Sonntag, 27. Dezember 2015

Zwischen-Jahres-Gedanken

Weihnachten ist überstanden, der Jahreswechsel steht vor der Tür. Für mich schon immer eine Zeit, in der ich über das vergangene Jahr nachdenke. 

2015 war kein leichtes Jahr für mich. Die Diagnose Depression und der plötzliche Tod meiner Stiefmutter haben alles andere überschattet. 

Die Depression hat mir viel abverlangt. Sie hat mein Leben gekapert und es mir aus den Händen genommen. Sie hat mich gezwungen, mich mit mir selbst, meiner Vergangenheit und meinen Gewohnheiten auseinanderzusetzen. Sie hat sich in jeden Bereich meines Lebens eingenistet. Hat mich auf den Boden gedrückt und mich lange dort festgehalten. 
Und doch habe ich es geschafft, wieder aufzustehen. Hin und wieder zwingt die Depression mich immer noch in die Knie. Aber ich habe inzwischen genug Kraft, mich schneller wieder hoch zu kämpfen. Ich habe die Depression als Teil meines Lebens akzeptiert. Das war nicht leicht. Aber sie gehört inzwischen zu mir. Und wollte ich nach der Diagnose noch zurück zu meinem alten Leben und zu meinem alten Ich, weiß ich nun, dass das keinen Sinn hätte. Mein altes Leben hat mich an einen Punkt gebracht, von dem aus ich nicht weiter konnte. Hat mich ausgebremst. Die alte Anni wird es nie mehr geben. Sie hat sich mit sich selbst auseinandergesetzt und weiß, dass sie sich ändern muss. Nicht komplett. Aber in einigen wesentlichen Dingen. 

Die neue Anni wird mehr auf sich acht geben. Sich mehr um sich selbst kümmern. Öfter nein sagen. Mehr Dinge tun, die ihr gut tun. Sich von Menschen und Gewohnheiten trennen, die ihr schaden. Nicht mehr um jeden Preis spitze im Job sein wollen. Dinge langsamer, überlegter und achtsamer angehen. 

Heute habe ich einen wirklich guten Tag. Ich habe ihn genutzt, um mir Ziele für die nächsten Wochen zu setzen. Kleine Ziele wie die Suche nach einem neuen Therapeuten, mehr Bewegung, mir einen Achtsamkeit-Kurs zu suchen. Wenn das geschafft ist, kommen die nächsten Ziele. Nicht zu viel auf einmal und alles in kleinen Schritten. Ich habe den festen Willen, mir ein gutes neues Leben zu basteln, mit dem ich zufrieden bin. Das für mich lebenswert ist. 

2016 soll wieder ein besseres Jahr werden. Für meine ganze Familie und für mich. Und auch wenn meine Gedanken oft anderer Meinung sind, weiß ich, dass ich das auch schaffen kann. 

Alles Liebe
Anni

Montag, 21. Dezember 2015

Verlorene Tage

Wenn ihr selbst depressiv seid oder jemanden mit Depressionen kennt, kennt ihr sie sicher auch - verlorene Tage, an denen man nichts mit sich anfangen kann. An denen man sich leer fühlt, die Motivation fehlt und man irgendwie nichts auf die Reihe bekommt.

Ich hab heute wieder so einen verlorenen Tag. Da mag ich mich dann selbst nicht. Ich bin ungeduldig, nörgelig, schnell gereizt, müde, lustlos, für nichts zu begeistern. Und dabei habe ich ja eigentlich gelernt, wie ich mir selbst etwas Gutes tun kann. Wie ich mich aus so einem kleinen Loch selbst herausziehen kann. Aber an Tagen wie heute schaffe ich selbst diese zum Teil wirklich einfachen kleinen Dinge nicht. Und ärgere mich darüber. Was meine Laune noch schlimmer macht. Ein Teufelskreis, dem ich nicht entkommen kann. So einen Tag kann ich dann eigentlich nur aushalten und hoffen, dass er schnell vorbei geht.

Meistens sind das bei mir wirklich nur einzelne Tage. Morgen ist sicher wieder alles okay. Dann sind meine Energie, meine Kraft wieder da.

Vielleicht sollte ich lernen, mit den verlorenen Tagen meinen Frieden zu machen. Sie einfach anzunehmen, weil sie zu meiner Krankheit dazugehören. Und damit zu mir. Ihnen vielleicht sogar etwas positives abzugewinnen? Na ja, gehen wir es langsam an. Versuchen wir erst mal das Frieden schließen.

Alles Liebe
Anni

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Echos

Ich kämpfe seit gestern wieder gegen die Schatten aus meiner Vergangenheit. Grund dafür ist, dass es an Weihnachten Tradition ist, meine Großeltern zu besuchen - die Eltern meiner Mutter.
Und ich habe euch ja schon erzählt, dass meine Mutter viel in mir ausgelöst hat, was mich in die Depression geführt hat.

Doch inzwischen frage ich mich, ob nicht meine Mutter in ihrer eigenen Gefühllosigkeit ein "Opfer" meiner Großeltern war? Ich will nicht sagen, dass meine Großeltern herzlose Menschen sind. Aber sie zeigen ihre Gefühle nicht, zumindest nicht die guten. Sie ließen mich aber immer spüren, dass ich nicht ihren Erwartungen entspreche. Schon als Kind. Ich war ängstlich, schüchtern, ein Bücherwurm und kein Sportler. Damit konnten sie nichts anfangen. Mein Bruder und meine zwei Cousinen dagegen wurden immer gelobt und mir als Beispiel vorgehalten. Ich habe mich von ihnen nie geliebt, ja noch nicht einmal respektiert gefühlt.
Was, wenn es meiner Mutter auch so ging und sie das, was sie von meinen Großeltern erfahren hat, einfach nur an mich weitergegeben hat? Nicht, dass das meine Vergangenheit ändern würde, aber vielleicht meinen Blickwinkel darauf. Mein Verständnis für den Lauf der Dinge.
Und doch werde ich auch diese Frage mit meiner Mutter nicht mehr klären können. Und das Verhältnis zu meinen Großaltern ist so schlecht, dass ich die beiden alten Leutchen nicht darauf ansprechen kann. Das übersteigt meine momentanen Kräfte.
Also werde ich den Anstandsbesuch an Heiligabend irgendwie über mich ergehen lassen. Wenigstens wird mein Mann dabei sein. Ein Trost.

Ich finde es immer wieder krass, wie sehr uns unsere Vergangenheit verfolgen kann. Wie sehr wir auf die Anerkennung von anderen Menschen angewiesen sind und wie sehr uns Zurückweisung dauerhaft zerstören kann. Wie man selbst mit über 30 noch an sich zweifelt, an dem Menschen der man ist, weil man früher dem Idealbild seiner Familie nicht entsprochen hat. Wie ich auch heute noch nach Perfektion strebe, weil ich mir Anerkennung, Respekt und Zuneigung wünsche.

Das Leid meiner Kindheit hallt in mir nach. An manchen Tagen ganz leise, so dass ich es ignorieren kann. Und an manchen Tagen ganz laut - zu laut, um ihm aus dem Weg zu gehen.

Alles Liebe
Anni


Dienstag, 8. Dezember 2015

Schatten der Vergangenheit


Vieles, was zu meiner Depression beigetragen hat, liegt in meiner Kindheit und Jugend verborgen. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen – aber meine Mutter war kein einfacher Mensch und hat mit ihrem Verhalten viel in mir kaputt gemacht. Hat bei mir Verhaltensmuster geschaffen, an denen ich heute noch festhalte. Und die zum Teil nicht gut für mich sind.

Da meine Mutter schon vor 20 Jahren gestorben ist, kann ich diese Zeit mit ihr nicht mehr aufarbeiten. Früher wollte ich ihr so vieles vorwerfen. Ihre Fehler. Doch inzwischen frage ich mich vor allem, was sie zu dem Menschen hat werden lassen, der sie war? Was hat sie in die Sucht getrieben? Hätte ihr jemand helfen können?´

Bis zu meinem Klinikaufenthalt diesen Sommer habe ich mir die Schuld gegeben. Habe mich dafür verantwortlich gefühlt, dass sie diesen Weg gegangen ist. Doch inzwischen weiß ich, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe. Ich war ein Kind – ich hätte ihr nicht helfen können. Das hätte sie nur selbst gekonnt.

Seit dem die Psychologin in der Klinik diesen Knoten mit mir zusammen gelöst hat, geht es mir besser. Ich denke nicht mehr nur mit Schmerz an meine Vergangenheit und habe meiner Mutter vergeben.
Und doch sind da immer wieder Tage, die mich zurückholen – zurück in das Leid dieser Zeit. Ein Lied, eine Szene in einem Film oder einem Buch und ich kann sie fast vor mir sehen, ihre Stimme hören. Sehe Erlebnisse vor mir als wären sie erst gestern passiert. Und fühle tief in mir den Wunsch, das alles einfach nur vergessen zu können. Zu den Menschen zu gehören, die eine schöne Kindheit hatten. Mit Müttern, die sie unterstützt und stark gemacht haben und nicht klein geredet, überfordert und innerlich verwundet haben.


Aber ich weiß auch, dass das nicht geht. Dass meine Vergangenheit zu meinem Leben gehört und auch gute Eigenschaften in mir hervorgebracht hat. An guten Tagen kann ich mich auf das Positive fokussieren. An schlechten Tagen tun die Gedanken einfach nur weh.

Passt auf euch auf – alles Liebe

Anni

Sonntag, 6. Dezember 2015

Mein Wunschzettel

Ihr Lieben,

früher war mein Wunschzettel ans Christkind immer voller Dinge, die ich unbedingt haben wollte. Zuerst Spielsachen, dann Bücher, irgendwann Klamotten, Schmuck, Parfum. Doch dieses Jahr wünsche ich mir andere Dinge.

Ich wünsche mir für meinen Vater, dass er das Leben ohne meine Mutter weiter so tapfer auf die Reihe bekommt. Dass er wieder mit Zuversicht in die Zukunft schauen kann. Und dass er sich nicht aufgibt, auch wenn er sie für immer vermissen wird.

Ich wünsche mir für meine Schwester, dass sie und ihre Tochter endlich zur Ruhe kommen können und nicht mehr vom Vater der Kleinen terrorisiert werden.
Für meinen Bruder wünsche ich mir, dass er für sich und seine Familie endlich die Wohnung findet, die er sich so sehr wünscht.

Ich wünsche mir für meine Freundinnen, dass sie all die Herausforderungen vor denen sie stehen, durchstehen und erfolgreich meistern - sei es die Gesundheit, das Liebesleben, die Wohnungssuche  oder auch die Risikoschwangerschaft und eine hoffentlich reibungslose Geburt.

Und für mich selbst wünsche ich mir, wieder Freude am Leben zu haben, meine Leichtigkeit zurückzubekommen, meinen Optimismus. Ich weiß, dass ich sicher noch nicht wieder gesund werden kann. Aber ich hoffe, zumindest zwischendurch ein wenig Normalität spüren zu können.

Habt noch einen schönen zweiten Advent.

Alles Liebe
Anni

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Ein Brief an mich selbst


Liebe Anni,

 
du hast die Tablettenumstellung überstanden. Herzlichen Glückwunsch dazu. Es war keine leichte Zeit. Aber du spürst, dass es hilft. Die Quälerei der letzten Wochen war also nicht umsonst.
Und nun ist es auch an der Zeit, dass du dich wieder um dich kümmerst. Dass es wieder um dich geht. Um was dir gut tut, was dich weiterbringt. Es gibt so vieles, was du für dich tun kannst. Fang bitte einfach wieder damit an, es zu tun. Yoga, Tee trinken, malen, bloggen, lesen, raus gehen, baden, lesen – was auch immer gut für dich ist, tu es.
Und vor allem, tu was gut für dich ist im Umgang mit anderen. Brich Kontakte ab, die dir nicht gut tun. Tu nichts, was dir wiederstrebt. Sei nicht, wie andere dich haben wollen. Sei nur so, wie DU bist. Du bist nur dir Rechenschaft schuldig. Sag „nein“ wenn es sich für dich richtig anfühlt. Kümmere dich nicht um das, was andere von dir denken. Alles was zählt ist dein Leben – leb es wie du es willst. Mach es dir selbst recht – und nur dir selbst.
Sei nicht hart zu dir. Du bist wieder und wieder aufgestanden. Hast gelernt dir Hilfe zu suchen und sie anzunehmen. Hast deine Krankheit akzeptiert und kämpfst. Jeden Tag. Mal mehr, mal weniger. Und auch das ist okay. Du musst nicht immer stark sein. Nicht perfekt. Du darfst schwach sein. Fehler machen. Auch das bist du. Steh auf, lerne und mach weiter.
Du bist gut so wie du bist. Nimm dich an. Liebe dich und schätze dich wert. Geh liebevoll mit dir um. Du hast jedes Recht dazu. Sei selbstbewusst und steh zu dir. Du kannst und darfst das.
Du bist clever, flexibel, vielseitig interessiert, humorvoll, empathisch; du nimmst Anteil und kümmerst dich, auf dich kann man zählen. Hast immer ein offenes Ohr und ein gutes Wort. Hab das nicht mehr nur für andere – hab es vor allem für dich selbst.
Geh deinen Weg – dein Herz kennt die richtige Richtung. Trau dich. Jetzt ist die beste Zeit dafür, heute der beste Tag. Ich glaube ganz fest an dich.

Alles Liebe

Anni