Sonntag, 18. Oktober 2015

Depression = Anstrengung

Ihr Lieben, ich weiß nicht, ob ihr alle auch unter Depressionen leidet, die ihr das hier lest. Für die, die  meinen Blog lesen, weil einer ihrer Lieben betroffen ist, will ich heute mal versuchen zu erklären, wie sich eine Depression anfühlen kann. Natürlich bezieht sich das hier nur auf meine Erfahrungen und es gibt noch viele, viele andere Ausprägungen.

Depressiv sein ist für mich vor allem eins - anstrengend. So vieles, was mir früher nichts ausmachte oder sogar leicht fiel, ist jetzt eine Belastung für mich.

Lärm ist so ein Ding. Oder große Menschenmengen. So wird also die tägliche Fahrt mit der Bahn zur Arbeit und zurück eine Herausforderung. Ich bin eh kein Morgenmensch und dann direkt sowas. Ich werde unruhig, unsicher und würde am liebsten direkt wieder aussteigen. Nach einer halben Stunde in der Bahn bin ich müde, erschöpft und ausgelaugt. Inzwischen versuche ich, mich von der Unruhe um mich herum abzulenken. Mit Musik auf den Ohren und einem guten Buch. Es klappt ganz gut - nicht immer, aber wirklich oft.

An manchen Tagen ist aber zum Beispiel auch schon aufstehen anstrengend. Ich mache die Augen auf und habe das Gefühl, einfach nicht aufstehen zu können. Mich dem Tag nicht stellen zu können. Dass mir die Herausforderungen zu viel werden. In meinem Kopf baut sich eine Wand aus Sachen aus, die ich erledigen muss. Eine Wand aus früher unbedeutenden Kleinigkeiten. In der Summe für mich nicht mehr zu schaffen.
Unwichtige Dinge wie "Was ziehe ich an?" "Was esse ich heute?" "Ich muss den Brief zur Post bringen."  werden zu schier unlösbaren Aufgaben. Ich sehne mich nach Ruhe und weiß aber doch gleichzeitig, dass ich mein Leben angreifen muss, um mich nicht noch schlechter zu fühlen.

Diese Belastungen sind nicht nur geistig anstrengend sondern auch körperlich. Ich bekomme davon Kopfschmerzen, mir wird schwindelig, einen Druck auf der Brust. Bewusstes Atmen kann helfen. Kann, muss es aber nicht.

Und das anstrengendste überhaupt ist das Überspielen. Das vortäuschen von guter Laune. Von Stabilität. Von Gesundheit, Motivation und Energie. Meine Kollegen zum Beispiel wissen nicht, was mit mir los ist. Das müssen sie auch nicht. Aber ihnen gegenüber will ich immer noch die alte Anni zeigen, die immer engagiert und gut drauf ist. Das kostet eine unglaubliche Menge an Energie.

Was hilft gegen diese Anstrengung? Mir am ehesten Ruhe. Eine Zeit nur für mich. Yoga, meditieren, malen. Ein Spaziergang in der Mittagspause. Zeit, in der ich mich auf mich besinnen kann. Kraft tanken für die nächste Herausforderung. Und das jeden Tag auf's Neue.

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 13. Oktober 2015

Ruhe im Sturm finden

Zurzeit ist es bei mir im Büro wirklich stressig. Gestern hatten wir eine sehr lange Sitzung einer Vorstandskommission und heute ist viel zu viel los und alles gleichzeitig. Früher habe ich solche Tage geliebt, mir konnte gar nicht genug los sein. Ich war und bin einfach mit Leib und Seele Assistentin und gerne mitten drin, koordiniere und organisiere für mein Leben gerne.
Das hat sich mit der Krankheit stark verändert. Mir wird schnell alles zu viel und mehrere Dinge gleichzeitig zu machen, schaffe ich einfach nicht mehr. Dann fühle ich mich überfordert, mein Kopf wird leer und es geht gar nichts mehr. Konzentrieren kann ich mich nur über kurze Zeitspannen und was ich mir nicht aufschreibe, vergesse ich.


Zu Hause habe ich mir ein paar Strategien zurecht gelegt, mit denen ich gegen diese Überforderungswellen angehen kann. Aber vieles davon geht im Büro nicht. Ich kann kein Yoga machen, nicht meditieren und Rätsel lösen geht auch nicht.


Was also tun?
Heute habe ich mir in der Mittagspause einen Spaziergang im Park gegönnt. Habe tief durchgeatmet, die Bäume betrachtet und mir eine Kastanie mitgenommen. Es waren zwar nur 20 Minuten, aber danach kam ich entspannter ins Büro zurück. Ich habe mich in dieser Zeit nur auf das Gehen, das Atmen und das Sehen konzentriert und die Gedanken an meine Aufgaben im Büro links liegen lassen. Seit dem greife ich nun zwischendurch immer nach der Kastanie, halte sie in meiner Hand und spüre ihr Gewicht. Gehe ganz bewusst in diesen Moment und blende den Rest aus. Das hilft mir beim regenerieren, beim zu mir selbst zurückfinden.
Das bewusste Vertiefen in den Moment ist für mich wie ein Anker geworden. Eine kurze Atempause im Sturm des Lebens. Manchmal vergesse ich es im täglichen Trubel noch. Doch mehr und mehr spüre ich das Bedürfnis nach diesen kleinen Oasen im Alltag.


Probiert es doch auch einmal aus und berichtet mir in den Kommentaren von euren Erfahrungen.


Alles Liebe
Anni



Samstag, 10. Oktober 2015

Wenn die Seele durchhängt ...

Die letzten Tage hatte ich einen wirklich bösen Durchhänger. Meine Gedanken wollten einfach nicht zur Ruhe kommen und schwirrten durch meinen Kopf wie Flitter in einer Schneekugel. Zu diffus, um einen davon zu fassen zu bekommen. Dieser Overload im Hirn ist schwer zu ertragen. Er überträgt sich auf die Gefühle, auf die Seele. Unkonzentriert, unmotiviert, angestrengt und überfordert, so fühlte ich mich die letzten Tage. Musste im Büro aber funktionieren und einen guten Eindruck machen. Und dazu dann die Angst, aus diesem Durchhänge nicht mehr herauskommen zu können. Sie lauert im Unterbewusstsein und treibt dort ihr Unwesen. Schleicht sich immer mal wieder an und übernimmt in ruhigen Momenten die Herrschaft über die Gedanken.

Das Leben macht an solchen Tagen keinen Spaß. Es ist mühsam und anstrengend. Auch die Hoffnung auf Besserung ist nur schwer zu greifen. Sie scheint zu weit weg, zu schwach, um sich gegen das Negative durchzusetzen.

Aber ich habe die Kurve gekriegt. Zumindest mal für heute. Ich war heute besser gelaunt, meine Gedanken sind ruhiger, das Schöne hat sich mir wieder mehr und mehr gezeigt. Ich hab es zur Kosmetikerin und zum Friseur geschafft, war einkaufen und hab die Wohnung saubergemacht. Und das alles, ohne das Gefühl zu haben, damit überfordert zu sein. Die Hoffnung auf einen weiteren guten Tag morgen ist da - groß und stark.

Alles Liebe
Anni


Dienstag, 6. Oktober 2015

Der Herbst ist da ...

Draußen wird es nun mit mächtigen Schritten Herbst. Auf der einen Seite liebe ich diese Jahreszeit - bunte Blätter, Kastanien, Kürbisse, Zeit für heiße Schokolade, Tee und Kuschelabende auf der Couch. Auf der anderen Seite schlägt mir der Herbst immer auf die Stimmung. Es ist dunkel, kalt und nass. Man kann nicht mehr so viel raus, morgens beim aufstehen ist es finster und wenn man abends aus dem Büro kommt auch.

Das fehlende Sonnenlicht wirkt sich auch negativ auf die Depression aus und kann diese sogar verstärken. Manche Menschen reagieren auf den Mangel an UV-Strahlung mehr, manche weniger. Ich merke es immer sehr stark. Mein Mann und ich haben früher immer ein bisschen über meine "Herbstdepression" gewitzelt. Nun aber weiß ich, dass das durchaus keine Einbildung von mir war. Ich war schon länger anfällig für eine "richtige" Depression. Hätte ich vielleicht rechtzeitig etwas unternehmen können, um nicht krank zu werden?
Diese Frage ist müßig und ich stelle sie mir auch nicht wirklich. Mit der Vergangenheit zu hadern bringt ja schließlich nichts. Die Situation ist eben so wie sie ist. Ich kann nur das Beste daraus machen. Und das ist in dem Fall zu versuchen, trotz Schmuddelwetter Zeit draußen zu verbringen. Und sei es nur eine halbe Stunde in der Mittagspause. Eine andere Möglichkeit wäre eine UV-Lampe, aber ich bin kein Fan davon, sich 30 Minuten lang vor ein künstliches Licht zu setzen. Dann lieber ab in Gummistiefel und Regenmantel und raus an die Luft. Und Bewegung tut uns Depressiven ja schließlich immer gut.


Habt einen schönen und hoffentlich immer wieder auch sonnigen Herbst.


Alles Liebe
Anni

Sonntag, 4. Oktober 2015

Von Sonntagen und Auszeiten

Glücklicherweise geht es mir heute tatsächlich wieder etwas besser als gestern. Ich habe bevor ich ins Bett gegangen bin noch autogenes Training gemacht (eine geführte Variante, die ich mir aus dem Internet runtergelassen habe). Das hat mir dabei geholfen, vor dem Einschlafen aus dem elenden Gedankenkarussell auszusteigen.

Heute haben mein Mann und ich uns mit einen befreundeten Paar getroffen und waren bei uns im Ort auf dem verkaufsoffenen Sonntag unterwegs. Das war ganz okay - nur in einem Laden bin ich fast durchgedreht. Es war dort total voll, laut und trubelig. Eine Situation, die ich seit der Depression nur sehr schwer ertragen kann. Das wird mir schnell zu viel. Ich werde dann auch wieder total unruhig, fühle mich überfordert. Also hab ich mich nach draußen verdrückt und dort auf meine Begleiter gewartet. Das hat mir den Nachmittag wohl gerettet. Ein paar Mal tief durchatmen, die Augen schließen, kurz innehalten und den Rest ausblenden. Fällt mir auch nicht immer leicht, aber heute hat es ganz gut geklappt.
Wir waren dann noch in Ruhe einen Kaffee trinken, das war schön und hat mir auch gut getan. Aber jetzt reicht es dann auch für heute. Den Rest des Abends werde ich entspannt auf der Couch verbringen, einen Tee trinken und Kraft sammeln für den neuen Tag im Büro morgen.

Auf jeden Fall habe ich wieder einmal gemerkt, wie wichtig diese kleinen Auszeiten zwischendurch für mich sind. Mich kurz aus dem Geschehen herausnehmen, mich auf meinen Atem konzentrieren, etwas Abstand gewinnen. Diese kurzen Momente der Achtsamkeit helfen mir dabei, stressige oder unangenehme Situationen besser zu bewältigen. Dabei unterstützt mich das Wissen aus dem Yoga-Kurs,  in den ich seit Jahren gehe. Und dazu fange ich gerade an, mich mit der Achtsamkeitslehre nach Jon Kabat-Zinn zu beschäftigen. Ich bin gespannt, ob mir das im Kampf gegen die Depressionen helfen kann.

Habt einen schönen entspannten Abend.
Alles Liebe
Anni

Samstag, 3. Oktober 2015

Von guten und schlechten Tagen

Wenn du Depressionen hast, gibt es gute und weniger gute Tage. Tage voller Energie, an denen sich das Leben fast so anfühlt als seist du nicht krank. Und andere Tage, an denen du dir wieder deutlich bewusst wirst, dass du doch immer noch krank bist.

Heute haben ich einen dieser wenigen guten Tage. Ich bin unruhig, unzufrieden, grundlos traurig, kann nichts mit mir anfangen. Vorhin hab ich mich gezwungen, ein bisschen an die Sonne zu gehen. Aber selbst die Bewegung und die frische Luft, die mir sonst so gut tun, konnten heute nichts ausrichten. Also liege ich nun hier auf meiner Couch, hänge im Internet und warte darauf, dass der Tag eine Ende nimmt.

Diese Tage haben wir Depressiven immer wieder. Manchmal, wenn wir Glück haben, ist es zwischendurch nur einer. Aber wenn wir Pech haben, werden aus dem einen Tag zwei ... oder eine ganze Woche ... oder noch länger. Die Krankheit ist unberechenbar. Klar gibt es Dinge, die wir dagegen tun können. Bewegung, ablenken, lesen, putzen, Tagebuch schreiben, basteln - Ablenkung an sich. Jeder muss hier das finden, was bei ihm hilft. Doch auch diese Strategien können an manchen Tagen versagen. So wie bei mir heute. Dann gilt es, sich nicht entmutigen zu lassen. Den Durchhänger nicht überzubewerten. Aber das ist hart. Die Angst vor einer unbestimmten Zahl schlechter Tage ist dann fast übermächtig. Sie hängt wie eine schwarze Wolke über mir.
Und doch scheint irgendwo hinter dieser dunklen Wolke die Sonne, auch wenn ich sie in diesen Momenten nicht sehen kann. Und die Hoffnung, dass sie stärker ist und durch das grau bricht begleitet mich. Um mein rechtes Handgelenk trage ein ein schmales silbernes Armband mit dem Wort HOPE. Es erinnert mich daran, an dieser Hoffnung festzuhalten, auch wenn mein Tag nicht gut läuft. Irgendwann wird es wieder besser, ich muss nur fest daran glauben.

Freitag, 2. Oktober 2015

Schwere Zeiten

Nachdem es mir also eine Zeitlang wirklich gar nicht mehr gut ging, machte ich einen Termin bei meiner Hausärztin. Freundinnen hatten auf eine Schilddrüsen-Störung getippt. Doch nach einem großen Blutbild und diversen anderen Untersuchungen stand fest: Ich habe Depressionen. Und habe alleine keine Chance, da wieder rauszukommen. Ich saß meiner Ärztin gegenüber und mir liefen Tränen über's Gesicht. Es war eine Mischung aus Bestürzung, Angst, aber wohl auch einer gewissen Erleichterung. Und irgendwie hatte ich tief in mir schon gespürt, dass mein Zustand keine körperlichen Ursachen hat. Nur wollte ich mir das nicht eingestehen. Nicht zugeben, dass ich nicht mehr stark genug war, um mit meinem Leben klarzukommen. 
Mit einem Kopf voller wirrer Gedanken und einem Rezept für Citalopram verließ ich die Praxis. Rief meinen Mann an. Ging bei meinem Vater vorbei und weinte dort weiter. Ich konnte das alles nicht begreifen, obwohl ich gleichzeitig wusste, dass die Diagnose stimmte. 
Trotzdem war es schwer für mich, mich darauf einzulassen. Eine Depression ist nun mal kein gebrochenes Bein, dass wieder zusammenwächst. Sie greift so grundlegend in das bisherige Leben ein, dass man anfängt, alles infrage zu stellen. Alles anders zu bewerten. Sich noch weiter in sich zurückzieht. Ich hatte hart daran zu kauen. 
Und nicht nur die Diagnose an sich war schwierig für mich - auch die Nebenwirkungen der Tabletten machten mir schwer zu schaffen. Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schweißausbrüche ... Ich verbrachte die Tage nach dem Arzttermin ausschließlich auf der Couch oder im Bett. Wollte niemanden sehen, mit niemandem reden. Konnte keinen klaren Gedanken fassen. Hatte keinen Appetit, keinen Antrieb, keine Perspektive. Wie sollte das alles für mich nur weitergehen? Sollte so der Rest meines Lebens aussehen?