Freitag, 11. August 2017

Angst vor Ablehnung

Eine Szene, die sicher jeder kennt:
Kinder spielen zusammen auf einem Spielplatz und ein weiteres Kind kommt dazu und fragt, ob es mitspielen darf. Die anderen Kinder lassen es aber nicht.

Eine ganz normale alltägliche Szene. Und doch kann sie das fragende Kind verändern, wenn es solche Szenen einfach zu oft erlebt.
So wie ich als Kind. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann das angefangen hat, dass ich von den anderen Kindern abgelehnt wurde. Aber das wurde ich. Immer und immer wieder. Ich wurde nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen, niemand wollte Gruppenarbeiten mit mir machen, im Sport wurde ich immer als letzte in ein Team gewählt.
Und irgendwann fragte ich dann nicht mehr. Die Antwort war ja eh klar. Warum mir also immer weiter Dämpfer abholen?

Gestern wurde mir klar, dass es mir immer noch so geht. Ich habe Angst davor, Menschen anzusprechen. Weil ich noch immer Angst habe, abgelehnt zu werden.
Und je toller ich jemanden finde, desto schlimmer wird diese Angst. 

Ich erinnere mich daran, wie ich 2009 eine meiner besten Freundinnen kennen lernte. Wir warteten im Flur der Stuttgarter Volkshochschule auf die Dozentin des Kurses. Diese verspätete sich extrem und wir kamen irgendwie ins Gespräch und lagen sofort auf einer Wellenlänge. Der Kurs ging über vier Termine und ich freute mich immer schon drauf, weil ich dann ja auch diese coole Frau wiedersehen würde. Vor dem letzten Termin sprang mein Kopfkino an. Ich wollte sie fragen, ob wir uns nach dem Kurs irgendwann mal treffen wollten, was trinken gehen. Wäre das nicht zu aufdringlich? Mag sie mich überhaupt? Lacht sie mich aus? Und was soll ich denn überhaupt sagen? Ich war total aufgedreht und nervös. Aber ich schaffte es, über meinen Schatten zu springen. Seit dem sind wir befreundet und sie war sogar meine Trauzeugin.

So geht es mir jedes Mal. Ich schrecke davor zurück, auf Menschen zuzugehen. Ich stelle wenig Fragen, weil ich dem anderen nicht zu nahe treten will. Ich kann stundenlang überlegen, ob ich jemandem auf Facebook eine Freundschafts-Anfrage schicke. Ich melde mich nicht, weil ich niemanden nerven möchte und denke, dass der andere mich dann nicht mehr in seinem Leben haben will. Ich habe zu lange zu viel Ablehnung gespürt. Und jetzt fehlt mir oft der Mut, mich über die ganzen schlechten Erfahrungen hinweg zu setzen. Mein Herz schlägt schneller, ich bekomme feuchte Hände und meine Gedanken kreisen stundenlang.

Ich will das nicht mehr. Ich will nicht mehr tagelang Fragen in meinem Kopf hin und her wälzen und sie dann am Ende doch nicht stellen. Ich will keine tollen Menschen mehr aus den Augen verlieren, weil ich mich nicht traue, mich mit ihnen auf einen Kaffee zu verabreden. Ich will, ich muss diese verdammte Angst in den Griff kriegen. Für mich.

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 1. August 2017

Bin ich falsch?

Ich dachte immer, ich bin falsch. Zu still, zu verträumt, zu unsportlich, nicht liebenswert, zu streberhaft, zu uninteressant, keine gute Freundin, Tochter, Enkelin.
Erst durch die Therapie lernte ich, dass das nicht so ist. Dass Autoritäten wie Lehrer oder Großeltern nicht automatisch recht haben oder sich korrekt verhalten. Alle Menschen machen Fehler – egal, welchen Status oder Beruf sie haben. 

Wenn mir eine Lehrerin sagte, ich sei unsportlich, dann glaubte ich ihr das. Warum auch nicht? Sie hatte Sport studiert und unterrichtete schon lange an unserer Schule. Inzwischen liebe ich es, mich zu bewegen – beim Yoga zum Beispiel. Und wo als Kind meine Stärke lag – nämlich im Laufen von Kurzstrecken – da lobte mich nie jemand. Und dabei war ich beim Sprinten sogar schneller als manche Jungs meiner Klasse. Aber Schwaben halten es eben mit dem Motto „Nicht gemeckert ist Lob genug“. Und dabei hätte mir ein wenig Bestärkung damals so gut getan. Aber alles, was ich hörte, war Spott – von meinen Mitschülern und der Lehrerin, teilweise auch in Kombination.

Wie mit dem Sport und dem Handarbeiten (über das Häkeln hatte ich ja kürzlich schon geschrieben), war es mit so vielem. Dabei war nicht ich „falsch“ – aber mein Umfeld war es für mich. Die spießige, kleine, schwäbische Dorfwelt der 80er Jahre war nicht meine. Das ist sie bis heute nicht und sie wird es nie werden. Ich habe dort nie hin gepasst. Das „klassische Familienbild“ dieser Zeit mit Haus, Auto und gepflegtem Vorgarten war kein Ideal für mich – vielleicht auch, weil ich das bei mir zu Hause so nicht erlebte. Oder aber auch, weil meine Eltern beide ebenso wenig in diese Umgebung gepasst haben. Vielleicht gibt es ein Gen, dass manche von uns einfach von etwas anderem träumen lässt. 

Als Kind und auch als Jugendliche konnte ich das allerdings so nicht erfassen. Ich spürte nur, dass ich immer ein Außenseiter war. Und auch noch ein Außenseiter, der sich nicht wehren konnte. Ich hatte nicht gelernt, für mich einzustehen. Und ich ging davon aus, dass sie alle im Recht waren.

Nach und nach fallen mir immer mehr Erlebnisse ein, die ich inzwischen in einem anderen Licht sehe. Und ich erkenne, wie verletzend sich andere mir gegenüber verhalten haben. Gerade meine Lehrer, die damit so vieles für mich in meiner Schulzeit noch schlimmer gemacht haben. Da gab es zwei, die haben mehr in mir gesehen. Aber die beiden haben nicht ausgereicht, um den Rest auszugleichen.

Es tut weh, mich an diese Zeit zu erinnern. Ich denke an den einsamen Teenie von damals – alleine in seinem Zimmer. Wie sie sich dort hin zurückzieht, weil sie dort sein kann, wer sie sein möchte. Sie flieht in Fantasygeschichten und Musik, um den Schmerz und die Einsamkeit nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Ich spüre den Schmerz zurzeit noch einmal. Aber ich hoffe, dass ich ihn nun nutzen kann, um all das endlich loszulassen. Und um zu lernen, dass an mir nichts falsch ist, dass nichts davon meine Schuld war.

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 18. Juli 2017

Von Glaubenssätzen und Häkelnadeln

Es gibt ja Sätze, die wir so oft hören, dass wir ihre Aussage irgendwann für die Wahrheit halten. Auch, wenn das vielleicht gar nicht der Fall ist. So wird etwas zu unserer Überzeugung, zu unserer Realität.  

Mir wurde zum Beispiel oft gesagt, dass ich kein Talent zum Handarbeiten und Basteln habe. Von Lehrern, von meiner Großmutter …. Und natürlich stellte ich mich dann entsprechend ungeschickt an, wenn mir jemand etwas beizubringen versuchte. Ich „wusste“ ja schon, dass ich das nicht kann. Meine Stickarbeiten wurden also schief und ungleichmäßig, meine gehäkelten Topflappen wurden zum Ende hin immer schmäler und von der Zugluftschlange, die ich in der sechsten Klasse genäht habe, fangen wir lieber gar nicht erst an. Als Folge wählte ich Hauswirtschaft nach der sechsten Klasse ab und lernte lieber Französisch. Sprachen lagen mir ja schon immer.

Immer wieder in meinem Leben kam ich an einen Punkt, an dem ich Lust hatte, etwas kreatives zu machen. Zeichnen, stricken, basteln – aber halt. Ich wusste ja, dass ich dafür kein Talent habe. Dass ich es deswegen auch eigentlich gar nicht erst versuchen muss. Es wird ja eh nicht klappen. Wozu also?

Aber stimmt das wirklich? Bin ich wirklich nicht begabt? Waren es nicht vielleicht die falschen Lehrer, der falsche Zeitpunkt in meinem Leben?

Am Samstag hatte ich in einem Buchladen ein Buch mit Häkelvorlagen für kleine Tierchen in der Hand. Ich schaute mir die Bilder an und dachte nur „Schade, dass du sowas nicht kannst.“ Zuhause wartete mein Häkel-Flamingo Fred auf mich, den ein ganz liebes Mädel für mich gehäkelt hat, weil ich es ja nicht kann und ich Fred aber unbedingt haben wollte. Und irgendwie arbeitete das Thema das restliche Wochenende in mir. So lange, bis ich mich entschloss, mir am Montag eine Häkelnadel und ein Knäuel Wolle zu kaufen und es einfach zu probieren.

Und was soll ich sagen? Ich schaute mir ein Tutorial auf Youtube an und häkelte gestern Abend die ersten Maschen seit 30 Jahren. Mir rutsche ständig der Faden von der Nadel und die Maschen sind noch etwas unregelmäßig. Aber es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich total euphorisch und lächelnd ins Bett gegangen bin.

Ich bin stolz auf mich. Stolz darauf, dass ich es geschafft habe, einen Glaubenssatz niederzuringen, der mich über Jahrzehnte begleitet hat. Es ist keine Mount-Everest-Besteigung, aber für mich fühlte es sich gestern so an.

Niemand hat das Recht, uns einzureden, dass wir etwas nicht können. Natürlich werde ich nie all das können, was ich gerne möchte. Für manches fehlt das Geld, die Zeit oder was auch immer. Aber es gibt so vieles, das ich selbst in der Hand habe. Und wenn es „nur“ eine Häkelnadel ist.

Seid mutig, probiert euch aus. Und glaubt nicht alles, was man euch einreden will – hinterfragt es. Es lohnt sich.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 12. Juli 2017

12.07.2015

Der 12.07.205 war ein Sonntag. Ein sonniger, warmer Tag. Mein Mann und ich wollten am Nachmittag ein befreundetes Paar in seinem neuen Haus besuchen. Ein normaler Sonntag im Sommer. 

Bis das Handy meines Mannes klingelte und mein Vater ihn fragte, ob er ihn abholen könne. Er war mit meiner Stiefmutter auf einer Radtour gewesen als sie auf dem Rad zusammengebrochen war. Der Notarzt war alarmiert. 
Wir brachen sofort auf. Sammelten meinen Vater auf einem Waldparkplatz und fuhren ins Krankenhaus. Meine Stiefmutter hatte wohl einen Herzstillstand und war gerade noch im OP. Die Ärzte schickten uns nach Hause – es würde mindestens 2 Stunden dauern, bis sie uns etwas zu ihrem Zustand sagen konnten.

Also brachten wir meinen Vater nach Hause und blieben bei ihm. Telefonierten mit meinen Geschwistern. Sorgten dafür, dass meine Stiefschwester mit ihrer kleinen Tochter nicht alleine war. Dass mein Vater etwas trank. 
Und fuhren dann wieder mit ihm ins Krankenhaus. Dort bat man uns auf die Intensivstation. Und sagte uns, dass sie es nicht geschafft hatte. Durch ihre Diabetes-Erkrankung war ihr Herz porös geworden und konnte seinen Dienst nicht mehr tun. Ihr Tod wäre nicht zu verhindern gewesen. Sie war nach ihrem Zusammenbruch nicht mehr aufgewacht.

Wir waren wie vor den Kopf geschlagen. Diese lebensfrohe, fitte Frau – gerade mal 60 Jahre alt – der Mittelpunkt unserer Patchwork-Familie sollte nicht mehr da sein? Ich ging mit meinem Vater in das Krankenzimmer, in das sie sie gelegt hatten. Sie sah aus als würde sie schlafen. Ich blieb bei meinem Vater, wollte und konnte ihn nicht alleine lassen. Mein Mann ging auf den Flur, um mit meinen Geschwistern zu telefonieren. Später trafen wir uns alle in der Wohnung meiner Stiefschwester. 

Den ganzen Tag über hatte ich das Gefühl, ich sei in Watte gepackt. Alles um mich herum fühlte sich dumpf an. Und falsch. Ganz falsch. Das sollte uns nicht passieren. Vor allem meinem Vater nicht, der so viel durchgemacht hatte in seinem Leben und der das Glück mit meiner Stiefmutter so verdient hatte. Und meinen Stiefgeschwistern nicht, die vor ein paar Jahren schon ihren Vater verloren hatte. Und auch meinem Bruder und mir nicht, die wir schon einmal um eine Mutter getrauert hatten. Über uns alle senkte sich an diesem Tag ein Schleier aus Trauer, Verlust und Schmerz.

Der Schmerz ist in den letzten 2 Jahren erträglicher geworden. Aber sie fehlt noch immer so sehr. Sie, die uns als Familie zusammengehalten hat. Die mich über 20 Jahre meines Lebens begleitet hat. Die so vieles in mir zu heilen versuchte, was andere kaputt gemacht hatten. Wenn ich meine Augen schließe, kann ich ihr Lachen noch hören. Sie wird immer ein Teil von mir, von uns allen bleiben.

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 5. Juli 2017

Fremdes Terrain

Stabile Phasen sind angenehm. Die dunklen Gedanken halten sich zurück und ich kann die Energie, die ich sonst für deren Eindämmung brauchen würde, für andere Dinge nutzen.

Neben der Wiederaufnahme meiner kleinen Sporteinheiten ist das im Moment vor allem die Eroberung von neuem Terrain. Ich spüre immer stärker, wie sehr ich mich eingeschränkt habe in den letzten Jahren. Ich weine dem nicht nach – die Einschränkungen waren eine Folge meiner Biographie und der daraus entstandenen Depression. Es ist also kein „Fehler“ von mir gewesen, sondern eine natürliche und für mich früher wichtige Reaktion. Jetzt, nachdem ich die Zusammenhänge und Muster durch die Therapie erkannt habe, kann ich bewusst etwas gegen diese Selbstbeschränkung tun. Gegen den Drang, Dinge, die ich gerne tun würde, aus vorauseilendem Gehorsam einfach direkt sein zu lassen. Ohne zu wissen, ob überhaupt jemals Gegenwind käme. Weil ich einfach immer brav, nett und unauffällig sein wollte.

Und ich gehe gegen die Einschränkungen an. In kleinen Schritten. Denn fremdes Terrain zu erobern ist für mich ungewohnt und kostet mich viel Mut und Anstrengung. Die Fragen nach dem „Darf ich das?“, „Habe ich das verdient?“ oder dem „Was denken denn die anderen von mir?“ sind noch sehr präsent. Sie lassen mich morgens immer noch kritisch in den Spiegel schauen, ob ich das neue Outfit auch so anziehen kann. Oder darüber nachdenken, ob ich beim Mittagessen mal kein Wasser kaufe sondern eine Limonade. Ob ich auf ein HipHop-Konzert gehen kann, obwohl ich sonst ja eher etwas rockiger unterwegs bin. Ob ich das Foto auf Instagram hochlade, obwohl ich darauf ungeschminkt bin oder die Wohnung nicht aufgeräumt ist. Immer noch habe ich das Gefühl, etwas verbotenes zu tun, oder etwas, dass ich einfach nicht verdient habe. Mein eigener Schatten und die Schatten der Vergangenheit stehen mir im Weg.

Das mag für andere Menschen total albern klingen. Sie mögen denken: „Warum macht sie nicht einfach? Ist doch egal, was die anderen denken, wenn sie denn überhaupt darüber nachdenken.“ Es sind Kleinigkeiten. Alltägliches. Nicht der Rede wert. Für andere vielleicht. Für Menschen, die nicht mit permanenter Ablehnung und fehlender Unterstützung zu kämpfen hatten. Die ihr Leben lang ein liebevolleres Umfeld hatten als ich. Ich muss erst noch lernen, dass ich jetzt Menschen um mich habe, die meine neue Haarfarbe mögen, sich über meine Konzertbesuche freuen und Fotos mit Augenringen liken. Diese Anerkennung bzw. dieses respektiert werden ist für mich neu. Es fühlt sich gut an und ermutigt mich, weiterzumachen. Immer neue Dinge zu wagen. Ich probiere aus. Ich taste mich vor. Ich nutze die gute Phase, um neue Muster zu implementieren und in schlechten Phasen damit leichter darauf zugreifen zu können. Denn ich will mich nicht mehr einschränken lassen. Weder von anderen. Noch von mir selbst. 

Alles Liebe
Anni

Mittwoch, 21. Juni 2017

Es mustert und mustert

Ich habe heute an verschiedenen Stellen darüber gelesen, wie schnell man in unvorteilhafte alte Muster rutschen kann, ohne es zu merken bzw. es dann erst zu merken, wenn man schon wieder mitten drin ist. 

In den letzten Tagen ging es mir ähnlich. Durch die Dosiserhöhung meines Antidepressivums bin ich aktuell recht stabil, und das auf einem guten Niveau. Ich bin gut gelaunt, mein Antrieb ist hochgegangen, ich fühle mich unbeschwerter. Ein schöner Zustand.
Doch er hat mich auch dazu verleitet, mir im Büro wieder mehr zuzutrauen. Antrieb ist ja wieder da, ich fühle mich leistungsfähiger – also gleich mal wieder alles auf einmal machen, das Tempo erhöhen, mehr Verantwortung übernehmen. So wie vor der Depression eben.
Und was passiert? Es strengt mich zunehmend an, arbeiten zu gehen. Abends bin ich erschöpft und falle auf die Couch. Weil ich alles zack-zack-zack angegangen bin. Zu viel gleichzeitig erledigt habe und einen Teil von meinen Kollegen gleich mit. 

Wann mir das aufgefallen ist? Gestern Abend als ich beim Tätowierer saß und eine Stunde stillsitzen musste. Kein Smartphone, kein Fernseher, keine Ablenkung. Nur das leise Surren der Nadel und das leichte Kratzen auf der Haut – eine „Zwangspause“. Also erst ein paar Tage, nachdem das alte Muster wieder zu greifen begann.

Heute mache ich wieder langsamer. Der Vertrag geht dann eben erst morgen raus, die Büromaterialbestellung auch. Dafür macht sich die termingebundene Stellungnahme heute auf den Weg. Ich habe mir bewusst wieder Prioritäten gesetzt und nur ein Projekt nach dem anderen auf dem Tisch. Ich habe meine veränderte – für mich gesündere - Arbeitsweise wieder im Fokus.

Ja, ich freue mich, dass ich die Kurve recht schnell wieder bekommen habe, nachdem mir aufgefallen ist, dass ich zurück gerutscht bin. Früher hätte das sicher länger gedauert. Aber natürlich ärgert es mich, dass ich wieder in die gleiche Falle getappt bin wie schon so oft. Und da haben wir das nächste Muster: Eher den eigenen Fehler sehen als den Effekt, rechtzeitig einen Erfolg errungen zu haben. Werde ich sie jemals alle in den Griff bekommen? Ich weiß es nicht. Aber versuchen werde ich es trotzdem. 

Alles Liebe
Anni

Dienstag, 6. Juni 2017

Vor-Geburtstags-Gedanken

Ich werde bald 39 Jahre alt. Es kommt mir immer noch etwas unwirklich vor, dass ich schon „so alt“ bin. Ich fühle mich einfach nicht wie Ende 30. Und schon gar nicht erwachsen.

Natürlich gehe ich arbeiten, zahle meine Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, habe eine Lebensversicherung und einen Bausparvertrag, ein Auto, zahle meine Miete, halte meine Wohnung (meistens) sauber. Ich übernehme Verantwortung für mich selbst, im Job, in der Familie. Ich gehe regelmäßig zu Vorsorgeterminen beim Arzt, habe meine Finanzen in Ordnung. Machen diese Dinge einen Erwachsenen aus? Und wenn es das nicht ist, was ist es dann? 

Oft sehe ich Menschen an und denke mir „die/der wirkt so erwachsen“. Und dann fange ich an, mich zu vergleichen. Nicht nur, weil ich inzwischen fast nur noch Jeans und Sneaker trage oder mir rosa Strähnen in die Haare mache. Oder kaum Falten im Gesicht habe. Ich fühle mich einfach nicht, als würde ich in die Welt der Erwachsenen gehören, als würde ich nur so tun. Es ist ein bisschen so wie früher auf dem Schulhof, wenn man als Fünftklässler den Schülern aus den höheren Klassen zugeschaut hat und versucht hat, ihr Verhalten zu imitieren.

Ich liebe bunten Schnickschnack, Zeichentrickfilme und Plüschtiere. Von meinem Mann habe ich mir ein Paar Schuhe mit Snoopy-Aufdruck zum Geburtstag gewünscht. Ich spiele bei Familienfeiern lieber mit meinem Neffen Lego als mich mit den anderen zu unterhalten. Ich male Katzen und Einhörner aus und wenn irgendwo Flamingos drauf sind, muss ich es sofort haben. Mich begeistern Seifenblasen und Luftballons und Wunderkerzen. Über eine Star Wars-Tasse freue ich mich immer noch mehr als über ein Schmuckstück oder Parfüm. Ich kann mich (wenn ich nicht gerade eine depressive Episode habe) wie ein Kind für Dinge begeistern, die mir gefallen.

Ich habe immer auf den Moment gewartet, an dem ich mich erwachsen, vernünftig fühle. Vor ein paar Tagen ist mir aber klar geworden, dass dieser Moment wahrscheinlich nicht kommt. Und dass ich das auch gar nicht will. Ich will das Kind in mir behalten. Es bringt Farbe in mein Leben. Farbe, die das grau des Alltags ausgleicht und aufhellt. Ich liebe es einfach zu sehr, abends auf der Couch mit einem Plüsch-Flamingo im Arm unter meine Snoopy-Kuscheldecke zu kriechen und Tee aus meiner Sheepworld-Tasse. Mir sonntags „Die Sendung mit der Maus“ anzusehen. Ich schaue mir lieber Street-Art an als Kunst in einem Museum. Ich verfolge im Netz, was meine Lieblingsmusiker so anstellen. Ich trage einen Krümelmonster-Schal im Büro. Ich genieße es inzwischen sogar ganz bewusst, mal unvernünftig zu sein.

Ich werde immer etwas flippiger sein als andere in meinem Alter. Als der Rest meiner Familie. Das hat mich belastet – ich wollte nicht anders sein. Anders sein bedeutet, Angriffsflächen zu bieten, nicht dazu zu gehören. Aber seit ein paar Tagen habe ich das zum ersten Mal das Gefühl, dass es okay für mich ist. Ich bin einfach so. Ich war schon immer eine Träumerin, konnte mich in Büchern und fremden Welten verlieren. Warum sollte ich das aufgeben? Ich habe diesen fantasievollen bunten Anteil in mir jahrelang unterdrückt. In dieser Zeit bin ich krank geworden, fühlte mich verloren. Ich habe mir gefehlt.  

Sollen doch die anderen so Leben wie es ihrem Wesen entspricht. Ich tue das jetzt nämlich auch.

Alles Liebe
Anni