbremst. 

Ich will das nicht mehr. Ich will zu mir zurückfinden. Zu dem Lebenshunger, den ich früher gespürt habe, zu der Neugier, der Begeisterungsfähigkeit, zu den Albernheiten, zur Kreativität, dieser positiven Energie. Ich will die Gelegenheiten ergreifen können, die sich mir bieten, ohne nachzudenken, wie andere das wohl finden. Ich will mich nicht mehr fremdbestimmen lassen. Es ist an der Zeit dafür. 

Alles Liebe
Anni

Sonntag, 6. November 2016

Wer bin ich?

Ich bin die, die ein Spitzenunterhemd unter dem Hoodie trägt.
Ich bin die, die ihre Nichten und Neffen abgöttisch liebt, aber keine eigenen Kinder will.
Ich bin die, die heute einen blutrünstigen Thriller liest und morgen eine kitschige Schnulze.
Ich bin die, die im Büro immer peinlichst Ordnung hält, zu Hause aber ein riesiges Durcheinander in ihren Unterlagen hat.
Ich bin die, die in einem Moment zu Rage against the Machine abgeht und sich danach das neue Album von Tailor Swift runterlädt.
Ich bin die, die sich die Fingernägel lackiert und mit frisch lackierten Nägeln den Garten einer Freundin umgräbt.
Ich bin die, die den Kopf in den Wolken hat und gleichzeitig mit beiden Beinen auf dem Boden steht.
Ich bin die, die über Oberflächlichkeit schimpft und sich danach RTL Exklusiv anschaut.
Ich bin die, die bei Konzerten in lauten Menschenmengen singt und tanzt, aber der die Unruhe in der S-Bahn zu viel ist.
Ich bin die, die neugierig auf das Leben ist und doch an den meisten Tagen nicht vor die Tür will.
Ich bin die, die Nutella am liebsten auf salzigen Laugenbrötchen isst.
Ich bin die, die zu Hause nur wenig Licht macht, aber von trübem Wetter unheimlich genervt ist.
Ich bin die, die mit ihrer Figur unzufrieden ist, aber ihr Essverhalten nicht umstellt.
Ich bin die, die am liebsten immer noch alles alleine meistert, obwohl sie weiß, dass sie das nicht muss.
Ich bin die, die den Sommer liebt, aber sich über die Hitze beschwert.
Ich bin die, die sich Stirb langsam genauso gerne anschaut wie Schlaflos in Seattle.
Ich bin die, die sich für das Weltgeschehen interessiert, aber keine Lust hat, mit anderen darüber zu diskutieren.
Ich bin die, die wahnsinnig viel Liebe für Menschen empfindet, es ihnen aber nicht sagen kann.
Ich bin die, die als Kind im Sandkasten Tunnel für Matchbox-Autos gegraben hat und danach mit ihrer Braut-Barbie gespielt hat.
Ich bin die, die sich in der Öffentlichkeit immer zu benehmen weiß und zu Hause flucht und die Füße auf den Tisch legt.
Ich bin die, die immer dann am aufgedrehtesten ist, wenn ihr am wenigsten danach ist.

Ich bin die, die noch lernen muss, dass es diese vermeintlichen Widersprüche sind, die sie ausmachen.
Ich bin ich.

Alles Liebe,
Anni

Montag, 24. Oktober 2016

Mittelfinger-Montag

Dieser ständige Kreislauf meiner Depression:

Gute Tage -> schöne Erlebnisse -> Zuversicht -> Energiereserven verbrauchen sich -> nicht mehr zur Ruhe kommen -> Resignation -> schlechte Tage -> mich selbst aus dem Sumpf ziehen -> gute Tage -> schöne Erlebnisse …..

So sieht es seit ein paar Wochen aus. Von Stabilität bin ich meilenweit entfernt. Und ganz ehrlich? Es kotzt mich an.
Ich schaue nach mir. Ich gehe ins autogene Training, in die Therapie, nehme meine Tabletten, treffe mich mit Freunden, bewege mich, lese, male, mache Yoga, höre Musik, gönne mir Pausen. Ich arbeite an mir, kämpfe gegen die alten Muster, versuche, den depressiven Gedanken keine Chance zu geben. Ich tue, was ich kann. Und doch scheint es so oft einfach nicht zu reichen.

Ich weiß, dass eine Depression Zeit braucht, um zu heilen (wenn sie überhaupt heilt). Und ich weiß auch, dass die Heilung kein Wettrennen ist, kein Wettbewerb und ich nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder gesund sein muss. Ich habe schon oft mit meiner Therapeutin darüber gesprochen und doch komme ich immer wieder an diesen Punkt: Den Punkt, an dem ich keine Geduld mehr habe, keine Lust mehr. An dem es mich nervt, dass es mich immer wieder zurück ins Dunkel zieht. Ja, ich bin nicht mehr unzufrieden mit mir, weil ich weiß, dass es an mir nicht liegt. Aber ich bin sauer auf diese beschissene Krankheit, weil sie verhindert, dass ich mein Leben als lebenswert empfinden kann. Weil sie mir Dinge kaputt macht, die ich mag. Weil sie immer da ist und auf ihre Chance lauert. Weil sie immer wieder zurück kommt und sich in mir einnistet. Weil ich einfach nicht weiß, wie lang ich mich noch wehren kann. Und was passiert, wenn es immer so bleibt?

Mein Verstand weiß, dass es „nur“ ein Rückschlag ist. Dass es wieder besser wird. Aber wie viel besser ist es denn, wenn ich nach ein paar guten und ausgeglichenen Tagen wieder merke, dass mein Leben auch diese andere Seite hat? Als würde mir jemand ein glitzerndes Bonbon hinhalten, es mir dann wieder wegnehmen und mir stattdessen einen verfaulten Apfel geben. „Hier – du kannst dir das gute Leben ankucken, es vielleicht sogar mal ablecken, aber behalten darfst du es nicht.“  Na, vielen Dank auch – für nix. 

Heute ist ein Tag, an dem ich schimpfen will. Und schimpfen muss. Weil mich die Aggression gegen diese verfickte Krankheit sonst zerreißt. Ein Tag, an dem die Wut darüber, krank zu sein, stärker ist als alle andere. An Tag, an dem ich verdammt noch mal nicht vernünftig sein kann und will. Ein Mittelfinger-Montag.

Alles Liebe
Anni

Montag, 17. Oktober 2016

Mein Weg - dein Weg?

Depressionen sind eine komplexe Erkrankung. Jeder Depressive hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Probleme, seine eigenen Symptome. Jeder empfindet seine Erkrankung anders. Wir sind, auch in unserer Krankheit, weiter Individuen. Das gilt für die Ausprägung der Erkrankung ebenso wie für den Weg der „Heilung“.

Wir gehen alle anders damit um. Wir können uns gegenseitig unterstützen, uns Halt geben und auch den ein oder anderen Ratschlag, wenn uns etwas geholfen hat. Ich habe gerade zu Beginn meiner Erkrankung von anderen Depressiven einige Tipps bekommen, die mir sehr geholfen haben.

Was wir nicht können, ist unseren Weg mit dem der anderen vergleichen. Wir sind alle immer auf einem anderen Stück Weg unterwegs, mit einem anderen Ziel. Wir erleiden Rückschläge, Verluste, Stressfaktoren kommen und gehen, wir machen Fortschritte. Wir sind in Therapie oder nicht. Waren vielleicht in einer Klinik, haben davon profitiert oder nicht. Wir nehmen Antidepressiva oder nicht, aus welchen Gründen auch immer.

Wir können uns untereinander nicht vergleichen. Ich kann nicht sagen, dass es mir besser oder schlechter geht als anderen Depressiven. Wir haben unsere eigene Vergangenheit, unsere eigene Hölle und so schwer das auch zu verstehen sein mag, alle unseren eigenen Weg, um diese Hölle zu verlassen.

Ich bin der Meinung, dass gerade andere Depressive das am besten verstehen müssten. Und doch gibt es sie auch hier: Die Besserwisser, die meinen, ihr Weg sei der einzig richtige. Die einem erklären wollen, warum alles andere nicht funktionieren kann. Weil ihnen die Medikamente nicht geholfen haben, können sie auch allen anderen nicht helfen. Weil sie am liebsten grünen Tee trinken und seit dem auf Kaffee verzichten, dürfen auch alle anderen Depressiven keinen Kaffee mehr trinken. Und natürlich alles nur in Verbindung mit viel Sport an der frischen Luft.
Ich kann mit diesen Missionaren nichts anfangen. Mit ihren Behauptungen bauen sie auf Menschen Druck auf, die eines zur Heilung am wenigsten gebrauchen können: Druck.

Ich freue mich für jeden, der es aus der Depression herausschafft. Und ich wünsche jedem, dass dieser Erfolg von Dauer ist. Ich habe bisher noch keinen Depressiven kennengelernt, der nicht gesund werden wollte. Manche brauchen dafür länger, manche schaffen es vielleicht nie. Auch das muss man sich offen eingestehen. Aber auch hier gilt: Lasst uns Kranken unsere Art, mit der Krankheit umzugehen und sie bewältigen zu wollen. Lasst uns unser Tempo. Vor allem ihr, die ihr es selbst schon geschafft habt. Reicht uns eine Hand, wenn wir sie brauchen, aber erklärt uns nicht, was wir für die Heilung zu tun und zu lassen haben. Das können wir nur für uns selbst herausfinden.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Sanierungsbedarf

Wie fasse ich nur in Worte, wie es mir gerade geht? Ich habe das Gefühl, mein Kopf ist eine einzige Baustelle und ich bin die einzige Handwerkerin dort und versuche, alles gleichzeitig zu reparieren. 

Da ist noch immer mein gestörtes Selbstbild. Dann schmuggelt sich immer wieder die Frage dazwischen, was aus meinem Leben wohl geworden wäre, wäre meine Kindheit nicht so gewesen wie sie war. Vergeben steht auch noch mit auf der Liste. Und die Sorge, neben all der Arbeit an mir selbst auch noch meinen Job, meinen Mann, meine Familie und meine Freunde irgendwie unter einen Hut zu bringen.
Am liebsten möchte ich den Kopf in den Sand stecken. Mich vor diesen ganzen Löchern und Rissen einfach nur verstecken. Oder so tun als wären sie gar nicht da, als hätte ich die kaputten Stellen in mir wie immer einfach nur oberflächlich gekittet. Und sie nicht weiter aufgerissen, um zu schauen, was da noch so alles zum Vorschein kommt.

Und doch weiß ich, dass das alles Punkte sind, die von Grund auf repariert werden müssen. An allen Ecken und Enden ist meine Seele marode. Nur einen Streifen Klebeband drum machen und hoffen, dass das auf Dauer hält, ist einfach nicht mehr. Da muss eine Komplett-Sanierung her.

Doch wie saniert man sich selbst? Wie bekommt man etwas in den Griff, das an allen Ecken und Enden knirscht, knackt und bröckelt?
In der Klinik letztes Jahr und während meiner Therapie in diesem Jahr habe ich schon einiges an Handwerkszeug mitbekommen. Vielen Situationen kann ich schon etwas besser begegnen. Und doch scheinen ein paar Dinge zu bleiben, zu denen ich die richtige Reparatur-Anleitung noch suche.

Kann ich all den Menschen vergeben, die mir mein Leben zur Hölle gemacht haben? Ich weiß, dass es für meinen Seelenfrieden wichtig wäre. Und doch bin ich dafür einfach noch nicht bereit. Der Groll ist noch zu groß. 
Kann ich mich selbst so annehmen, wie ich bin? Kann ich mich lieben, mich akzeptieren, mich als hübsch, intelligent, humorvoll und warmherzig wahrnehmen?
Kann ich einen sinnvollen Mittelweg finden zwischen Job, Haushalt, sozialen Kontakten und Zeit für mich selbst? Einen Kompromiss, der für mich gut und richtig ist und bei dem ich mir selbst weiterhin in die Augen sehen kann?
Kann ich meine Vergangenheit abschließen, sie akzeptieren und aufhören, mit ihr zu hadern?

Diese Baustellen werden mich noch eine Weile beschäftigen. An guten Tagen kann ich akzeptieren, dass sich all das nicht von heute auf morgen bewerkstelligen lässt. An schlechten Tagen schleichen sich die Dämonen zurück in meinen Kopf und erklären mir, dass ich das alles sowieso nie schaffen werde.

Und so werde ich wohl noch eine Weile weiter schwanken – zwischen Zuversicht und Angst, zwischen Hoffnung und Zweifel. Aber irgendwann werde ich diese Sanierung abschließen – erfolgreich. 

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 27. September 2016

Anni - du hast Post

Liebe Anni,

ich habe dir schon lange nicht mehr geschrieben. Du warst so gut unterwegs, dass das nicht nötig war.

Aber jetzt spüre ich, dass du wieder haderst. Die letzten Tage waren anstrengend. Im Büro war viel los, du warst auf einer Messe und bei einem Kongress im Einsatz. Das hat an dir gezehrt. Du hast dich nach Monaten wieder mit der Familie deines Mannes getroffen. Du hast dich getraut, mit deiner Therapeutin über dein verzerrtes Selbstbild zu sprechen.
Das alles hat viel Energie gekostet. Mehr, als du wieder aufladen konntest. Dein Akku läuft gerade wieder auf Sparflamme.

Aber lass dich bitte nicht entmutigen. Auch wenn dich gerade wieder alles anstrengt. Bleib dran.
Du bringst eine enorme Leistung: ein Vollzeit-Job und nebenher die Arbeit an dir selbst. Alte Muster und Glaubenssätze zu durchbrechen, immer und immer wieder dagegen anzugehen, kostet Kraft. Und manche Erkenntnisse tun weh. Manche Zusammenhänge hätte ich dir lieber erspart. Aber nur so kann es anders werden. Es gibt keine Abkürzung aus der Depression. Du darfst erschöpft sein.

Die Auseinandersetzung mit deiner Vergangenheit fördert immer mehr Verletzungen zu tage. Die schiere Menge hat dich wieder und wieder erschlagen – und sie tut das heute noch immer. Und wie blaue Flecken brauchen diese Verletzungen ihre Zeit, bis sie ganz verschwinden und nicht mal mehr die kleinsten Spuren zu erkennen sind. Und manche von diesen Verletzungen, die besonders tiefen, die werden Narben hinterlassen und nie ganz verblassen. Sie gehören zu dir. Aber du kannst lernen, mit den Narben zu leben, sie anzunehmen und sie irgendwann ohne Schmerz zu betrachten.

Erlaube dir alles, was du zu deiner Genesung brauchst. Probiere aus, was dir weiter hilft und was nicht. Überschreite die Grenzen, die andere dir gesetzt haben. Du hast das Recht dazu. Ihr Horizont, ihre Regeln, ihre Grenzen sind nicht deine. Schaff dir deine eigene Welt. Du bist es wert.

Alles Liebe
Anni

Freitag, 16. September 2016

Klinik-Jahrestag

Am 16.09.2015 wurde ich nach 6 Wochen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik nach Hause entlassen.
Es war komisch, nach so langer Zeit wieder in der eigenen Wohnung zu sein, kein strukturiertes Programm mehr zu haben, keine Therapien, keine Mitpatienten mehr. Ich weiß noch, dass ich ein paar Tage brauchte, um wieder richtig anzukommen in der Realität. Die Klinik war wie eine geschützte Seifenblase gewesen, fernab von Verpflichtungen und der rauen Außenwelt.

Ich erinnere mich noch gut an meine Ankunft in der Klink Anfang August. Mit einem Koffer, einer Reisetasche und meinem Mann im Schlepptau stand ich im Flur der Klinik und wartete darauf, dass ich mich anmelden konnte. Schaute mich verstohlen um. Ich war total ängstlich, verunsichert und nervös – weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Und dann ging der Aufnahme-Marathon los – Verwaltung, Stationsschwester, Psychologin, Ärztin. Abends war ich total platt und fühlte mich einsam in meinem kleinen Zimmerchen – kein Fernseher, miese Internetverbindung, noch kein Kontakt zu den anderen. Viel Zeit für mich und meine Gedanken.

Nach ein paar Tagen kam ich langsam an. Die Therapeuten, Schwestern und die anderen Patienten machten es mir leicht. Vor allem die anderen Patienten – ging es ihnen doch mehr oder weniger wie mir. Ich erkundete die Umgebung, machte in den therapiefreien Zeiten lange Spaziergänge im Wald. Nahm an, was mir vermittelt wurde. Fuhr an den Wochenenden zur „Belastungserprobung“ nach Hause. Mein Vater kam einmal die Woche und besuchte mich. Das Klinikleben wurde Alltag. Ein für mich erholsamer und wohltuender Alltag.
Manche Gespräche mit der Psychologin waren schmerzhaft. Aber damit auf ihre Art heilsam. In mir platzte ein großer Knoten aus der Vergangenheit. Ich erinnere mich noch genau an den sonnigen Nachmittag, den ich heulend im Wald auf einer Holzbrücke über einem kleinen Bach verbrachte und der etwas in mir veränderte.

Von meinen Mitpatienten lernte ich, dass ich nicht alleine bin. Dass es gut tut, wenn man sich anderen gegenüber öffnen kann. Aber auch, dass es wichtig ist, eine gewisse innere Distanz zu den Problemen der anderen zu wahren, um nicht selbst wieder in den Strudel nach unten gezogen zu werden. Ich töpferte, bemalte Seidentücher, machte Musik, Qi Gong, Muskelentspannung und lernte in der Achtsamkeitsgruppe, mich wieder selbst zu spüren. Ich überwand meine Ängste und beteiligte mich aktiv an den Gesprächen in der Gruppentherapie.

Und was ist davon übrig, ein Jahr danach? Ich habe weder einen Töpferkurs besucht noch mich einer Trommelgruppe angeschlossen. Ich bin noch weit weg davon, die Antidepressiva abzusetzen oder gar geheilt zu sein. Aber die Zeit in der Klinik hat mir wieder etwas Kraft gegeben, die Kraft etwa, wieder aktiv nach einer ambulanten Therapie zu suchen. Das Bewusstsein, dass Depressionen eine Krankheit sind. Dass ich mit ihr nicht alleine bin. Dass ich selbst keine Schuld daran trage, krank zu sein. Ich habe gespürt, was mir helfen kann und was nicht. Und ich weiß, dass da ein Ort ist, an den ich guten Gewissens zurück kann, wenn wieder alles über mir zusammenbrechen sollte.

Ich hatte das Glück, in eine Klinik zu kommen, die für mich damals genau richtig war. Meine Erfahrung war fast durchweg positiv. Ich möchte diese Zeit nicht missen, so hart sie manchmal auch war. Nach den 6 Wochen fühlte ich mich nach langer Zeit endlich wieder wie ich selbst. Und seit dieser Zeit habe ich Hoffnung, dass ich es aus der Depression schaffen kann. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 14. September 2016

Mein Selbstbild und ich

Zurzeit beschäftigen sich meine Gedanken wieder sehr intensiv mit meinem Selbstbild – vor allem, mit dem Bild, dass ich von meinem äußeren habe.
Obwohl ich in den letzten Monaten schon mutiger geworden bin, bin ich tief in mir drin doch noch immer verunsichert.

Ich war nie wirklich schlank. Meine Oberschenkel sind sehr kräftig. Meine Oberweite hat sich recht früh recht schnell entwickelt. Beides Dinge, die immer wieder eine Angriffsfläche boten. Für meine Großeltern, für meine Mitschüler. Für meine Mutter war ich das hübscheste Mädchen der Welt, doch ihre Aussagen standen in so krassem Gegensatz zu meinem eigenen Empfinden und waren so überzogen, dass sie mir keinen Mut machten, mich nicht stärkten sondern mich eher noch unter Druck setzten. Weil ich dem genügen wollte und doch nicht konnte. Als Teenie trug ich gerne schwarz. Ich wollte verschwinden, unsichtbar sein, keine Ansatzpunkte bieten. Und doch stach ich in den bunten 90er Jahren auch so heraus. 

Seit dem trage ich dieses Bild mit mir herum – fett und hässlich. Es hat sich tief in meine Seele gebrannt. Zeitweise konnte ich es nicht ertragen, mich auf Fotos zu sehen. Ich ekelte mich vor mir selbst. Das führte sogar so weit, dass ich meiner Schwägerin verbot, auf meiner Hochzeit eine Präsentation mit Kinderfotos von mir zu zeigen. Und noch immer tue ich mich schwer mit Bildern von mir. Es kommt wirklich selten vor, dass ich eins mag. 

Ich trage in der Regel eine Kleidergröße 44 – je nach Schnitt auch mal 42 oder 46. Von diesen Zahlen konnte ich mich irgendwann lösen. Es gibt für mich nur noch – passt oder passt nicht. 
Mein Problem ist noch immer mein Spiegelbild. Die große Oberweite, die nicht zu meinen recht schmalen Schultern passen will; die Oberschenkel, die meine Silhouette zerstören; der Bauch, der sich unter dem Kleid abzeichnet. An manchen Tagen ziehe ich mich morgens noch einmal komplett um. Eine falsche Bemerkung von meinem Mann, einem Kollegen und schon würde ich mir am liebsten einen Sack über den Kopf stülpen. Ein trügerisches, unvorteilhaftes Spiegelbild in einem Schaufenster und ich ziehe Kleidungsstücke nie wieder an.

Ich weiß, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Ich weiß, dass mein Mann mit attraktiv findet. Ich weiß, dass meine Freundinnen die Komplimente mir gegenüber ehrlich meinen. Ich weiß, dass die Ideale, die die Gesellschaft und die Medien uns vorgeben, Makulatur sind. Und doch kann ich mich nicht davon befreien, dass ICH mich nicht schön finde, nicht mal hübsch. Egal, was ich anziehe. Egal, wie ich mich schminke. Egal, wie meine Haare aussehen. Egal, ob mit Brille oder ohne. Ich fühle mich nicht wohl mit mir, tief in mir drin. Und ich weiß auch, dass das auch mit 10, 20 oder sogar 30 Kilo weniger nicht anders wäre. Mein Selbstbild wurde zu lange vergiftet. Das Gegengift suche ich aktuell noch.  

Alles Liebe
Anni

Freitag, 9. September 2016

Absturz

Heute ist es soweit, der Absturz ist da. Mein Kopf fühlt sich an als wäre er voller Watte. Ich kann mich nicht konzentrieren, kann nicht denken. Es ist später Vormittag. Mein Arbeitstag endet um 16:35 Uhr, wenn ich in Richtung Therapie aufbreche. 
Davor liegt eine Mittagspause von einer Stunde. Die ich in der Regel mit einer Kollegin verbringe. Und so gern ich sie habe – heute wäre es mir am liebsten, sie würde mich versetzen. Und eine Übergabe-Besprechung mit meinem Chef, der für 2 Wochen in Urlaub geht.
Alles kostet mich Kraft. Ich sehne mich nach meiner Couch, meiner Kuscheldecke, einer Umarmung von meinem Mann. Ich will mich verkriechen, die Welt ausblenden. Schlafen. An die Decke starren. In Tränen ausbrechen. Schreien. Alles, nur nicht im Büro sitzen müssen und so tun als sei alles gut. Denn das ist es nicht. Mal wieder.
Ich kratze mich. Im Büro. Während alle Kollegen da sind. Das kann ich nicht auch noch zurückhalten. Ich sitze an meinem Schreibtisch und tippe diese Zeilen. Es muss raus, irgendwie. Zwischendurch unterhalte ich mich mit meinem Chef über Kaffeekapseln und fehlende Rechnungen. Es fühlt sich so unwirklich an. Dieser Spagat zwischen der Normalität im außen und der Depression im Innen.
Nach jedem Gespräch, und sei es noch so kurz, ist die Luft raus. Meine Dämonen hängen mir im Genick und brüllen mir „Du schaffst das nicht! Du schaffst das nicht! Heul doch!“ ins Ohr. Ich atme. Ein Atemzug nach dem nächsten. Meine rechtes Bein wippt unkontrolliert auf und ab. Es will nicht stillhalten.
Verzweifelt versuche ich, mich hinter meiner Assistentinnen-Maske zu verstecken. Professionell bleiben. Und doch habe ich Angst, dass mir jemand etwas anmerken könnte. Dass sie den Kampf in mir drin erkennen, die Dunkelheit, die mal wieder alles überzogen hat. Das Blei, das mich lähmt. Die an mir zerrenden Dämonen.
Mein Kopf scheint zu platzen. Leere, die implodiert. Nach außen hört es keiner. In mir drin ohrenbetäubender Lärm. Nichts greifbares und doch alles zu viel.
Weiteratmen. Ein. Aus. Ein. Aus.


Alles Liebe 
Anni 

Donnerstag, 8. September 2016

Warnzeichen

Die letzten Tage über ging es mir ganz gut. Durch meine Weisheitszahn-OP letzte Woche war ich ein paar Tage zu Hause und weil ich körperlich nicht fit war, habe ich viel geschlafen und mich ausgeruht. 
Doch seit gestern merke ich, dass es in mir wieder gärt. Die ersten Warnzeichen für einen bevorstehenden Absturz sind da.

Wie diese Anzeichen bei mir aussehen?
Ich höre auf, mit Menschen Augenkontakt zu halten, wenn ich mit ihnen rede.
Meine Konzentrationsfähigkeit wird schlechter.
Die Schlafstörungen kommen wieder.
Ich höre damit auf, Dinge für meine Selbstfürsorge zu tun. Obwohl ich genau weiß, dass nach Feierabend etwas Bewegung, malen, meditieren oder lesen gut für mich wäre, verbringe ich meine Abende teilnahmslos vor dem Fernseher oder im Internet. 
Ich bin sehr schnell gereizt und überfordert.
Und ich werde zuerst albern und dann total überdreht.

Albern zu sein ist an sich ja nichts schlechtes, meistens tut es ja sogar gut, wenn man das Leben nicht allzu ernst nimmt und sich von seinen Problemen mal etwas entfernen kann. Ich lache auch gerne und mache Späßchen. Und doch erreicht diese Albernheit bei mir kurz vor Abstürzen ein „ungesundes“ Level. Es löst in mir einen Zustand aus, bei dem ich das Gefühl habe, nicht mehr ich selbst zu sein. Dann fängt das Überdreht-Sein an. Ich kann mich dann selbst nicht mehr stoppen, sehe und höre mir selbst dabei zu. Es ist, als ob sich mein Kopf bewusst noch einmal intensiv in ein Hoch hineinsteigert, weil er weiß, dass es für ein paar Tage dann wieder vorbei ist damit. Das Tief folgt. Jedes Mal. Das Muster ist immer ähnlich. Aber ist es meistens immer das Alberne, das Überdrehte, das ich bewusst wahr- und dann auch ernstnehme. Leider ist das aber immer die letzte Stufe, bevor die Dämonen wieder voll zuschlagen. Und bisher habe ich noch kein Mittel gefunden, es ab diesem Punkt aufzuhalten. Eindämmen ja. Aber nicht komplett bremsen.

Wann es mich genau erwischt, wer weiß. Es kann schon heute Nachmittag so weit sein, morgen oder vielleicht auch am Wochenende. Ich werde den Absturz aushalten, wie jedes Mal. Aber ich weiß auch, dass es wieder unangenehm wird. Dass ich mich wieder stumpf und leer fühlen werde, wertlos. Und ich werde mir wieder über die Maßen wünschen, dass dieses hin und her aufhört. Und dann wird mein Mann mir wieder sagen, dass es gut wird, irgendwann. Und ich werde mir wieder wünschen, dass er Recht hat. Und ich werde mich wieder fangen und weitermachen. Bis zum nächsten Mal.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 24. August 2016

Immer diese Muster ...

In meinem Kopf bewegt sich gerade sehr viel. Alte Denkmuster geraten in Bewegung, Probleme treten klar aus dem Nebel hervor und ich kann erste Zusammenhänge erkennen.

Diese Erkenntnisse sind nicht immer schön. Zeigen sie doch, wie tief manche Verletzungen aus der Vergangenheit immer noch sitzen, dass sie bis heute einen so großen Einfluss auf mein Fühlen und Handeln haben.

Meine Mutter war eine sehr unberechenbare Person. Schon immer, aber verstärkt natürlich, nachdem sie in die Sucht abgerutscht war. Sie war schnell beleidigt, aufbrausend und wütend, bediente sich emotionaler Erpressung und konnte auf der anderen Seite großzügig und liebevoll sein, erdrückend liebevoll. Für mich als Kind war das schwierig auszuhalten.

Bis heute kann ich mit unberechenbaren Menschen nur schwer umgehen. Ich versuche, ihre Stimmungen einzufangen und entsprechend zu reagieren. Und mit lauten Ausbrüchen komme ich noch immer gar nicht zurecht. Ich ziehe mich zurück in mein Schneckenhaus und warte bis der Ausbruch vorbei ist. Ich halte nicht dagegen. Meistens suche ich auch die Schuld für den Ausbruch bei mir. Das kleine Mädchen in mir fühlt sich an früher erinnert und erstarrt. Ich brauche Stunden, um mich von solchen Erlebnissen zu erholen.

Meine Schwiegermutter ist ein ähnlicher Typ wie meine Mutter. Auch sie ist schnell beleidigt, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf geht, ist unreflektiert, fühlt sich immer im Recht, geht gedankenlos mit anderen um und erdrückt Menschen, die sie mag, mit Fürsorge und Einmischung. Und ich glaube, dass mir das den Umgang mit ihr so schwer macht. Sie triggert mich, bringt das kleine Mädchen zum Vorschein.

Im Februar habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen, nachdem sie mich böse wegen meiner Krankheit angegangen war. Ohne sie geht es mir besser. Doch für meinen Mann wird die Situation immer belastender, auch wenn er meine Reaktion versteht. Deswegen werde ich mit meiner Therapeutin nach einer Lösung suchen. Und ich hoffe, die Erkenntnisse der letzten Tage helfen mir dabei.

Alles Liebe
Anni

Montag, 15. August 2016

Befreiungsschlag

Eines der vielen Themen, die mich im Rahmen meiner Therapie beschäftigen, ist mein Bedürfnis, so zu sein wie die anderen und dazuzugehören. Ich habe mich aufgerieben dafür, von verschiedensten Gruppen anerkannt zu werden – der Familie, der Schulklasse, den Arbeitskollegen ….. Und doch war ich immer nur am Rand dieser Gruppen, eine Außenseiterin. Das hat mich verletzt, mich traurig gemacht, ich habe mich wieder und wieder infrage gestellt. Mir war klar, dass es an mir lag, wenn die anderen mich ausgrenzten. Meine Selbstzweifel wuchsen und wuchsen.   

Das ist immer wieder Gesprächsthema mit meiner Therapeutin. Und langsam, ganz langsam gehen meine Gedanken in eine andere Richtung. Es liegt nicht zwingend an mir, wenn ich irgendwo nicht reinpasse – sondern daran, dass es nicht das richtige Umfeld für mich ist, in dem ich mich da gerade bewege. Und es gibt ja auch durchaus Gruppen, in denen ich sofort ankomme, angenommen werde und mich wohlfühle – meine Yogagruppe, meine Freundinnen, meine Mitpatienten letztes Jahr in der Klinik. 

Samstagabend hatte ich dazu ein echtes Aha-Erlebnis. Ich war auf einer Taschen- und Tücherparty meiner Schwägerin. Lauter schwäbische Hausfrauen, die den Abend fernab familiärer Verpflichtungen genossen und sich über Handtaschen und Schals gebeugt über ihren Alltag austauschten. Ich saß auf der Couch und beobachtete das Schauspiel. Und mit einem mal war ich froh, nicht so zu sein wie die anderen. Ich war froh, einen weiteren Horizont zu haben. Mich nicht über Schulnozten, Kehrwoche, Sportvereine und Nachbarn aufregen zu müssen und in endlosen Lästereien aufzugehen, weil mein eigenes Leben nicht genug Stoff für einen ganzen Abend bietet. Dieses Korsett des „normalen“ Lebens, dass für diese Frauen erstrebenswert und passend sein mag. Für mich ist es das nicht. Und das für mich selbst festzustellen, kam einem Befreiungsschlag gleich. Die erste Gruppe, bei der ich wirklich wusste, dass ich nicht dazugehören möchte und es mir nichts ausmachte, für zwei Stunden eher abseits zu sitzen. 

Ich muss nicht überall dazu gehören oder dazu passen. Ich habe die Menschen um mich, bei denen ich mich nicht verstellen muss. Es sind nicht viele, aber ich habe gemerkt, dass es nicht mehr sein müssen. Mein Mann, mein Papa und meine Geschwister, zwei richtig gute Freundinnen. Alles andere passt von nun an entweder oder es passt eben nicht. Ich habe das Gefühl, einen der Steine, die ich schon so lange in meinem Rucksack mit mir herumtrage, am Samstag an den Straßenrand geworfen zu haben. Und sich mein Päckchen damit (zumindest im Moment) ein kleines bisschen leichter anfühlt.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 10. August 2016

Stress lass nach

Ich habe vorhin im Büro in einem Newsletter Strategien gegen Stress gelesen:

-       Ausreichend Schlaf
-       Gesunde Ernährung
-       Sport
-       Entspannung

Vielleicht sehe ich es aus der Sicht einer Depressiven etwas anders und „gesunden“ Arbeitnehmern reicht das aus, um Stress abzubauen.

Aber was, wenn ich Schlafstörungen habe? Wenn außerhalb des Jobs kaum Zeit für Sport bleibt? Und das autogene Training nicht mehr ausreicht, um abends runterzukommen? Wenn da noch Kinder, Haushalt, Freunde sind, die ihre Ansprüche erheben?
Es mag ein Schritt in die richtige Richtung sein, mir bewusst zu machen, dass ich mich neben dem Job auch um mich kümmern muss. Und dass ich mir dafür Zeit nehmen sollte. Und zwar, bevor der Stress sich zu mehr auswächst. 

Ich habe meine Work-Life-Balance, wie man das heutzutage ja so schön nennt, vernachlässigt. Der Job und eine berufsbegleitende Fortbildung haben mich 2 Jahre lang fast aufgefressen. Gesunde Ernährung, Schlaf und Yoga haben mir nicht gereicht, um das Auslösen einer Depression durch chronischen Stress zu verhindern. Der Schaden war angerichtet.

Auch wenn unsere Gesellschaft immer wieder davon spricht, Privatleben und Beruf in Einklang zu bringen, besteht sie doch noch immer darauf, dass wir alle unsere Leistung bringen müssen. Wer keine Überstunden macht, im Urlaub seine E-Mails nicht checkt und sich nicht ständig in seiner Freizeit durch Seminare oder das Lesen von Fachliteratur auf dem Laufenden hält, ist raus und gilt als faul und unflexibel. Wir sind nur etwas „wert“, wenn wir unser Soll übererfüllen. Dass ein Teil der Menschen an diesen Anforderungen zerbricht, spielt noch immer keine Rolle. Noch kommt immer jemand nach, der sich ausnutzen lässt.

In diesem Spannungsfeld ist es schwierig, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Sich Auszeiten für sich selbst zu nehmen. Für den Chef mal nicht erreichbar sein, die Fertigstellung eines Auftrags auf den nächsten Tag zu verschieben und sich stattdessen mit der besten Freundin auf einen Kaffee zu treffen. Und doch ist es lebensnotwendig.

Passt auf euch auf. Findet eure eigenen Stressbewältigungsstrategien. Ob es nun Stricken, Zumba, Computerspiele, die Runde mit dem Hund oder Briefmarken sammeln ist. Schafft euch einen Ausgleich und pflegt ihn, wann immer ihr könnt – auch, und vor allem, wenn ihr mal keine Lust darauf habt. Das ist leider oft der Einstieg, den Ausgleich schleichend ganz sein zu lassen. Und holt euch Hilfe, wenn ihr merkt, dass euch überhaupt nichts mehr dabei hilft runterzukommen oder ihr euch zu nichts mehr aufraffen könnt. 

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 2. August 2016

Von Menschen, die mir nicht gut tun

Es gibt Menschen in meinem Leben, die tun mir nicht gut. Menschen, die mich nicht akzeptieren wie ich bin, die mich kleinreden und mir das Gefühl geben, vor ihnen nicht bestehen zu können. 
In meinem Bekanntenkries habe ich es geschafft, mich von ein paar dieser Menschen zu trennen. Es war schwer für mich. Aber es war notwendig und es geht mir ohne sie besser.

Was aber nun, wenn diese Menschen zur Familie gehören? Und man sich irgendwie nicht trennen kann, weil man doch immer irgendwie verbunden bleibt?

Meine Schwiegermutter ist so ein Mensch. Wir haben uns nie wirklich verstanden. Sie hat es mir am Anfang richtig schwer gemacht. Und das kann ich ihr bis heute nicht vergessen. Und seit ich krank bin, hat sie die ein oder andere Bemerkung fallen lassen, die mich verletzt hat. Von „du musst das Leben doch nur positiver sehen“ bis „du strengst dich einfach nicht genug an“ war die ganze Palette an schlechten Klischee-Sprüchen vertreten. In der Zwischenzeit habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen. Das tut mir gut. Und doch sind da immer wieder Berührungspunkte – Geburtstagsfeiern, Hochzeiten ….. Ich werde mir noch eine Strategie zurechtlegen müssen, wie ich bei solchen Anlässen mit ihr umgehen kann. 

Und dann sind da noch meine Großeltern – 92 und 85 Jahre alt. Opa in Kriegsgefangenschaft und nach dem Krieg vor russischen Soldaten in den Westen geflohen. Oma kam etwas später hinterher. Neustart in einem unbekannten Dorf, schnell zwei kleine Kinder. Die beiden haben sich ein gutes Leben erkämpft. Und sind dabei menschlich irgendwo auf der Strecke geblieben. Streng und nicht wirklich warmherzig. So waren sie zu sich, mit ihren Kindern und auch zu uns Enkeln. Sport war wichtig, gutes Benehmen, die Leistungen in der Schule. Wir 5 Enkel wurden immer untereinander verglichen. Mein Bruder hatte einen Stein im Brett, weil er lange der einzige Junge war (bis meine Tante einen Nachzügler bekam, der sowieso immer der Liebling war). Da war es auch nicht schlimm, dass er „nur“ auf der Hauptschule war. Meine Cousinen standen auch von Anfang an immer höher im Kurs als ich – von ihrer Mutter in Rüschenblüschen gesteckt, sagten sie bei Familienfeiern Gedichte auf, spielten Blockflöte und saßen brav auf ihren Plätzen. Später schafften es beide aufs Gymnasium, spielten Tennis, waren schlank. Und dann war da ich – schüchtern, unsportlich, nachdenklich. Und später „nur“ auf der Realschule. Da war es auch egal, dass ich da mit bei den Klassenbesten war. Ich bekam alles ab. Unscheinbar, zu dick, zu unsportlich, zu ängstlich. So viele Sätze kreisen immer noch in meinem Kopf herum.
Am Sonntag habe ich die beiden besucht. Es war furchtbar. Die ganze Wohnung ist ein einziger Trigger für mich. Ich spüre richtig, wie aus mir wieder ein kleines Mädchen wird, wenn ich in die Küche komme und mich dort an den Tisch setze. Alles dort ist unverändert, starr, seit Jahrzehnten. Inklusive meiner Großeltern. Auch sie sind in ihrer eigenen Welt erstarrt.
Ich beginne zu begreifen, dass die beiden zu viel Raum in meinem Leben eingenommen haben. Und ganz langsam verlieren sie etwas von der Macht, die sie mein ganze Leben lang über mich hatten. Diese beiden traurigen alten Menschen, deren Glas immer halb leer ist. Die sich kein anderes Lebensmodell vorstellen können als ihr eigenes. Deren Horizont hinter dem kleinen schwäbischen Dorf endet, in dem sie seit über 60 Jahren leben.

Ich kann ihnen noch nicht vergeben. Auch das habe ich am Sonntag gespürt. Aber sie können mir keine neuen Wunden zufügen. Und vielleicht hilft mir diese Erkenntnis dabei, die alten Wunden irgendwann heilen zu lassen. Ich habe auch verstanden, dass ich noch immer auf ihre Anerkennung warte. Und diese nie kommen wird, festgefahren wie die beiden sind. Es schmerzt, mich von dieser Erwartung zu trennen. Und doch ist das notwendig, um mich zu schützen. Und zu einem gesunden Umgang mit den beiden zu finden. Denn ein Kontaktabbruch mit den beiden könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.  

Alles Liebe
Anni

Montag, 25. Juli 2016

Depressionen sind Arschlöcher - Achtung: evtl. Trigger!


Ja, Depressionen sind Arschlöcher. Ganz miese, gemeine Arschlöcher, die das Leben der Erkrankten und das ihrer Lieben kaputt machen (können).

Depressionen lügen dich an. Sie gaukeln dir Dinge vor, die in Wirklichkeit ganz anders sind.

Sie sagen dir, dass du nichts kannst, dass du nichts wert bist, dass du alleine bist und dich niemand versteht. Sie ziehen dich in einen tiefen Strudel aus Hilflosigkeit, Selbsthass und Verzweiflung.
Sie machen vor nichts Halt. Sie sagen dir, dass dein Mann dich gar nicht liebt sondern nur aus Mitleid geheiratet hat. Dass deine Großeltern, die dich nie geliebt haben, zu Recht erkannt haben, dass da nichts liebenswertes an dir ist. Sie sagen dir bei jedem kleinen Fehler, dass du zu dumm bist für deinen Job. Dass du eine Last bist. Dass alle anderen besser dran wären ohne dich.
Sie lachen dir ins Gesicht, wenn du in den Spiegel schaust und sagen, du bist fett, hässlich, abstoßend. Sie machen dich klein, wo sie nur können. Immer und immer wieder. Und du glaubst ihnen. Du kannst nicht anders als ihnen zu glauben. Du spürst ganz tief in dir drin, dass sie recht haben. Du ziehst dich zurück. Glaubst ihnen mehr als deinen Freunden, deiner Familie. Die heucheln ja alle nur.

Du gehst nicht mehr arbeiten, nicht mehr einkaufen, nicht mehr spazieren. Du bleibst zu Hause, im Bett oder auf der Couch. Du schaffst es nicht mehr, zu kochen, zu putzen oder zu duschen. Wozu auch?Dir ist alles zu viel, nichts macht mehr Sinn. Du lebst nicht mehr, du existierst nur noch. Und dann wünschst du dir, du würdest nicht einmal mehr das. Du findest Gefallen an dem Gedanken, dass alles bald ein Ende hat. Die Last, die du mit dir herumträgst, wird einfach zu groß. Du sehnst dich nach Freiheit. Willst den anderen nicht mehr zu Last fallen, die sind ohne dich eh besser dran.
Und keiner versteht dich. Du gehst einen Weg, auf dem dir keiner folgen kann. Sie wissen nicht, wie sich das anfühlt. Wie es sich anfühlt, wenn deine Gedanken gegen dich kämpfen, dich fertigmachen, klein reden, dich auslachen.
Sie können es nicht wissen. Das können nur Menschen, die ähnliches durchmachen.

Ich war so weit unten. Es war grauenvoll. Und ich will da nicht wieder hin, nie wieder. Ich will nie mehr darüber nachdenken, dass die Welt ohne mich besser dran wäre. Und ja, ich bin gerade wieder tief in die Depression hineingerutscht. Aber da sind keine Suizidgedanken. Und auch wenn ich heute nicht viel anderes empfinden kann, dafür empfinde ich Dankbarkeit.


Alles Liebe und passt auf euch auf
Anni

Donnerstag, 21. Juli 2016

Welcome back, ungesundes Verhalten!

Meine Therapiestunde gestern hat mich sehr aufgewühlt. Ich habe zwei Themen angesprochen, die mich in der letzten Zeit wieder sehr beschäftigt haben. Und die ich bisher noch niemandem gegenüber erwähnt habe. 

Das eine sind meine unkontrollierten Fressanfälle abends.
Und das andere sind diese kleinen Selbstverletzungen, die ich mir zum Teil voll absichtlich zufüge.
Harte Themen. Und beides gute alte Freunde, die mich immer wieder besuchen.

Ich bin mir bewusst, dass beides absolut ungesundes Verhalten ist. Und doch schaffe ich es oft nicht, diese Gewohnheiten abzustellen oder mich dabei zu stoppen. Ich sitze dann auf der Couch, habe die Hand in der Chipstüte und sage mir immer wieder, dass ich die Tüte weg legen muss. Aus der Hand lege ich sie aber dann erst, wenn sie leer ist. Danach bin ich wütend auf mich – weil ich wieder sinnlos Kalorien in mich rein gestopft habe und nicht stark genug war, damit aufzuhören. Ich fühle mich wie ein Versager – ein fetter Versager.  Die Nächte danach sind sehr unruhig und bringen keine Erholung. Beste Bedingungen für den Selbsthass. Vor allem im Sommer, mit schlanken Frauen in kurzen Röckchen und Shorts vor Augen. 
Und wenn ich lange genug wütend auf mich selbst bin, fange ich an, mich zu kratzen. Manchmal merke ich das gar nicht bzw. erst dann, wenn meine Nägel blutig sind. Aber manchmal kratze ich mich ganz bewusst. Weil ich den Schmerz verdiene. 

Essen war für mich in meiner Teenie-Zeit Trost. Ich hatte so viel zu verarbeiten und niemanden, mit dem ich reden konnte. Also tat ich mir selbst etwas Gutes. Ich aß. Schokolade, Chips, lauter ungesundes Zeug. Im Unverstand. Es half mir dabei, mich besser zu fühlen. Meine innere Leere war gefüllt.
Immer wieder habe ich Phasen, in denen ich diesen Trost nicht brauche. Aber in letzter Zeit ist das Bedürfnis wieder da. Warum auch immer. Einen direkten Auslöser gibt es nicht.

Über eine gewisse Zeit kann ich sehr gut verdrängen, was ich da eigentlich tue. Aber gestern ging das nicht mehr. Ich saß im Büro und kratzte mir den Arm auf. Ganz bewusst. Mitten am Tag. Selbst in dem Wissen, dass mich jemand dabei „erwischen“ könnte. 

Meine Therapeutin hat mir direkt angesehen, dass es mir nicht gut geht und hat sehr sensibel reagiert. Sie will nun versuchen, mit mir zusammen „gesündere“ Strategien zu entwickeln, mit denen ich mich trösten kann, wenn ich das brauche. Wir werden sehen, was da funktionieren kann. Und wir wollen herausfinden, was da noch tief in mir schlummert, dass ich dieses Bedürfnis nach Trost überhaupt habe – jetzt, wo ich nicht mehr alleine bin. Einen lieben Mann und wirklich gute Freundinnen habe. 
Gegen den Selbsthass arbeiten wir ja sowieso schon seit Wochen. Doch immer, wenn ich das Gefühl habe, es geht langsam ein Stückchen aufwärts, holen mich solche Erlebnisse zurück auf den Boden der Tatsachen. Ich habe dann wieder das Gefühl, das alles verdient zu haben. Weil ich schwach bin. Und wertlos. So wie ich schon immer war. Alles andere kommt mir dann wie eine Illusion vor. Und etwas, dass mir nicht zusteht. Und dass mein Umfeld das schon früher oder später merken wird. 

Alles Liebe,
Anni

Dienstag, 12. Juli 2016

Ein Brief an U

Liebe U.,

heute ist der 12.07.2016 – dein erster Todestag.
Ich kann kaum glauben, dass du schon so lange weg bist. Manchmal, wenn ich mir deine Reaktion auf etwas vorstelle, kann ich sogar noch dein Lachen hören. Und doch werde ich es nie wieder hören können. 

Du hast mir in unserer gemeinsamen Zeit so unglaublich viel gegeben. Du warst immer da. Pragmatisch, loyal, respektvoll. Nie hast du mich oder meine Entscheidungen kritisiert – hast nachgefragt, wenn du etwas nicht nachvollziehen konntest, aber immer warst du voller Akzeptanz. Du hast nie versucht, meine Mutter zu ersetzen. Du warst einfach da – immer als das, was ich gebraucht habe. Wir konnten Geheimnisse teilen, gemeinsam lästern, lachen, weinen und auch du hast dir immer mal wieder einen Rat bei mir geholt. Ich hatte bei dir immer das Gefühl, auf Augenhöhe und der gleichen Wellenlänge zu sein.

Patchwork funktioniert nicht immer. Aber du hast es geschafft. Du hast aus 2 halben Familien mit Geduld eine ganze gemacht. Aus 2 x 2 Geschwistern sind 4 geworden – die sich zwar nicht täglich sehen, aber immer zusammenstehen, wenn es nötig ist. Ohne Diskussion – einer für alle.

Wir haben so vieles gemeinsam erlebt. Mamas Tod, meine erste Trennung, meine Hochzeit, den Beginn meiner Depression. Bei allem konnte ich auf dich zählen. Bedingungslos.
Ich danke dir für diese wunderbaren Jahre. Du hast mir in dieser Zeit ein Fundament gegeben, auf das ich immer bauen konnte. Du hast mir vertraut und mich nie infrage gestellt. Ein Rückhalt, wie ihn mir nur die wenigsten Menschen gegeben haben. Du warst wie Balsam für meine verwundete Seele. Und es schmerzt noch immer, dich nicht mehr hier zu haben.

Mein, unser Leben, geht ohne dich weiter - weil es das muss. Du fehlst. Schmerzlich.
Ich hoffe, du kannst sehen, wie ich mich jeden Tag ein Stückchen weiter aus der Depression kämpfe. Ich weiß, dass du stolz auf mich wärst. Und ich wünschte, du könntest sehen, wie sehr wir alle füreinander da sind, für Papa, für die Kleinen. Ich weiß, dir würde das gefallen.

Wir werden dich nie vergessen. Deine Liebe in unseren Herzen behalten. Für immer.

Alles Liebe
Anni